Zwangsehe in Ostberlin

Wie die Kommunisten vor 75 Jahren die Sozialdemokratie zur Mitgründung der SED brachten

Brüder in eins nun die Hände: Die Parteichefs Wilhelm Pieck (KPD, l.) und Otto Grotewohl (SPD) im Berliner Admiralspast bei ihrem Händedruck zum Vollzug der SED-Gründung im April 1945 (Foto: dpa)

Halle (Saale) - Nein, eine Liebesheirat war das nicht, was vor 75 Jahren im Admiralspalast am Berliner Bahnhof Friedrichstraße passierte. Allerdings ist die Vereinigung der Sozialdemokratie in der Sowjetisch besetzten Zone Deutschlands (SBZ) mit der Kommunistischen Partei (KPD) damals schon und erst recht im Laufe der folgenden Jahrzehnte genau so verkauft worden von den DDR-Ideologen.

Viele haben reinen Herzens daran geglaubt, während nicht wenige der SPD-Mitglieder hilflos mit den Zähnen knirschten angesichts der praktizierten Machtpolitik und ihres eigenen Stillhaltens. „Einstimmig“ lautete das Ergebnis der Abstimmung beim Vereinigungsparteitag - wie es vom sowjetischen Diktator Josef Stalin und seinen deutschen Genossen um Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht erwartet worden war.

Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat anlässlich des 75. Jahrestages der Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ein Dossier dazu veröffentlicht, das teils unbekannte Dokumente sowie Video-Interviews mit Zeitzeugen wie Gustav Just, Rudolf Leonhard und Erich Loest enthält. Auch wenn das SED-Jubiläum kein Anlass zum Feiern war, allenfalls in kleinen Zirkeln treuester Nostalgiker - ein wichtiger Moment deutscher Geschichte ist diese Zwangsvereinigung zweifellos gewesen.

Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED jetzt 75 Jahre her

Was aber in dem knappen Jahr, das zwischen der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten und der SED-Gründung geschehen ist, bis es zum Händedruck von Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl (SPD) kam, der die Schaffung der Einheitspartei symbolisch besiegelte, hat der Historiker Andreas Malycha beschrieben. Sein Esssay war zuerst 2008 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienen.

Der Autor stellt die Bestrebungen zur Vereinigung der beiden Arbeiterparteien, die vielen auch der SPD-Anhänger nach dem Ende des NS-Regimes als unausweichliche Konsequenz erschienen war, letztlich als einen ungleichen Wettkampf zwischen Demokratie und neuer Diktatur dar.

Dabei waren viele der damaligen Zeitgenossen überzeugt davon, dass die Zukunft Deutschlands nur dort liegen könne, „wo Menschen entscheiden, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben“, erinnerte sich der Journalist und Politiker Gustav Just (1921-2011). Der ehemalige Wehrmachts-Leutnant trat 1946 der SED bei, 1957 wurde er als Ulbricht-Gegner verhaftet, ins Zuchthaus gesperrt und aus der Partei ausgeschlossen.

Wie kam es zur Gründung der SED?

Deren Gründung war seit 1945 von den Kommunisten mit hohem Druck forciert worden - aus nahe liegendem Grund. „Durch den Zustrom neuer und vor allem junger Mitglieder konnte die SPD am Ende des Jahres 1945 im Osten auf stolze 407.623 Mitglieder verweisen. Die KPD verfügte nur über 372.714 Mitglieder“, schreibt Malycha: „Das war - gemessen an den eigenen Ansprüchen - für die Kommunisten ein herber Rückschlag auf dem Weg zum uneingeschränkten Machtmonopol.“

Überdimensionales Parteiabzeichen, das bis 1989 am Gebäude des ZK der SED in Ostberlin prangte.
(Foto: dpa)

Vor allem auch Stalin, der sich gegenüber seinen westlichen Verbündeten aus Weltkriegstagen zunächst den Anstrich eines Mannes gegeben hatte, der nicht die Absichts hätte, sein System auf die SBZ zu übertragen, drängte zunehmend darauf, die Sozialdemokraten in eine kommunistisch dominierte Partei einzubinden. Dafür wurden Funktionäre der SPD systematisch schikaniert, bedroht und behindert.

Der Publizist Wolfgang Leonhard (1921-2014), der 1945 mit der Gruppe Ulbricht von Moskau nach Ostberlin eingeflogen worden war und später in den Westen floh, nennt Beispiele: Die KPD-Blätter duften in einer Auflage von vier Millionen Exemplaren erscheinen, die SPD erhielt von den Besatzern die Erlaubnis für nur eine Million Zeitungen. Ähnlich war es bei der Zuteilung von Kraftfahrzeugen und Benzin. „Aber je mehr die Sozialdemokraten benachteiligt wurden, um so populärer wurden sie in der Bevölkerung“, stellte Leonhard in einem Interview fest.

Der in der DDR eingesperrte, gemaßregelte und vertriebene Schriftsteller Erich Loest (1926-2013), selbst früher SED-Mitglied, erinnerte es so: „Das sollte eine völlig neue Partei werden“, hätten sich machtlose Sozialdemokraten getröstet: „Und darin hatten sie sich geirrt.“ So ist es gewesen. (mz/Andreas Montag)