„Geister-Spiele“ oder Absage? Zweifel an Olympia-Austragung wachsen immer mehr
Köln/Tokio - Der Countdown zeigt mittlerweile weniger als 100 Tage - doch womöglich läuft die Uhr für die Olympischen Sommerspiele schneller ab, als es Sportlern und Funktionären lieb sein kann. In der japanischen Regierung jedenfalls wächst allem Anschein nach die Sorge. Ein führender Politiker des Landes sprach ganz offen von der Absage - möglich erscheinen aber auch „Geister-Spiele“.
Die Absage sei „natürlich“ eine Option, sagte Toshihiro Nikai, der Generalsekretär der Liberaldemokratischen Regierungspartei LDP: „Wir müssen die Spiele ohne Zögern absagen, wenn sie nicht länger möglich sind.“ Sollten die Corona-Infektionen im Land „wegen Olympia steigen, weiß ich nicht, wofür die Spiele gut sein sollen“, argumentierte die Nummer zwei der Liberaldemokraten beim privaten Fernsehsender TBS.
Olympia-Absage oder nicht? Japans Politik stiftet Verwirrung
Diese Aussagen mit Sprengkraft waren gerade in der Welt, da versuchte die Partei von Premierminister Yoshihide Suga sogleich, ihrer wieder Herr zu werden. Ein namentlich ungenannter LDP-Funktionär teilte der Nachrichtenagentur Jiji mit: „Die Spiele werden nicht abgesagt.“ Und um die Verwirrung komplett zu machen, erklärte die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, ihr sei mitgeteilt worden, „dass es (eine Absage; d.Red.) eine Option ist“.
Einen Kurs der Mitte schlug am Donnerstag hingegen der für die Impfkampagne zuständige Minister Taro Kono ein. Nachdem zwecks eines besseren Schutzes vor dem Coronavirus und möglicher Mutationen bereits der Ausschluss ausländischer Zuschauer besiegelt ist, machte sich Kono für „Geister-Spiele“ stark: „Wir werden die Olympischen Spiele in einer Form abhalten, die machbar ist. Es könnte sein, dass es überhaupt keine Zuschauer gibt.“
Derzeit steigen die COVID-19-Fälle in Japan, das Impfprogramm kommt nur schleppend voran, weniger als ein Prozent der rund 126 Millionen Japaner wurde bislang geimpft. Nach einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo News sprachen sich rund 72 Prozent der befragten Japaner für eine erneute Verlegung oder Absage der Spiele aus.
Erste Länder wollen Sportler vor Olympia in Tokio impfen
Auch Fachleute melden sich angesichts steigender Infektionszahlen verstärkt zu Wort. Der Chef der Medizinischen Vereinigung Tokios, Haruo Ozaki, zeigte sich besorgt. Die Austragung der Sommerspiele (23. Juli bis 8. August) werde „wirklich schwierig“, betonte der Mediziner.
Unterdessen gehen bei den Sportlern und NOKs die Planungen unvermindert weiter. Die Niederlande und Polen kündigten an, ihre Delegationen rechtzeitig zu impfen. Auf eine baldige Entscheidung der Politik zugunsten der deutschen Sportelite hofft auch unverändert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB).
Russland provoziert mit Präsentation von Olympia-Outfit
In Russland wurden bereits die Outfits der Athletinnen und Athleten vorgestellt - in recht provokanter Form. Bei einer Hochglanz-Modenschau vor Dutzenden Zuschauern sowie ohne Abstände und Masken wurde die russische Flagge geschwenkt und am Ende der Präsentation die Nationalhymne gesungen.
Auf diese Elemente wird Russland in Tokio verzichten müssen. So will es das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS wegen Dopingvergehen im großen Stil. Die Aktiven werden in Tokio unter dem Kürzel „ROC“ für „Russisches Olympisches Komitee“ antreten. Das Logo auf den Uniformen ist das des ROC, nicht das Staatswappen.
Zuallererst muss aber die Austragung der Spiele gesichert werden. (sid)