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Wie bei Indiana Jones

Wie 1945 gestohlene Teile vom Quedlinburger Domschatz 1990 in Texas gefunden werden

Quedlinburg - Der Vorspann des Krimis um den Quedlinburger Domschatz beginnt 1942: Aus Sicherheitsgründen werden alle Stücke des Schatzes, der strenggenommen ein Stiftsschatz ist, aus der Stiftskirche St. Servatius ausgelagert.

Von Wolfram Schlaikier Aktualisiert: 22.11.2021, 13:15
Das Samuhel-Evangeliar, benannt nach seinem Hauptschreiber, umfasst 191 Seiten Pergament. Der Text des Evangelienbuches aus dem 9. Jahrhundert wurde mit Goldtinte in Latein verfasst, den Einband von 1225/1230 schmücken in Gold eingefasste Edelsteine und neun Email-Arbeiten.
Das Samuhel-Evangeliar, benannt nach seinem Hauptschreiber, umfasst 191 Seiten Pergament. Der Text des Evangelienbuches aus dem 9. Jahrhundert wurde mit Goldtinte in Latein verfasst, den Einband von 1225/1230 schmücken in Gold eingefasste Edelsteine und neun Email-Arbeiten. dpa-Zentralbild

Der Vorspann des Krimis um den Quedlinburger Domschatz beginnt 1942: Aus Sicherheitsgründen werden alle Stücke des Schatzes, der strenggenommen ein Stiftsschatz ist, aus der Stiftskirche St. Servatius ausgelagert in eine Höhle unter der Altenburg.

Der frühere Eingang der Höhle befindet sich nahe der gleichnamigen Straße „Unter der Altenburg“ in Quedlinburg, am Ortsausgang nach Warnstedt und Weddersleben.

Drei Jahre später, im Frühjahr 1945, sind die wertvollsten zwölf Teile des Schatzes verschwunden. Ein Wachsoldat der amerikanischen Truppen, die am 19. April 1945 in Quedlinburg einmarschiert waren, hat sie gestohlen:

zwölf besonders prunkvolle Stücke, darunter das Samuhel-Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert (ein Evangelienbuch), das Wiperti-Evangelistar von 1513 (ein liturgisches Buch) und der Reliquienkasten Heinrich I. von 1230 sowie neun kleinere Stücke wie ein Reliquienkreuz.

Oberleutnant Joe Thomas Meador schickte seine Kriegsbeute mit Feldpost-Paketen nach Texas

Der Oberleutnant des 87. Artillerie-Bataillons Joe Thomas Meador (1916 bis 1980), 28 Jahre jung und studierter Kunstgeschichtler, schickte seine Kriegsbeute nach Hause in die Vereinigten Staaten.

Mit Feldpost-Paketen trafen die Schätze ein in Whitewright, einem Ort mit weniger als 2.000 Einwohnern, eine Autostunde nördlich der Millionenstaat Dallas im US-Bundesstaat Texas.

Nachdem Meador am 1. Februar 1980 im Alter von 63 Jahren gestorben war, versuchten seine Erben, die prunkvollen Stücke auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen.

So habe ein Londoner Antiquar das Samuhel-Evangeliar 1988, der (westdeutschen) Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Kauf angeboten: für acht Millionen Dollar, wie „Der Spiegel“ 1991 über den Domschatz-Krimi berichtete.

Willi Korte verfolgte die Spuren der Raubkunst-Verkäufer

Von den Verkaufsabsichten der Erben hatte der Jurist und Kunstexperte Willi A. Korte (geb. 1954) erfahren, spezialisiert auf Recherche, Identifikation und Restitution von geraubten Kunstwerken.

Nach monatelangen Recherchen in Archiven und Besuchen in Whitewright, wo die Erben von Meador lebten, fand Korte dort 1990 Teile des Domschatzes im Safe der First National Bank. Meadors Geschwister Jack Meador und Jane Cook erklärten damals, ihr Bruder habe immer gesagt, den Schatz am Straßenrand gefunden zu haben.

Wobei es sich bei den gestohlenen Stücken des Quedlinburger Domschatzes nicht um Beutekunst im Wortsinn handelt, denn die Gegenstände waren ja nicht von den amerikanischen Besatzungstruppen beschlagnahmt worden: Sie wurden gestohlen von einem kriminellen Offizier.

