Landolf Scherzer wird 80

Sich selbst öffnen - um etwas zu erfahren

Der gelernte Journalist und Schriftsteller Landolf Scherzer hat sich selbst immer als Reporter verstanden.

Halle/MZ

Halle (Saale) - Landolf Scherzer ist ein freundlicher Mensch. Wer ihn einmal traf, wird diesen Eindruck behalten haben. Er sieht hin und hört zu, weil er etwas erfahren will und ist dabei bestimmt keiner, der auf die Pauke haut. Aber er stellt sein Licht auch nicht unter den Scheffel. Im Gespräch mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt hat Scherzer jetzt, zu seinem 80. Geburtstag an diesem Mittwoch, umfassend Auskunft über sich gegeben. „Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben“ heißt der im Aufbau-Verlag Berlin erschienene Band.

Den Titel kann man natürlich auch als Anspielung auf die Abgeschiedenheit in der abgeschotteten DDR verstehen, die Scherzers Lebensumfeld markiert hat. Der 1941 in Dresden Geborene studierte in Leipzig Journalistik, schrieb eine Diplomarbeit, wurde dann aber auf der Zielgeraden wegen aufmüpfiger Worte über die praktizierte Medienpolitik exmatrikuliert und zur Bewährung in die „autonome Bergrepublik Suhl“ geschickt.

Scherzer arbeitet nach der Exmatrikulation bei der SED-Zeitung „Freies Wort“ in Suhl

So nannten die Ostler den kleinen Bezirk im Süden des Thüringer Waldes spöttisch-herablassend. Scherzer kam bei der dortigen SED-Zeitung „Freies Wort“ unter. Zehn Jahre lang blieb er im Journalistenberuf, seit 1975 arbeitet er als freier Schriftsteller und fühlt sich im Genre der literarischen Reportage zuhause.

Das brachte ihm das Privileg, seine Provinz, die Bergwelt, die ihre Bewohner noch einmal besonders zusammenhält, immer wieder verlassen zu können und Notizbücher voller eigener Weltsicht mitzubringen. Und Rucksäcke mit raren Gütern aus der DDR-Hauptstadt, wo er öfter beruflich zu tun hatte: „Literatur hin oder her - Berlins Markthalle war ebenso wichtig“, bekennt Scherzer. Das ehrt ihn. Nur bei den kubanischen Orangen, die er neben Paprika und Gürkchen nennt, muss er sich irren. Erstere gab es überall, bestimmt auch in Suhl. Und keiner wollte sie haben.

Blick in die Binnenwelt des „Ersten“

Man müsse sich auch selbst ein bisschen öffnen, wenn man etwas erfahren will, hat Scherzer seine Recherchemethode beschrieben. Logisch: Wenn dir dein Gesprächspartner nicht über den Weg traut, wird er dir nichts anvertrauen. So ist der Autor auch dem „Ersten“ nahe gekommen, einem Kreischef der SED. Das war ein wichtiger Posten, sein jeweiliger Inhaber um so mächtiger, je weiter entfernt er von den größeren Häuptlingen saß. Das Buch, das den Funktionär auch privat porträtierte, wirbelte seinerzeit allerlei Staub auf - auch auch bei jenen, die sich das Recht nahmen zu entscheiden, was gut für die Leser war - und was nicht.

In seinem Tagebuch hat Scherzer 1988 über eine vielstündige Runde im Greifenverlag Rudolstadt geschrieben, besonders eine „scharfmacherische Lederjacken-ZK-Mitarbeiterin“ und eine „Beckmesserin aus dem Höpcke-Ministerium“ waren ihm aufgestoßen, die versucht hätten, sein Buch grundsätzlich zu diskreditieren. Das Zentralkomitee der Partei (der Scherzer angehörte) und die Hauptabteilung Verlage und Buchhandel im Kulturministerium der DDR - das waren die Zensurbehörden, an denen man vorbei kommen musste.

Am Ende ist es gut für den Autor und seinen Text ausgegangen, ein Dissident war er ja nun gerade nicht. Sonst hätte ihn „der Erste“ aus Bad Salzungen auch gar nicht an sich herangelassen. Immerhin war der Blick in die Binnenwelt eines SED-Entscheidungsträgers aber etwas Ungewöhnliches, man bekam lesend eine Ahnung davon, was den Mann an- und was ihn umtrieb.

Was Scherzer über den Alltag der DDR schrieb, gefiel nicht allen

Landolf Scherzer ist herumgekommen. In China, Griechenland und Kuba war er unterwegs, hat große Geschichte aus der Perspektive einfacher Menschen zu erzählen versucht. Mit DDR-Fischern fuhr er auf See. Was er über deren Alltag schrieb, hat seinen Kollegen auf Zeit besser gefallen als deren Chefs in Rostock. Auch seine Gespräche mit Thüringern über „die Schwarzen“, die Scherzer schon in den 1980er Jahren begonnen hatte, gefielen nicht allen. Damals durften diese Protokolle nicht erscheinen. Sie hätten auf latenten Rassismus verwiesen, den es seinerzeit aus politischen Gründen gar nicht geben durfte und der zumal im Osten Deutschlands bis jetzt ein ebenso akutes wie ungeliebtes Thema ist.

Schön ist die Episode vom Außerordentlichen SED-Parteitag im Dezember 1989 in Berlin. Den Genossen, soweit noch vorhanden, stand das Wasser bis zum Hals. Scherzer traf die Promis Gregor Gysi und Hans Modrow zufällig auf der Toilette und wollte sie für einen völligen Neuanfang begeistern. Aber es wurde nichts daraus: „Gysi erklärte mir, eine Auflösung der SED und die Aufgabe aller finanziellen Reserven wären das Ende der Partei“, hat der Autor jetzt dem sieben Jahre jüngeren Schütt zu Protokoll gegeben, einem „echten“ Thüringer übrigens, der von 1984 bis 1989 Chefredakteur des FDJ-Zentral-organs „Junge Welt“ gewesen ist.

Einen Moralisten hat man Scherzer genannt. Als einen, der sich einmischt, sieht er sich selbst. Ein wichtiger Zeuge jedenfalls.

Landolf Scherzer im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt: „Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben“, Aufbau-Verlag, Berlin, 281 S., 22 Euro