Nachruf auf Alexander Schalck-Golodkowski

Nachruf auf Alexander Schalck-Golodkowski: Tod eines Devisenbeschaffers

Berlin - Auch für Alexander Schalck-Golodkowski war der 17. Juni 1953 ein Tag der Entscheidung. In Berlin waren die Arbeiter aus Zorn über Normerhöhungen und die schlechte Versorgungslage auf die Straße gegangen, ganz offen wurde die Absetzung Walter Ulbrichts als SED-Chef gefordert. Am Morgen dieses Tages stand Schalck vor dem Außenhandelsministerium an der Leipziger Straße, wo er ein halbes Jahr zuvor als Sachbearbeiter angefangen hatte. Demonstranten hatten sich vor dem Gebäude, in dem heute das Bundesfinanzministerium untergebracht ist, versammelt. Es gab Sprechchöre, erste Steine flogen. Schon in den Wochen zuvor, so erinnerte sich Schalck später in seinen Memoiren, habe er in seinem Ringerverein mit den Sportkameraden Diskussionen über die Probleme im Land geführt. „Zwischen mir, dem jungen Mann aus dem Apparat, und ihnen, den Fleischergesellen und Müllkutschern, öffnete sich ein Graben“, schreibt Schalck in seinem Buch. An diesem 17. Juni musste er sich nun aber endgültig entscheiden – für das Volk, das protestierte, oder für die Partei, die es ...

Von Andreas Förster 22.06.2015, 07:38

Auch für Alexander Schalck-Golodkowski war der 17. Juni 1953 ein Tag der Entscheidung. In Berlin waren die Arbeiter aus Zorn über Normerhöhungen und die schlechte Versorgungslage auf die Straße gegangen, ganz offen wurde die Absetzung Walter Ulbrichts als SED-Chef gefordert. Am Morgen dieses Tages stand Schalck vor dem Außenhandelsministerium an der Leipziger Straße, wo er ein halbes Jahr zuvor als Sachbearbeiter angefangen hatte. Demonstranten hatten sich vor dem Gebäude, in dem heute das Bundesfinanzministerium untergebracht ist, versammelt. Es gab Sprechchöre, erste Steine flogen. Schon in den Wochen zuvor, so erinnerte sich Schalck später in seinen Memoiren, habe er in seinem Ringerverein mit den Sportkameraden Diskussionen über die Probleme im Land geführt. „Zwischen mir, dem jungen Mann aus dem Apparat, und ihnen, den Fleischergesellen und Müllkutschern, öffnete sich ein Graben“, schreibt Schalck in seinem Buch. An diesem 17. Juni musste er sich nun aber endgültig entscheiden – für das Volk, das protestierte, oder für die Partei, die es beherrschte.

Er entschied sich für die Partei, für den Staat, für seine Karriere. Den Grund hierfür hat er ziemlich unverblümt in seinen Memoiren auf den Punkt gebracht: „Ich habe die DDR stets als Leistungsgesellschaft verstanden“, schreibt er dort. „Wer nach ‚oben’ kam, erhielt auch materielle Vorteile. Hierin lag eine Triebfeder meines Fleißes.“

Einflussreiche Freunde

Schalck-Golodkowski kam am 3. Juli 1932 in Berlin zur Welt. Sein Vater, ein russischer Offizier, der nach der Oktoberrevolution staatenlos wurde, arbeitete als Taxifahrer, seine Mutter, in Hamburg geboren, war Masseurin. 1948 fing Schalck eine Lehre an in den Ostberliner Elektro-Apparate-Werken (EAW). Mit 20 Jahren wechselte er dorthin, wo er es schließlich bis zum Staatssekretär und zweifachen Träger des Karl-Marx-Ordens bringen sollte – ins Ministerium für Außenhandel.

Schalck hatte von Beginn an einflussreiche Freunde in der Partei, die ihn förderten. Sie schätzten seinen Fleiß, seine Wendigkeit und seine bedingungslose Ergebenheit für die SED. Schalck wurde Abteilungsleiter und 1962, mit gerade mal 30 Jahren, hauptamtlicher Parteisekretär im Ministerium.

Aber es war nicht nur die SED, die Schalcks Potenzial erkannte. 1962 lernte er die Stasi-Offiziere kennen, die ihn in den Geheimdienst holten und seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägten: Hans Fruck, legendärer Vizechef der Stasi-Hauptverwaltung A, der Mann hinter Markus Wolf; und Heinz Volpert, hochrangiger Offizier aus dem Stab von Stasi-Minister Erich Mielke. Sie beide wurden zu Ziehvätern Schalcks, der mit ihrer Hilfe von 1966 an einen klandestinen Westhandelskonzern mit Milliardenumsatz aufbaute – den Bereich „Kommerzielle Koordinierung“, bekannt als KoKo.

