Sommerspiele in Tokio

Paralympics: Beucher sieht „mehr Licht“ für Team-D

Im Vorfeld waren die Paralympics in Tokio als Corona-Spiele tituliert worden. Doch dann ging es doch mehr um Sport. Die deutsche Bilanz ist etwas schwächer als in Rio. Doch es gab besondere Athleten zu sehen und besondere Geschichten zu bestaunen.

Von Holger Schmidt und Tobias Brinkmann, dpa
Friedhelm Julius Beucher ist der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS).
Friedhelm Julius Beucher ist der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS). Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Tokio - Die Fahne von Friedhelm Julius Beucher hielt nicht ganz bis zur Schlussfeier.

Am Tag vor dem Ende der Paralympics in Tokio zeigt der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) seine Deutschland-Flagge, die er in den Tagen zuvor kaum aus der Hand gelegt hatte. Ein großes Stück hängt zerfetzt vom Stab. „Das ist das Ergebnis von zwölf Tagen Schwenkerei“, sagt Beucher lachend.

Der Chef der deutschen Behindertensportler war in Japan viel unterwegs. Teilweise an drei Sportstätten am Tag. Und er hat alles erlebt. Jubel und Frust, Triumphe und Dramen, Tränen der Freude und welche der Trauer. „Definitiv mehr Licht“ habe er aus deutscher Sicht bei diesen Paralympics gesehen, beteuert Beucher. Und auch Deutschlands Chef de Mission Karl Quade ist grundsätzlich zufrieden. Nach auch programmbedingt schwachem Start „hatten wir die erwartet starke zweite Woche“, sagt Quade: „Wir bewegen uns ungefähr an der Stelle, an der wir uns vorher gesehen haben.“

13 Goldmedaillen für das DBS-Team

Doch das deutsche Abschneiden muss man differenziert betrachten. Mit 43 Medaillen waren es sechs mehr als die 37 bei Olympia. Mit zwar deutlich weniger Athleten, aber in deutlich mehr Entscheidungen. Mit 13 mal Gold holte das DBS-Team drei mehr als die Olympioniken, allerdings auch fünf weniger als in Rio. Dort war Deutschland noch Sechster im Medaillenspiegel gewesen, nun wurde als Zwölfter das Ziel Top 10 knapp verpasst.

In der Breite ist die Ausbeute verbessert. Statt in nur drei Sportarten wie in Rio holten die deutschen Behindertensportler in Japan in sieben Sportarten Gold. Doch im Radsport (drei statt acht) und in der Leichtathletik (vier statt neun) gab es deutlich weniger Titel. „Das war nicht zu kompensieren“, sagt Quade.

Deutsche Highlights in Tokio

Es bleiben allerdings viele Geschichten und Gesichter. „Leuchttürme für ihre Sportart, aber auch für die Gesellschaft“ nennt Beucher diese Athleten. Wie Prothesen-Sprinter Johannes Floors, der sich nach Gold über 400 Meter nun „Fastest man on no legs“ nennen darf - schnellster Mann ohne Beine. Wie Kollege Felix Streng, der die 100 Meter gewann. Wie der 19 Jahre alte Schwimmer Taliso Engel, von Ex-Sprinter Heinrich Popow als „Justin Bieber des Para-Sports“ bezeichnet, der mit Weltrekorden im Vorlauf und im Finale über 100 Meter Brust das erste deutsche Schwimm-Gold seit 2012 holte.

Wie Elena Krawzow, die nach den „Playboy“-Fotos im Vorjahr auch im Wasser eine gute Figur machte und zehn Minuten nach Engel Gold nachlegte. Oder wie Kanutin Edina Müller, die erst den Kampf gewann, ihren zweijährigen Sohn Liam mit nach Japan holen zu dürfen und dann vor seinen Augen siegte. Und damit das Kunststück von Handbikerin Annika Zeyen nachmachte, neun Jahre nach dem gemeinsamen Basketball-Gold in einer anderen Sportart zu triumphieren. „Das schaffen nur Ausnahmeathleten“, sagt Beucher. Der Präsident denkt auch an „die wunderbare Überraschung im Schießen“: das erste Schützen-Gold seit 2004 durch die Schlussfeier-Fahnenträgerin Natascha Hiltrop.

Kein positiver Corona-Test im DSB-Team

Die Medaillenbilanz wollen Quade und Beucher eingeordnet wissen. Nationen wie Aserbaidschan, das seine 19 Medaillen auf drei Sportarten verteilte, hätten sich nur „gezielt sportartenspezifisch weiterentwickelt“, sagt der Präsident. So holten die Aserbaidschaner insgesamt nicht mal halb so viele Plaketten wie Deutschland, das zudem über 60 Platzierungen zwischen vier und acht verbuchte. „Vor allem durch junge Athleten“, wie Quade betont. „Das sind Perspektiven“, ergänzt Beucher. Dennoch sei schon „vor der Analyse klar zu sagen, dass wir ein Defizit in der Nachwuchsförderung und Nachwuchssichtung haben“.

Positiv bleibt zuletzt vor allem, dass der DBS in seinem 275 Personen starken Team keinen positiven Corona-Test zu beklagen hatte. Und dass das Thema während der Spiele überhaupt zum Randthema wurde. „Wir sind bang hingefahren und fahren glücklich zurück“, sagt Beucher: „Der Sport hat im Zentrum der Berichterstattung und unseres Erlebens gestanden und nicht das Virus. Und wir sind froh, dass wir kein Superspreader-Event hinterlassen haben.“