Kult-Produkt aus dem Osten Das schmeckt nach DDR! Darum wurde das Rezept von Bautz’ner Senf nie geändert
Kaum ein Produkt aus der DDR weckt so viele Erinnerungen wie Bautz’ner Senf. Damals gehörte er selbstverständlich auf den Tisch und war politisch gewollt. Wie aus einem einfachen Produkt ein Kultklassiker wurde.

Bautzen. – Es gibt Geschmäcker, die lassen sich nicht einfach ersetzen. Man kann sie zeitweilig vergessen. Aber sie kommen zurück. So wie der erste Klecks Bautz’ner Senf auf einer heißen Bockwurst: kaum scharf, leicht würzig, sofort vertraut. Für viele beginnt hier die Erinnerung an die DDR.
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Der Senf-Klassiker aus der Oberlausitz ist kein Zufall und nicht nur ein Markenprodukt. Er erzählt vom Alltag in der DDR. Und von einem Geschmack, der sich bis heute kaum verändert hat.
Bautz’ner Senf: Ein Geschmack, der Erinnerungen an die DDR weckt
In der DDR aßen die Menschen sehr viel Senf. Im Durchschnitt waren es rund 1,5 Kilogramm pro Person und Jahr. Zum Vergleich: In der alten Bundesrepublik waren es nur etwa 90 Gramm.
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Senf war in der DDR kein Luxus, sondern Grundnahrungsmittel. Der Staat behandelte ihn auch so und subventionierte ihn über Jahrzehnte. Ein Glas Bautz’ner Senf hätte eigentlich 55 Pfennige kosten müssen. Im Geschäft kostete es aber nur 37 Pfennige. Den restlichen Betrag zahlte der Staat.
Senf statt Luxus: Warum Bautz’ner in der DDR Grundnahrungsmittel war
Der Grund war schlicht und praktisch. Viele Gewürze waren knapp oder gar nicht erhältlich. Senf dagegen war verfügbar. Und er konnte viel. Er brachte Geschmack in einfache Gerichte, ersetzte fehlende Zutaten und machte Alltägliches besser.
Deshalb spielt Senf auch in vielen Kochbüchern aus der DDR eine große Rolle. Er wird dort nicht nur als Beilage erwähnt. Oft ist Senf der wichtigste Bestandteil des Gerichts.

Es gibt Rezepte für Senfsuppen, Senfsoßen und Eier in Senfsoße. Sogar Senf-Desserts sind in alten Kochbüchern zu finden. Manche Menschen strichen Senf auch einfach auf das Brot.
Die Geschichte des Klassikers: Von Britze & Söhne zur DDR-Marke
Wenn in der DDR von Senf die Rede ist, kommt vielen Ossis sofort ein Name in den Sinn: Bautz’ner. Für viele war er nicht nur eine Marke, sondern der Maßstab für Senf.
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Dabei begann seine Geschichte lange vor der DDR. Bereits im Jahr 1866 stellten Britze & Söhne in Bautzen Senf her. Damals hieß das Produkt Mostrich. Es war handgemacht, wurde in kleinen Mengen produziert und vor allem in der Region verkauft.
Mit dem Senf, den viele heute als Bautz’ner Senf kennen, hatte dieser Mostrich aber kaum etwas zu tun. Es gab keinen einheitlichen Geschmack, keine feste Rezeptur und keine bekannte Marke. Dass aus dieser kleinen Senfherstellung später einmal der bekannteste Senf der DDR entstehen würde, konnte zu dieser Zeit niemand ahnen.
1953 und die Verstaatlichung: Die Geburt des Bautz’ner Senfs
Der eigentliche Startschuss für den Bautz’ner Senf fiel erst im Jahr 1953, mit der Verstaatlichung des Betriebs in der DDR. In der zentral gesteuerten Wirtschaft entstand der mittelscharfe Senf in einer einheitlich definierten Rezeptur.
Er wurde in hellgelbe Plastikbecher gefüllt und unter dem Namen Bautz’ner Senf verkauft. Die Becher standen bald in fast jeder Kantine und in vielen Haushalten. Der Senf war überall zu finden.
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Sein Geschmack war besonders. Er war mild und leicht würzig. Die helle Farbe kam von sehr fein gemahlenen Senfkörnern, nicht von Farbstoffen. Die leichte Schärfe entstand auf natürliche Weise durch das Senföl aus den Körnern.
Nach der Wende: Warum Bautz’ner Senf nicht verschwand
Nach dem Mauerfall hätte dem Bautz’ner Senf das gleiche Schicksal drohen können wie anderen DDR‑Marken: das Verschwinden. Doch anders als bei vielen weiteren Produkten verloren Ostdeutsche nicht die Zuneigung zu ihrem Senf. Und: Er fand zunehmend auch im Westen Deutschlands Anhänger.
Im Jahr 1992 kaufte der bayerische Senf‑ und Feinkosthersteller Develey Senf & Feinkost das Werk und investierte in eine neue Produktionsanlage in Bautzen. Die Marke blieb erhalten, die Herstellung vor Ort wurde fortgeführt.

Die Firma legt nach eigenen Angaben großen Wert auf Qualität und Tradition. So wurde bewusst darauf verzichtet, die Rezeptur an westdeutsche Geschmacksrichtungen anzupassen, wird auf der Internetseite erklärt. Genau deshalb schmeckt der Bautz’ner Senf auch heute noch so, wie viele Menschen ihn aus der DDR kennen und in Erinnerung haben.
Marktführer im Osten: Bautz’ner Senf schlägt alle Konkurrenten
Der Erfolg gibt dieser Entscheidung recht. Die Marke ist in Ostdeutschland Marktführer: Rund 70 Prozent der Verbraucher greifen hier zu diesem Senf. Bundesweit liegt der Marktanteil bei etwa 23 Prozent. Mehr erreicht keine andere Marke.

Die Fangemeinde ist groß und erstaunlich leidenschaftlich. Manche erscheinen zum Fasching als Senfeimer oder Senftube, andere tragen den Becher oder das Logo tätowiert dauerhaft bei sich.