Buch von Ilija Trojanow

Buch von Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“ oder das Leben ausradieren

Halle (Saale) - „Mach nur weiter so, dann endest du am Galgen“, sagt Metodi Popow zu seinem Mitschüler Konstantin Scheitanow, der ihm entgegnet: „Und du als ausradierter Name.“ Wenige Jahre später, es ist der Frühling 1953, steht Konstantin, gerade 20 Jahre alt, vor Gericht - und kurz vor dem Galgen. Dem jungen Mann wird vorgeworfen, einen Bombenanschlag auf ein Stalin-Denkmal verübt zu haben. Dass es sich bei dem Prozess um eine Farce handelt, wird deutlich, als Konstantins Verteidiger dem Richter erklärt, dass er nicht die Kraft finde, „diesen Verbrecher zu verteidigen, der voll und ganz die Strafe verdient, die der Staatsanwalt für ihn ...

Von Kai Agthe

„Mach nur weiter so, dann endest du am Galgen“, sagt Metodi Popow zu seinem Mitschüler Konstantin Scheitanow, der ihm entgegnet: „Und du als ausradierter Name.“ Wenige Jahre später, es ist der Frühling 1953, steht Konstantin, gerade 20 Jahre alt, vor Gericht - und kurz vor dem Galgen. Dem jungen Mann wird vorgeworfen, einen Bombenanschlag auf ein Stalin-Denkmal verübt zu haben. Dass es sich bei dem Prozess um eine Farce handelt, wird deutlich, als Konstantins Verteidiger dem Richter erklärt, dass er nicht die Kraft finde, „diesen Verbrecher zu verteidigen, der voll und ganz die Strafe verdient, die der Staatsanwalt für ihn fordert“.

Wäre nicht wenige Wochen zuvor der Genosse Stalin gestorben, hätte die Anklage für den Tod durch den Strang plädiert. So aber wird der junge Scheitanow mit 20 Jahren Freiheitsentzug bestraft. Dem Prozess ging ein mit Folter verbundenes Verhör voraus, an dem der inzwischen bei der Staatssicherheit tätige Metodi als Peiniger Konstantins beteiligt war.

Ilija Trojanow (50), dessen Buch „Der Weltensammler“ ein Bestseller war, nimmt sich in seinem jüngsten, wie ein philosophischer Essay betitelten Roman „Macht und Widerstand“ einem Kapitel aus der jüngsten Geschichte seiner bulgarischen Heimat an. Metodi Popow, der eine steile Karriere als Staatssicherheitsoffizier machte, steht stellvertretend für die Macht und Konstantin Scheitanow für den oppositionellen Widerstand im Bulgarien der Jahrzehnte vor und auch nach 1989.

Episoden aus der Geschichte

Erzählt wird aus unserer Gegenwart und alternierend: Kapitel, in denen Konstantin als Ich-Erzähler auftritt, wechseln mit Abschnitten, in denen Popow spricht. Dazwischen werden Stasi-Unterlagen wiedergegeben und auch Episoden aus der Geschichte des sozialistischen Bulgariens berichtet.

Popow und Scheitanow sind inzwischen Greise. Während der Ex-Tschekist sich einer jungen Frau erwehren muss, die meint, seine uneheliche Tochter zu sein, versucht sich Scheitanow gegen seine angeschlagene Gesundheit zu behaupten, weil er noch immer eine Rechnung offen hat mit dem Verrat: „Solange die nicht beglichen ist, werde ich pünktlich das Dutzend Pillen einnehmen, das mich am Leben erhält.“

Popow hat es da im Disput mit der Frau, die seine Tochter sein will, deutlich einfacher: Dank seiner noch immer intakten Beziehungen zu Geheimdienstkreisen lässt er ein Gutachten, das seine Vaterschaft bestätigt, ins Gegenteil verkehren. Auch rückblickend wird Popow, der sich selbst als „den Michelangelo des Verhörs“ feiert, nicht von einem schlechten Gewissen geplagt: „Gab’s im Land eine effizientere Institution als unsere?“ fragt er mit Blick auf den alten Geheimdienst rhetorisch.

Erster Personenschützer

Mit Wehmut in der Stimme erinnert er sich auch an die Zeit, da er als erster Personenschützer zum engsten Kreis von Staats- und Parteichef Todor Schiwkow zählte – und wie es ihn, Popow, rührte, als der kommunistische Diktator einmal liebevoll von „meiner Staatssicherheit“ sprach. Die historische Wahrheit weiß der Stasi-Offizier ohnehin auf seiner Seite: Stalin? „Eine missverstandene Figur.“ Dubcek? „Ein Verräter.“ Chruschtschow? „Eine miese Ratte.“

Popows Verbindungen zur alten und damit auch zur neuen Elite sind so gut, dass Scheitanows Versuche, an Unterlagen des früheren Geheimdienstes zu gelangen, torpedieren kann. Was auch immer der Bürgerrechtler versucht, um seine und seiner Leidensgenossen Peiniger ihrer Strafe zuzuführen, misslingt. Als Scheitanow in einer Kommission zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit mitwirken soll, scheitert er an dem Misstrauen der Parlamentarier, die die Mitglieder des Ausschusses zu wählen haben: Auch in der neuen Zeit ist Scheitanow wegen seiner Angewohnheit, die Vergangenheit nicht ruhen lassen zu können, gefährlich.

Um ihn zu diskreditieren wird er „des krankhaften Argwohns, des fanatischen Starrsinns, der Selbstgerechtigkeit“ bezichtigt. Auch werden Gerüchte gestreut, dass Scheitanow Beziehungen zu Terroristen unterhalte.

Mitleid paart sich beim Leser mit Wut, wenn man erlebt, wie dieser Mensch um sein Leben betrogen wird. Des redlichen Scheitanows Erkenntnis ist deshalb unbedingt beizupflichten: „Das Ergebnis aufrechter Haltung ist nicht messbar.“

Historische Gerechtigkeit

Mag er in der neuen Zeit ein an der Armutsgrenze lebender Außenseiter sein, so endet Scheitanow doch nicht am Galgen. Popow jedoch wird, wie es sein Mitschüler vor Jahrzehnten prophezeite, in die Bedeutungslosigkeit gestoßen. An dessen Grab radiert Scheitanow den Namen des skrupellosen Tschekisten aus: „Weil du dich der gerechten Strafe entzogen hast, wirst du zur schlimmsten aller Höllen verdammt, der Verachtung der Nachfahren, für alle Zeit.“

Mehr an historischer Gerechtigkeit, so müssen wir das Ende von Trojanows Buch auch deuten, ist im Bulgarien der Gegenwart nicht zu bekommen. Wenigstens darf Scheitanow das letzte Wort haben: „Es hat sich gelohnt“, lautet der einzige auf Seite 478 gedruckte Satz.

Nach der Lektüre dieses groß angelegten und wunderbar erzählten Romans wird man umso dankbarer sein, dass das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR - dem seinerzeit mit Erich Mielke ein Geheimdienstler vom Format Metodi Popows vorstand - in der Bundesrepublik seit einem Vierteljahrhundert durch eine eigene Behörde aufgearbeitet wird. Das ist, wie etwa das Beispiel Bulgarien zeigen kann, alles andere als selbstverständlich. (mz)