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NobelpreisträgerinWortgewaltig gegen Diktaturen - Herta Müller wird 70

Herta Müllers Texte stellen ihre „ewige Frage“ in Diktaturen: Wie kann man leben, wenn man nicht so sein darf, wie man will. Nach Antworten suchend wird die Literatur-Nobelpreisträgerin 70 Jahre alt.

Von Gerd Roth, dpa 15.08.2023, 16:02
Herta Müller bei einer Lesung: Die Literaturnobelpreisträgerin wird 70 Jahre alt.
Herta Müller bei einer Lesung: Die Literaturnobelpreisträgerin wird 70 Jahre alt. Gerald Matzka/dpa

Berlin - Herta Müller setzt Wortgewalt gegen die Brutalität von Diktaturen. Ob in Romanen wie „Atemschaukel“ oder „Herztier“, Vorträgen, Essays, Statements: Als eine der wichtigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur agiert die Schriftstellerin mit einer engen Verbindung aus oft eigenen Erfahrungen und präzisen Formulierungen gegen Auswüchse von Gewaltherrschaft. Diesen Donnerstag (17. August) wird die Literatur-Nobelpreisträgerin 70 Jahre alt.

Auch die Texte in ihrem gerade erschienenen neuen Band „Eine Fliege kommt durch einen halben Wald“ kreisen um die Themen, mit denen sich die Autorin seit Jahrzehnten so intensiv auseinandersetzt. „Es geht in allen Texten um Exil und Diktatur und die Zerstörung des Individuums“, sagt Müller der dpa zu ihrer Arbeit. „Um die ewige Frage in allen Diktaturen: Wie kann man leben, wenn man nicht so sein darf, wie man will und nicht so werden will, wie man darf.“

Herta Müller erfährt die Grauen der rumänischen Diktatur unter Nicolae Ceaușescu am eigenen Leib. Am 17. August 1953 kommt sie in einer deutschsprachigen Enklave in dem kleinen Ort Nitzkydorf nahe der Großstadt Temeswar zur Welt. Müller wächst mit der deutschen Sprache auf, ihre Familie gehört zur deutschen Minderheit im Land. Ihr Debütband „Niederungen“ über das elende Leben im Dorf erscheint 1982 nur in zensierter Form. Als „Nestbeschmutzerin“ eckt sie in der eigenen Gemeinschaft an, auch als sie sich mit der Geschichte ihres Vaters bei der Waffen-SS auseinandersetzt.

Müller leidet schon früh unter dem totalitären Regime Ceaușescus. Nach dem Studium rumänischer und deutscher Literatur in Temeswar weigert sie sich, während ihrer Arbeit die Angestellten einer Maschinenbaufabrik für den Geheimdienst Securitate zu bespitzeln. Das kostet sie ihren Job als Übersetzerin.

Müller will nicht Schriftstellerin werden. Sie beginnt zu schreiben, als der Druck des Regimes unerträglich wird. „Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Der war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen“, notiert sie später.

1987 kann sie mit ihrem damaligen Mann, dem im März gestorbenen Schriftsteller Richard Wagner, aus Rumänien in die Bundesrepublik ausreisen. „Ich war mit den Nerven so fertig, dass ich das Lachen mit dem Weinen verwechselte“, schreibt sie. Auch in Deutschland wird sie misstrauisch empfangen und der Zusammenarbeit mit der Securitate verdächtigt.

Seitdem lebt Müller in Berlin, seit langer Zeit gemeinsam mit dem Autoren Harry Merkle. In den Folgejahren schreibt sie wichtige Titel wie „Reisende auf einem Bein“ (1989), „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992) oder „Herztier“ (1994).

Ihr größter Erfolg ist bis heute „Atemschaukel“ von 2009 über das Schicksal von Deportierten im russischen Arbeitslager. Grundlage sind Erfahrungen des rumäniendeutschen Dichters Oscar Pastior (1944-2006) mit fünf Jahren Verbannung in einem solchen Lager. Müller will den Roman gemeinsam mit dem langjährigen Freund schreiben, führt das Projekt nach seinem unerwarteten Tod allein zu Ende.

Im selben Jahr erhält sie den Literaturnobelpreis. Müller zeichne „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“, befindet die Jury der Stockholmer Akademie.

„Atemschaukel“ ist auch 14 Jahre später noch immer der jüngste Roman der Autorin. In einem TV-Porträt zu Müller sagt Richard Wagner über die Arbeitsweise seiner früheren Frau: „Sie hat Angst vor dem Schreibprozess.“ Der Autor und langjährige Freund Ernest Wichner ergänzt: „Sie schreibt nur, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß.“

Schnipsel-Poesie

Neben mehreren Essaybänden entwickelt Müller am heimischen Küchentisch eine Schnipsel-Poesie als weitere Form ihrer literarischen Arbeit. Sie setzt Gedichte spielerisch zusammen aus Wörtern, die sie aus Zeitungen und Zeitschriften ausschneidet. Die Ergebnisse fließen in zahlreiche Bände ein, zuletzt etwa „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (2012), „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ (2019) oder „Der Beamte sagte“ (2021).

Die vielfach preisgekrönte Autorin kämpft mit zarter, zurückhaltender Art gegen Unterdrückung, Diskriminierung, Gewalt, Rassismus. Sie sorgt sich um die Entwicklung in demokratischen Ländern. „Es scheint eine Langweile oder ein Überdruss an der Freiheit in der Demokratie entstanden zu sein. Auch in Deutschland“, sagt sie der dpa. Zudem: „Die Ignoranz vor historischem Wissen macht Diktatur wieder vorstellbar.“

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck sieht eine Autorin, die dem Dunkel viele Melodien abgelauscht habe, „nicht zuletzt jene, die uns schwer auf die Seele fallen, weil sie an das Geräusch der Ketten erinnern“. Gemeinsam mit Gauck macht sie sich stark für ein in Berlin geplantes Exilmuseum, das historische und aktuelle Relevanz des Themas zeigen soll. „Für die 500.000 Deutschen, die vor den Nazis ins Exil fliehen mussten, um ihr Leben zu retten, gibt es keinen Erinnerungsort“, sagt Müller der dpa. Zu dieser Vertreibung habe sich Deutschland nie bekannt. „Angesichts der großen Fluchtwellen, wie wir sie heute weltweit sehen, wird das Exilmuseum sogar immer notwendiger.“