Hartes Pflaster für Migranten

Chemnitz: Sachsen ist ein hartes Pflaster für Migranten – Eindrücke von der Gegendemo „Herz statt Hetze“

Chemnitz - Thomas Hoffmann vom Sächsischen Flüchtlingsrat hat wenig Hoffnung auf Besserung der Situation. Er kritisiert auch die regierende CDU.

Von Annika Leister 02.09.2018, 17:33
Teilnehmer der Kundgebung des Bündnisses Chemnitz Nazifrei gehen am Samstag unter dem Motto „Herz statt Hetze“ auf die Straße.
Teilnehmer der Kundgebung des Bündnisses Chemnitz Nazifrei gehen am Samstag unter dem Motto „Herz statt Hetze“ auf die Straße. dpa-Zentralbild

Mohamed Malek ist am Samstagabend zur Gegendemonstration „Herz statt Hetze“ in Chemnitz gekommen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Seit am vergangenen Sonntagabend aus einigen Gruppen von Rechten auf offener Straße Angriffe auf Menschen gestartet wurden, die ausländisch aussehen, seit sich hier im Abstand von wenigen Tagen immer wieder fremdenfeindliche Demos mit Tausenden Teilnehmern organisieren und Neonazis mit martialischen Sprechchören durch die Stadt ziehen, warnen Opferverbände und Flüchtlingsinitiativen davor, dass Chemnitz dieser Tage nicht sicher ist für Menschen, die nicht Deutsch aussehen. Bleibt lieber zuhause, ist das Motto, als euch in ernsthafte Gefahr zu bringen.

Malek aber ist gekommen, auch wenn die Rechten nur ein paar Hundert Meter entfernt stehen. Der 41-jährige Mann, klein, mit Brille, kurzgeschorenen Haaren, aufmerksamen Augen, ist vor anderthalb Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen und in Chemnitz gelandet. Bisher hat es ihm hier gut gefallen, die Stadt sei schön, die meisten Menschen nett, seine beiden Kinder hätten Freunde gefunden, auch deutsche, sagt er.

Seit einer Woche aber „habe ich Angst“, so Malek. „Meine Kinder wollen nicht mehr in die Schule gehen.“ Doch Schule muss sein, sagt Malek, die Angst darf nicht gewinnen. So schickt er die Kleinen jeden Morgen raus auf Chemnitz‘ Straßen. Alles, was er sich wünscht: „Ich will Sicherheit. Ich will hier in Ruhe leben mit meiner Familie.“

Malek ist mit einem Freund gekommen, einem 30-jährigen Iraker. Der lebt seit zwei Jahren in der Umgebung von Chemnitz und will seinen Namen lieber nicht nennen – er hat hier schon lange vor den Ausschreitungen einige schlechte Erfahrungen gemacht. Im Bus sei er beleidigt und attackiert, beim Einkaufen in der Drogerie einfach rausgeworfen worden, seine Freundin hätten sie mit „Ausländer raus“-Rufen sogar schon aus einer Bäckerei vertrieben. Während Malek bleiben will in Chemnitz, wenn nur die jüngsten Probleme aufhören, will der 30-Jährige am liebsten weg, sobald es geht, am besten ganz raus aus Sachsen.

Sachsen ist hartes Pflaster für Migranten

Der Freistaat ist ein hartes Pflaster für alle, die von woanders kommen oder auch nur anders aussehen, als sich Rechte den Klischee-Deutschen vorstellen. 2017 lebten rund 4,4 Prozent Ausländer in Sachsen. Das ist weniger als in anderen Bundesländern: In Bayern und NRW zum Beispiel liegt der Anteil bei gut zwölf Prozent.

Dennoch ist Sachsen das Bundesland mit den meisten rechtsmotivierten Delikten. 2015 ist die Zahl auf fast 2500 gestiegen – und auch 2016 hoch geblieben. "Bundesweit ist und bleibt der Freistaat Sachsen die Hochburg der extremen Rechten schlechthin", sagte die Extremismusexpertin der Linken, Kerstin Köditz.

Wenig Hoffnung auf Änderung

Thomas Hoffmann vom Sächsischen Flüchtlingsrat würde gerne Gutes erzählen („Ich will ja gar nicht schwarzmalen!“), muss aber immer wieder hilflos die Achseln zucken, wenn er über das Verhältnis der Chemnitzer besonders zu Neuzugezogenen spricht. Er will es nicht explizit sagen, aber die Botschaft ist klar: Hier kämpft man schon lange auf verlorenem Boden. Und zwar ohne große Hoffnung für die Zukunft. 

Zum Sachsengespräch am Donnerstagabend, bei dem Bürger Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) zur Rede stellen durften, ist Hoffmann gar nicht erst gegangen. „Die Erfahrungen aus der Vergangenheit haben uns gezeigt: Es findet hier kein Dialog statt, Gegenstimmen werden einfach niedergebrüllt.“ Flüchtlingshelfer und Humanisten würden als „Linksradikale“ verunglimpft.

„Eine weitere verlorene Generation“

Lange Zeit ist Hoffmann von einem Generationenkonflikt ausgegangen. Hatte gehofft, dass nur diejenigen so denken, die einst hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“ der DDR lebten und sich einredeten, es gäbe dort keine Diskriminierung. Doch die Demonstrationen am Montag, bei denen auch viele Junge auf der Straße gestanden hätten, haben ihm dieser Illusion beraubt. „Ich sehe eine weitere Generation, die wir verloren haben. Und kein Konzept, wie die Jugendlichen, die jetzt politisches Bewusstsein entwickeln, davor bewahrt werden sollen, wie ihre Eltern im braunen Sumpf zu landen.“

Das sei maßgeblich die Schuld der CDU, die Sachsen seit Langem regiert – und vor der Koalition mit der SPD vor vier Jahren viel zu wenig Geld in politische Bildung gesteckt habe, ja, das Thema Rechtsextremismus einfach totgeschwiegen habe.

Sollte die SPD bei der nächsten Wahl an Zustimmung verlieren, wovon Hoffmann ausgeht, sieht er alle Felle schwimmen. „Dann werden alle Gelder gestrichen – und wir fangen wieder bei Null an.“ Nur einen Hoffnungsschimmer hat er jetzt: „Vielleicht werden jetzt mal die Stimmen gehört, die seit Jahren vor diesem Tag X gewarnt haben.“