Roman

Notizen aus der Provinz: „Guldenberg“

Christoph Hein zeichnet in seinem neuen Buch ein düsteres Kleinstadt-Panoptikum rassistischer Borniertheit. Ein wenig schmeichelhaftes Porträt aus der ostdeutschen Provinz.

Von Sibylle Peine, dpa
In „Guldenberg“ zeichnet der Autor Christoph Hein ein düsteres Kleinstadt-Panoptikum.
In „Guldenberg“ zeichnet der Autor Christoph Hein ein düsteres Kleinstadt-Panoptikum. Suhrkamp Verlag/dpa

Berlin - In Guldenberg scheint die Welt noch in Ordnung. Das Leben dort ist „ruhig, vertraut und gemütlich“ und so soll es bitte auch bleiben.

Eine gewisse Gleichgültigkeit und unterkühlte Freundlichkeit schützt die Bewohner des ostdeutschen Städtchens vor den Zumutungen dort draußen: „Man hatte davon gehört, dass in den großen Städten wie Berlin oder Paris gelegentlich Scheiben eingeschlagen wurden. Von sexuellen Übergriffen und gar Vergewaltigungen hatte man schaudernd in der Zeitung gelesen, aber das waren Vorfälle aus einer anderen Welt, derlei gab es in Guldenberg nicht.“

Doch dann auf einmal das: Guldenberg bekommt eine Handvoll Geflüchtete zugewiesen. Sie werden im Alten Seglerheim untergebracht und von ein paar hilfsbereiten Frauen umsorgt. Die Ankunft der Fremden verursacht sofort Unbehagen: „Es würde wieder ungehörige und verachtenswerte Auftritte in der Stadt geben, die den Werten und dem Lebensstil ihrer Bürger unangemessen waren und Unfrieden stiften würden.“ In den Kneipen, aber auch in Teilen des Stadtrats macht man Stimmung gegen die „Zigeuner“, die in Wahrheit unbegleitete minderjährige Syrer und Afghanen sind. Als dann auch noch das Gerücht aufkommt, einer der Flüchtlinge habe ein junges Mädchen vergewaltigt, wird es brandgefährlich.

Christoph Heins (77) Alterswerk „Guldenberg“ ist ein wenig schmeichelhaftes Porträt aus der ostdeutschen Provinz. Es zeichnet die Stimmung in den Jahren nach der Flüchtlingskrise als ein unerquickliches Gebräu aus Verbitterung, Missgunst und Fremdenfeindlichkeit. Guldenberg ist dabei der sächsischen Kurstadt Bad Düben nachempfunden, die schon in diversen Büchern Heins eine wichtige Rolle spielte und in der der 1944 in Schlesien geborene Schriftsteller aufgewachsen ist. Er wurde deshalb zu Recht als Chronist von Bad Düben bezeichnet und ist auch seit 2011 Ehrenbürger der Stadt.

In Guldenberg gibt es verkrachte Existenzen, Profiteure und Opportunisten, etwas hilflos versuchen die Vertreter des Staates und der Kirche zwischen den unterschiedlichen Interessen zu navigieren. Der Pfarrer setzt sich für die Geflüchteten ein, wird dafür aber von Mitgliedern seiner eigenen Kirchengemeinde attackiert. Der Bürgermeister, der für die Unterbringung der Minderjährigen verantwortlich ist, wird bedroht. Der Polizeiobermeister ist zwar definitiv „kein Freund dieser Asylanten“, fühlt sich dann aber doch als Vertreter von Recht und Ordnung von den kriminellen Attacken herausgefordert.

Dann gibt es noch ein Gespinst von wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die teilweise tief in die Vergangenheit zurückreichen. Ein Großunternehmer hat seine Villa mitten in ein Naturschutzgebiet gesetzt. Seine scheinbar prosperierende Firma steht in Wahrheit kurz vor dem Zusammenbruch. Dabei hatte er noch kurz zuvor getönt, neue Arbeitskräfte einzustellen, notfalls sogar Flüchtlinge.

Der Roman leidet etwas unter einer gewissen Schlagseite. Eigentlich kommen in ihm nur ein paar beherzte Frauen gut weg. Viele männliche Protagonisten erscheinen dagegen wie Abziehbilder einer bornierten Provinzialität und fremdenfeindlichen Aggressivität. Dieses düstere Panoptikum ist wahrlich kein Ruhmesblatt für Heins sächsische Heimat. Ein bisschen mehr Poesie, Phantasie und sprachliche Raffinesse hätten dem Roman gut getan.

- Christoph Hein: Guldenberg, Suhrkamp Verlag, Berlin, 284 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-518-42985-3.