Bis zur Revolution im Herbst 1989 dirigierte Schalcks KoKo rund 200 Firmen, die allermeisten davon im westlichen Ausland. Die KoKo-Unternehmen erwirtschafteten Devisen für den klammen Staat, durch legalen Handel einerseits, andrerseits aber auch durch Schmuggel- und Schiebergeschäfte mit Waffen, Antiquitäten, Briefmarken, Schmuck und Edelmetallen, die nicht selten aus zweifelhaften Quellen stammten. Durch sein Geschick und seine Skrupellosigkeit beim Einfädeln von Geschäften wurde Schalck – neben seinem zivilen Amt als Staatssekretär auch Oberst im Staatssicherheitsdienst – zum wichtigsten Devisenbeschaffer des SED-Staats.

Diplomatisches Geschick

Daneben gewann er das Vertrauen bundesdeutscher Spitzenpolitiker, die ihn in den 1980er Jahren als zuverlässigen Unterhändler Honeckers schätzten. Sein diplomatisches Geschick, gepaart mit einer wohlbemessenen Berliner Schnodderigkeit, kam in den westdeutschen Machtkreisen an. Schalck war nun nicht mehr wie in jungen Jahren der seinem Staat bedingungslos ergebene Apparatschik. Natürlich blieb er loyal und karrierebewusst. Aber bei seinem Aufstieg zu Honeckers Chefunterhändler mit CDU und CSU hatte er gelernt, was man wann wem und wo sagt. Wann man ehrlich ist und wie weit man sich verbiegen lässt.

Mit Franz Josef Strauß fädelte er 1983 den Milliardenkredit für die DDR ein und tauschte so manche geheime Information über Politik und Militär aus. Wolfgang Schäuble, damals Chef des Bundeskanzleramtes, fuhr spätabends in der Hohenschönhausener Stasi-Siedlung vor, um im Privathaus von Schalck heikle Fragen der deutsch-deutschen Asylpolitik zu besprechen.

Für Schalck zahlten sich diese deutsch-deutschen Männerfreundschaften aus, besonders in den Wendewirren, als sein Leben in der DDR unmittelbar bedroht war. Ende November 1989 hatten SED und Stasi den in der DDR-Öffentlichkeit bis dahin kaum bekannten Chefdevisenbeschaffer ins Rampenlicht gezerrt, wohl in der Hoffnung, die eigenen Untaten blieben hinter seinem breiten Rücken verborgen. In der Nacht zum 3. Dezember 1989 floh Schalck, bebend vor Todesangst, wie er später erzählte, in einem Lada über den Grenzübergang Invalidenstraße nach Westberlin.

Im Westen wurde der abtrünnige Spitzenfunktionär mit offenen Armen empfangen. Der BND schaffte den gewichtigen Überläufer und dessen Gattin auf eine abgelegene Almhütte in den Alpen und ließ sich in wochenlangen Befragungen die Defizite in der eigenen DDR-Aufklärung auffüllen.

Viele Fragen unbeantwortet

Unbeantwortet aber sind bis heute verschiedene Fragen geblieben: War Schalck bei seiner Flucht im Besitz von belastendem Material gegen westdeutsche Politiker, das ihm im Westen Türen öffnete? Stand er schon vor dem Wendeherbst 1989 in Kontakt mit dem BND? Und was war in den braunen DIN-A4-Umschlägen, die eine Freundin der Familie wenige Tage nach der Flucht 1989 aus einem Bankfach der Schalcks in der verschwiegenen Otto-Scheuermann-Bank in Westberlin holte und Schalcks Ehefrau Sigrid übergab?

Nach der Wiedervereinigung erwarb das Ehepaar Schalck-Golodkowski vom bayerischen Fleischhändler Josef März, einem Strauß-Spezl und langjährigem KoKo-Geschäftspartner, ein Haus in Rottach-Egern am Tegernsee. Schalck überstand sieben Anklagen und drei Prozesse, er kassierte zwei Bewährungsstrafen wegen Waffenschmuggel und Embargoverstößen. Im Sommer 1996 gründete er seine erste eigene Firma, im oberbayerischen Miesbach: „Dr. Schalck & Co“. Der Zweck des Unternehmens: Handel mit Waren aller Art – was sonst.

Im März 2003 erlitt Schalck einen Herzstillstand, konnte aber wiederbelebt werden. Wochenlang lag er im Koma. Erholt hat er sich von diesem Zusammenbruch und einer folgenden Krebserkrankung jedoch nie. Am Sonntagabend ist Alexander Schalck-Golodkowski in Rottach-Egern gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.