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Nach den Winterspielen Deutscher Sport im Abschwung: Heim-Olympia als Rettung?

Winter-Olympia in Italien war für das deutsche Team ernüchternd. Jetzt sollen Heim-Spiele die Talfahrt des deutschen Spitzensports stoppen. Doch bis dahin dürften noch Jahre vergehen.

Von Christian Hollmann und Eric Dobias, dpa 23.02.2026, 09:15
Die Olympischen Spiele sollen nach Wunsch von DOSB und Bundesregierung auch wieder nach Deutschland kommen. (Archivbild)
Die Olympischen Spiele sollen nach Wunsch von DOSB und Bundesregierung auch wieder nach Deutschland kommen. (Archivbild) Michael Kappeler/dpa

Mailand - Alarmiert vom nächsten Olympia-Katzenjammer sehen die Macher des deutschen Sports die Rettung mehr denn je in einer gewagten Wette auf die Zukunft. Die Bewerbung für Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 soll den steten Abwärtstrend bei Olympia endlich umkehren. „Unser Land will und braucht diese Spiele“, stellte Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) mit einem Gruß aus dem Kanzleramt fest und versprach: „Dafür geht die Bundesregierung jetzt all in.“

Bei fast jeder Gelegenheit betonten Funktionäre, Spitzenpolitiker, Athletinnen und Athleten sowie TV-Experten und Edelfans während der Winterspiele in Italien, welchen Schwung ein Heim-Olympia in den nur noch bedingt wettbewerbsfähigen Spitzensport bringen würde. Als Belege dafür dienen die jüngsten Spiele-Gastgeber. Die Briten sind seit London 2012 eine Sommersport-Macht, China bei zwei Peking-Spielen und Frankreich in Paris 2024 organisierten sich daheim ebenfalls eine Rekord-Medaillenbilanz.

Das gelang auch den Italienern in den vergangenen zwei Wochen. Mit 30 Mal Edelmetall, davon 10 Mal Gold, überboten die Gastgeber ihre bisherige Winter-Bestmarke deutlich. Und ließen auf Platz vier der Nationenwertung auch das deutsche Team hinter sich.

„Das Abschneiden dieser Nationen im Medaillenspiegel zeigt, dass Olympische Spiele im eigenen Land ein enormer Entwicklungsmotor sind. Das sollte für uns Motivation und Auftrag sein, die Spiele nach Deutschland zu holen“, sagte der deutsche Chef de Mission Olaf Tabor.

DOSB-Vorstandschef: Ruck durch Olympia-Bewerbung

Einen „Booster für unsere Sportpolitik“ erwartet sich Schenderlein von dem Olympia-Projekt. Das sieht auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) so. „Der Sport ist in der Lage, aus sich heraus für einen Ruck zu sorgen. Doch eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele sorgt dafür, dass die drei anderen Faktoren, die wir brauchen – die Bürgerinnen und Bürger, die Politik und die Wirtschaft –, sich an diesem Ruck beteiligen“, sagte DOSB-Vorstandschef Otto Fricke „Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten“. 

Der frühere FDP-Haushaltspolitiker war in Norditalien vor allem als Netzwerker unterwegs, auch wenn offizielle Werbung für die deutsche Kampagne laut IOC-Regeln während der olympischen Wettbewerbe untersagt war. Vizekanzler Lars Klingbeil, Verteidigungsminister Boris Pistorius (beide SPD) und mehrere Länderchefs kamen zum Zeichen der Rückendeckung für das deutsche Team und die Olympia-Pläne an die Wettkampfstätten.

Steinmeiner: Spiele in 2036 wären „historisch problematisch“

Berlin, München, Hamburg und die Rhein-Ruhr-Region stellen sich als nationale Kandidaten zur Wahl, im September entscheidet die Mitgliederversammlung des DOSB. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war in Italien und sprach sich im Anschluss ebenfalls für die Olympia-Bewerbung aus - nur bitte nicht für 2036. Das sei 100 Jahre nach den Nazi-Spielen in Berlin „historisch problematisch“, mahnte Steinmeier.

DOSB-Präsident Thomas Weikert lehnt eine solche Beschränkung ab. „Wir müssen bereit sein, die Spiele auszurichten, wenn wir dran sind. Das betrifft alle drei Editionen“, sagte Weikert. Vor 2040 aber dürften die Sommerspiele wohl sowieso nicht wieder nach Europa kommen, für 2036 gilt Asien mit Indien oder Katar als klarer Favorit.

Heißt: Es würde noch eine ganze Weile dauern, ehe ein Olympia-Heimspiel den deutschen Sport revitalisieren könnte - wenn es vom Internationalen Olympischen Komitee denn überhaupt den Zuschlag gibt. 

„Ich würde gern erleben, was so eine kollektive Vorfreude in unserem Land auslösen kann“, sagte Fußball-Ikone Jürgen Klopp nach seinem Besuch bei den Winterspielen und bot sich sogar für eine aktive Rolle bei der Bewerbung an: „Was auch immer ich tun könnte, damit Deutschland die Olympischen Spiele bekommt, wäre ich bereit zu machen.“

Vizekanzler verspricht weltweite Werbung für Heim-Spiele

Auch der politische Wille ist groß. Finanzminister Klingbeil hinterließ bei seiner Olympia-Stippvisite eine ausdrückliche Zusage von Steuer-Millionen für Heim-Spiele. „Wir leben das jetzt auch, wir werben bei unseren Partnern weltweit dafür“, beteuerte Klingbeil. 

Nicht nur der SPD-Chef sieht die Perspektive von Sommerspielen als Mutmacher weit über den Sport hinaus. „Wir haben als Land viel Federn gelassen in den vergangenen Jahren und konnten uns nicht so zeigen, wie wir eigentlich sind. Ich glaube, dass wir viel besser sind als viele Menschen denken“, sagte die frühere Weltklasse-Schwimmerin Franziska van Almsick, Vize-Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Sporthilfe.

Mehr und gezieltere Investitionen in den Leistungssport, eine bessere Infrastruktur, einen Abbau der Bürokratie, ein gemeinsames Thema für eine zerrissene Gesellschaft - all das erhoffen sich die Olympia-Befürworter von Spielen im eigenen Land. „Ich bin davon überzeugt, dass Olympia in Deutschland die große Chance ist, um unseren Sport zu retten und in relativ kurzer Zeit wieder ganz nach oben zu führen“, schrieb der frühere Ski-Rennfahrer Felix Neureuther in der „Bild am Sonntag“. Ganz schön viel Druck für die Rettungskräfte des deutschen Spitzensports.