Nur noch einer von 70

Flüchtlinge Sachsen-Anhalt: Warum ist Job-Projekt bei Papenburg in Halle gescheitert?

Magdeburg/Halle - Nach gescheitertem Vorreiter-Projekt bei der Baufirma Papenburg dämpft Haseloff die Erwartungen. Ist die Sprachhürde einfach zu hoch?

Von Hagen Eichler 24.01.2017, 09:00
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) spricht mit Ayanie Osman Hosh aus Somalia am Rande einer Informationsveranstaltung im Januar 2016 über eine Berufsausbildung in Halle/Saale.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) spricht mit Ayanie Osman Hosh aus Somalia am Rande einer Informationsveranstaltung im Januar 2016 über eine Berufsausbildung in Halle/Saale. dpa-Zentralbild

Bis Flüchtlinge in größerer Zahl eigenes Geld verdienen, wird es nach Ansicht von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) dauern. „Wenn wir zehn Prozent mittelfristig in Arbeit bekommen können, wäre das ein Erfolg. Der deutsche Arbeitsmarkt gehört zu den anspruchsvollsten in Europa. Das zeigen auch die Langzeitarbeitslosen, die wir noch immer haben, trotz Deutschkenntnissen und guter Ausbildung.“

Baufirma Papenburg in Halle: Von 70 Flüchtlingen ist noch einer übrig

Haseloff reagiert so auf ein gescheitertes Vorreiter-Projekt der Baufirma Papenburg in Halle. Die hatte rund 70 Flüchtlinge als Praktikanten aufgenommen, 30 weitere sollten folgen. Derzeit ist aber nur noch ein einziger im Unternehmen, alle anderen sind innerhalb von zwölf Monaten abgesprungen.

Geschäftsführerin Angela Papenburg zeigt sich enttäuscht. Die Mitarbeiter hätten sich viel Mühe bei der Eingliederung gegeben, sagte sie der MZ. Die Behörden jedoch hätten ihre Praktikanten immer weiter zu Deutschkursen verpflichtet, ohne Blick auf den Beginn einer Berufsausbildung. „Ich hinterfrage, ob das wirklich nötig ist“, sagte sie am Montag.

Haseloff zum Job-Projekt für Flüchtlinge bei Papenburg: „Jetzt müssen wir auswerten, warum dort so viele Flüchtlinge ausgestiegen sind.“

Haseloff hatte das Engagement von Papenburg bei einem Unternehmensbesuch vor einem Jahr als vorbildlich gelobt. Am Montag sagte er, er hätte sich ein besseres Ergebnis gewünscht. „Jetzt müssen wir auswerten, warum dort so viele Flüchtlinge ausgestiegen sind.“

Susi Möbbeck (SPD), im Landesarbeitsministerium als Staatssekretärin für Integration zuständig, erklärt das Scheitern mit dem frühen Start des Projekts vor einem Jahr. „Man kann daran erkennen, dass uns Schnellschüsse nicht helfen.“ Der Großteil der Papenburg-Praktikanten habe zuvor keinen Sprachkurs absolviert. Grundkenntnisse der deutschen Sprache seien aber im Berufsalltag unabdingbar. Vergeblich sei das Engagement allerdings nicht gewesen, die Teilnehmer hätten einen Einblick in den deutschen Berufsalltag gewonnen.

Agentur für Arbeit: „Die Sprache ist die Grundlage für alles Weitere, deshalb sind Integrations- und Sprachkurse auch vorrangig“

Die Agentur für Arbeit verteidigt ihr Vorgehen. „Die Sprache ist die Grundlage für alles Weitere, deshalb sind Integrations- und Sprachkurse auch vorrangig“, sagte Christian Weinert von der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen. Die Arbeitsagentur in Halle verweist darauf, dass zudem etliche der Papenburg-Praktikanten Sachsen-Anhalt verlassen hätten. Das war bislang problemlos möglich, künftig hingegen gilt eine Wohnsitz-Auflage.

Staatssekretärin Möbbeck rechnet damit, dass in Sachsen-Anhalt in diesem Sommer eine größere Gruppe von Flüchtlingen auf den Ausbildungsmarkt kommt und auch sprachlich mithalten kann. Im Blick hat sie Schulabgänger sowie Erwachsene, die bereits einen Integrationskurs absolviert haben. Nach ihren Angaben werden von rund 11.000 Flüchtlingen im Land derzeit 6.000 qualifiziert.

Große Unternehmen zögern bislang, Flüchtlinge in größerer Zahl einzustellen. Der Logistik-Konzern Hermes Fulfilment beschäftigt in seinem Versandzentrum in Haldensleben (Landkreis Börde) neun Eritreer zum Tariflohn und hat schon dafür den Integrationspreis des Landes erhalten. Die größte Herausforderung sei die Sprache, sagte eine Sprecherin. Das Unternehmen will in Haldensleben in diesem Jahr 500 neue Mitarbeiter einstellen, davon zehn Prozent Flüchtlinge. (mz)

Hinweis der Redaktion:

In einem dpa-Text am Montag (23.01.2017) zum Thema hieß es, dass 100 Flüchtlinge bei Papenburg mit der beruflichen Qualifizierung begonnen haben. Die Nachrichtenagentur dpa hat inzwischen ihre Angaben korrigiert. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.