Generalsekretär der Kulturstiftung, Willi Korte und Pfarrer Goßlau verhandelten mit Meadors Erben in London

An den Verhandlungen im Januar 1991 mit Meadors Erben in London nahmen neben Klaus Maurice, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, auch Raubkunst-Experte Willi Korte und der Pfarrer der Quedlinburger Domgemeinde, Friedemann Goßlau (1929 bis 2018), teil.

Sie endeten mit einem Vergleich über rund 3,2 Millionen Dollar mit den Erben des Schatzdiebes: Zehn der von dem Amerikaner gestohlenen Stücke kehrten 1992 nach Deutschland zurück. 

Das Geld für den Vergleich stammte übrigens aus dem Etat des deutschen Innenministeriums und der Kulturstiftung der Länder. Das berichtete Michael Maack, Redaktionsleiter der 1992 von der Deister- und Weser-Zeitung (Hameln) eingestellten Lokalausgabe der „Quedlinburger Zeitung“, im 1994 erschienenen Rückblick „Streiflichter“.

Innenministerium und Kulturstiftung der Länder zahlen rund 3 Millionen Dollar an die Erben des Schatzdiebes

Die zurückgekehrten Kunstwerke werden zunächst untersucht und in München und Berlin ausgestellt. In Quedlinburg wird die Rückkehr des Domschatzes am 19. September 1993 groß gefeiert – mit einem Staatsakt im Beisein von Bundespräsidentin Rita Süßmuth. In der romanischen Stiftskirche St. Servatii kann der Domschatz nun wieder nahezu komplett besichtigt werden. Denn zwei Stücke, ein Bergkristallreliquiar und ein Reliquienkreuz, sind weiterhin verschollen.

Der Krimi um die Rückkehr des Domschatzes, der Stoff bieten würde für einen Film der „Indiana Jones“-Reihe von Steven Spielberg, war im September 2013 Thema einer Ausstellung in einem Gewölbekeller am Schloßberg 16 in Quedlinburg. 

Auf 22 Tafeln mit Fotos, Zeitungsartikeln und Dokumenten werden die Ereignisse dargestellt – von der Einlagerung des Schatzes 1942 in der Höhle bis zu seiner Rückkehr in die Stiftskirche 1993.

Friedemann Goßlau verteidigte den Vergleich, sonst wäre der Schatz vielleicht nie nach Quedlinburg zurückgekehrt

Friedemann Goßlau, von 1965 bis 1993 Pfarrer der Domgemeinde, verteidigte damals (2013) die Entscheidung, sich mit Meadors Erben zu vergleichen, statt es auf einen Prozess in den USA ankommen zu lassen. Denn dann wäre der Schatz vielleicht nie nach Quedlinburg zurückgekehrt – es sei denn, Deutschland hätte viele Millionen Dollar dafür gezahlt.

Das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen hatte im September 1990 einen Streitwert von 75 Millionen Deutsche Mark veranschlagt.

Eine Ironie des Domschatz-Krimis ist, dass es der Staatsanwaltschaft in Dallas nicht gelungen ist, die Erben des Kunstdiebes Joe Thomas Meador und deren Anwalt wegen Hehlerei vor Gericht zu bringen. Die im Oktober 1996 eingereichte Klage war einen Tag nach dem Ende der fünfjährigen Verjährungsfrist eingetroffen.

Die Erben mussten sich im Jahr 2000 lediglich wegen nicht gezahlter Erbschaftssteuer verantworten: Sie zahlten rund 150.000 Dollar nach. 

Der Domschatz-Krimi zum Nachlesen

Siegfried Kogelfranz und Willi A. Korte: Quedlinburg – Texas und zurück. Schwarzhandel mit geraubter Kunst, Droemer Knaur Verlag (1994) ISBN 3-4262-6675-X

Friedemann Goßlau: Verloren, gefunden, heimgeholt. Die Wiedervereinigung des Quedlinburger Domschatzes Quedlinburg, 1996.

Der Domschatz-Krimi zum Nachsehen

Das ZDF produzierte für die Reihe „Jäger der verlorenen Schätze“ und unter dem Titel „Der Jahrhundertraub von Quedlinburg“ eine 45-minütige Dokumentation. Sie wurde erstmals ausgestrahlt am 12. August 2007. (mz)