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Neues Buch Judith Hermann auf den Spuren ihres Nazi-Großvaters

In einem ihrer persönlichsten Bücher versucht die Schriftstellerin in Polen ein Familiengeheimnis zu ergründen.

Von Sibylle Peine, dpa 27.02.2026, 09:30
Schriftstellerin Judith Hermann spürt ihrer Familiengeschichte nach. (Archivbild)
Schriftstellerin Judith Hermann spürt ihrer Familiengeschichte nach. (Archivbild) Jens Kalaene/dpa

Berlin - „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet. Mein Großvater war ein überzeugter Nationalsozialist, darüber hinaus Mitglied der Waffen-SS“, schreibt Judith Hermann. Aus dieser Nazi-Vergangenheit machte der Großvater keinen Hehl. Zumindest ließ er sich seine SS-Tätowierung nach dem Krieg nicht entfernen. Sie blieb auf „der Innenseite seines Armes, verblichen, blassblau, groß wie ein Pfennig“. Doch außer dieser Tätowierung erinnerte in der Familie nicht viel an die unrühmliche Vergangenheit des Großvaters.

Mit über 50 Jahren begibt sich die Schriftstellerin auf eine Reise nach Polen in der vagen Hoffnung, mehr über den Großvater zu erfahren, der vor ihrer Geburt starb und über den ihre Mutter so schmerzlich wenig zu berichten wusste - auch weil sie ihn selbst kaum gekannt hatte. Über diese Reise erzählt Judith Hermann in ihrem neuen Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. 

Es ist weder ein Roman noch eine Kurzgeschichte geworden, auch keine Reportage oder Dokumentation, sondern ein bisschen von allem, in jedem Fall aber eines der persönlichsten Bücher von Judith Hermann, eine melancholisch grundierte Zeitreise und Familiengeschichte.

Reise nach Polen

In einem bitterkalten Februar fährt sie nach Radom. In dieser 100 Kilometer südlich von Warschau gelegenen Großstadt hielt sich ihr Großvater nachweislich während des Krieges auf. Fast ein Drittel der Bevölkerung dieser Stadt waren damals Juden, die von den deutschen Besatzern in ein Ghetto gesperrt wurden, fast niemand überlebte. Entweder wurden die Menschen gleich vor Ort getötet oder sie starben im Vernichtungslager.

Aus Radom gibt es ein zutiefst verstörendes Foto von Judith Hermanns Großvaters, das eine ganz andere Geschichte erzählt. Es zeigt ihn auf einem Motorrad der SS auf einem Platz, dahinter ein weiteres Motorrad mit zwei jungen Männern, „ein Schnappschuss unter Freunden“. Alle drei scheinen bestens gelaunt zu sein, „es geht ihnen augenscheinlich sehr gut in Radom im Hochsommer, es ist heiß, sie tragen ärmellose Unterhemden, kurze Hosen, ihre Arme, ihre kräftigen weißen runden Schultern sind nackt.“ Die Enkelin findet den Gesichtsausdruck des Großvaters „schwindelerregend gelassen und stolz“.

Eindrücke aus Radom

Das Radom, das Judith Hermann erlebt, ist eisig und abweisend. Die Leser frösteln mit ihr. Die Schriftstellerin stromert durch die ausgestorbene Stadt, die ihr, der Nachfahrin eines deutschen Besatzers, die kalte Schulter zeigt. Sie ist allein im Park, im Historischen Museum und im Schwimmbad. Schließlich sucht sie den Platz auf, an dem das Foto ihres Großvaters auf dem Motorrad entstand, sie versucht, die gespenstische Szene nachzuempfinden, lässt ihre alte Mutter in Deutschland daran teilhaben. Die findet all das nur „bedrückend“ und hält der Tochter vor, die Geschichte des Großvaters zu literarisieren.

Auch die Schwester der Autorin, die sie in Neapel besucht, teilt diese abweisende Haltung. Dabei lebt diese als Archäologin in und von der Vergangenheit, gräbt im verschütteten Pompeji und wohnt im musealen Haus einer verstorbenen Kommunistin mit verstaubtem Inventar. Doch sie duldet – schon wegen ihrer Kinder – keine beunruhigenden Erzählungen aus der eigenen Familiengeschichte. Also kein Gespräch über den Großvater in Radom.

Letztlich, und das ist das Enttäuschende an der Geschichte, bleibt das Bild des Großvaters so unscharf, wie es von Anfang an war. Im Verlauf der sich zerfasernden Erzählung geht es dann immer weniger um ihn, stattdessen ums Erinnern und Vergessen allgemein in der Familiengeschichte. Der Großvater wird schlicht aufgegeben: „Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen.“ Man hätte sich mehr erhofft.