Erinnerung an toten Kanu-Trainer aus Halle

"Er ist überall mitgefahren": Ricarda Funk holt Gold mit Stefan Henze im Herzen

Ricarda Funk erlöst das deutsche Team. Die 29-Jährige denkt danach an die Hochwasseropfer in ihrer Heimat und den verstorbenen Trainer Henze aus Halle.

Slalomkanutin Ricarda Funk strahlt in Tokio mit ihrer olympischen Goldmedaille.
Slalomkanutin Ricarda Funk strahlt in Tokio mit ihrer olympischen Goldmedaille. (Foto: imago images/Sven Simon)

Tokio/sid/dpa/MZ/zag - Just in dem Moment, in dem Ricarda Funk auf dem Olymp ganz oben angekommen war, da gab die Slalomkanutin einen ganz tiefen Einblick in ihr Seelenleben. Mit tränenerstickter Stimme sagte die erste deutsche Olympiasiegerin von 2021 in Tokio über ihren einstigen Trainer Stefan Henze, er sei „ganz tief im Herzen, er ist überall mitgefahren, auf meiner ganzen Reise, bei jedem Wettkampf und in jedem Training“, und ja, er gebe ihr „immer noch Tipps“.

Der Hallenser, 2004 selbst Olympia-Zweiter, war bei den vorangegangenen Spielen 2016 in Rio als Disziplintrainer der deutschen Kajakfrauen tödlich verunglückt. Das Taxi mit dem 35-Jährigen war auf der Rückfahrt in das Olympische Dorf von der Straße abgekommen und gegen einen Pfeiler geprallt.

Der 2016 tödlich verunglückte Stefan Henze war Funks Trainer.
Der 2016 tödlich verunglückte Stefan Henze war Funks Trainer.
(Foto: imago)

„Ich habe so viel von dir gelernt und bin einfach unglaublich stolz, dass ich bei dir trainieren durfte“, sagte Ricarda Funk seinerzeit. Die Tragödie um ihren früheren Coach hatte auch ihr erstmal den Boden unter den Füßen weggerissen. Und bewegt sie immer noch. Von Henze sieht sie sich inspiriert. Das spricht für die so emotionale Sportlerin, die am Dienstag die Kajak-Entscheidung der Frauen gewonnen hat.

Ricarda Funk holt Olympia-Gold: In Gedanken bei Flutopfern

Ebenso wie ihre Anteilnahme an der Flut-Katastrophe, die sich gerade in ihrer Heimat abgespielt hat. Die 29-Jährige ist in Bad Neuenahr-Ahrweiler geboren. Ihre Eltern leben noch immer in Bad Breisig, einer kleinen Kurstadt direkt am Rhein, und sie helfen bei den Aufräumarbeiten. Im benachbarten Sinzig lernte Funk das Paddeln. Dort, auf der nun völlig zerstörten Strecke, habe alles angefangen, sagte sie mit der Goldmedaille um den Hals. „Es tut im Herzen weh, die Heimat so zu sehen.“ All das bewegte Ricarda Funk an einem Nachmittag der großen Gefühle zutiefst.

Ihre Familie, ausgestattet mit „Rici“-Fanshirts, meldete sich nach dem grandiosen Finale per Videoschalte bei Funks Besuch im ARD-Studio. „Wenn man im Katastrophengebiet ist, denkt man sich schon, welchen Wert hat jetzt noch eine olympischen Medaille“, sagte Vater Thorsten: „Aber in diesem ganzen Schutt und Dreck glänzt dieses Gold dann schon wie so ein paar Sonnenstrahlen.“

Ein Selbstläufer war dieser Olympiasieg seiner Tochter indes nicht. Auch ihre Karriere verlief nicht geradlinig, sondern erinnert mit seinem Zickzackkurs an den 25-Stangen-Parcours im Kasai Canoe Slalom Centre. Erst spät hatte sie ihre bedingungslose Liebe zu dem Sport entdeckt. „Anfangs dachte ich, das ist was für Jungs. Ich wollte lieber eine typische Mädchensportart machen wie Reiten oder Tanzen“, erzählte Ricarda Funk. Bei ihrem ersten Wettkampf wurde sie Letzte. „Danach habe ich mir gesagt: nie wieder.“ Mit 14 entschied sie sich dann doch für das Kanu, gab den Karneval-Tanz auf. Bald stellten sich die Erfolge ein. Bei Weltmeisterschaften wurde sie Zweite und Dritte, für den Sieg hatte es bisher nie gereicht. Bis zu ihrem perfekten Tag in Tokio. Das 53-Kilo-Leichtgewicht schlängelte sich mit Kraft und Eleganz durch die Tore, zeigte keine Nerven.

Auftrieb für gesamte Team

Das war im Halbfinale noch anders. Funk leistete sich als einzige Finalistin zwei Stabberührungen - dafür gab es vier Strafsekunden. Dennoch kam sie nach den Patzern an den Toren vier und zwölf dank ihrer Schnelligkeit als Drittbeste ins Finale. Das gab Zuversicht. „Nach dem Fehler im Halbfinale war ich mir nicht sicher, ob es zum Finale reichen würde. Im bin nur ins Ziel gesprintet und sagte mir: Fahre um dein Leben“, berichtete die Sportsoldatin.

Offenbar war das die richtige Strategie. Die Deutsche siegte vor der Spanierin Maialen Chourraut und der australischen Topfavoritin Jessica Fox. Thomas Konietzko, der aus Wolfen stammende Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes, zeigte sich wenig überrascht: „Ich habe gesagt: Gold, Silber oder nix. Heute hat die kompletteste Sportlerin gewonnen. Die mit den besten technischen Fähigkeiten, aber auch den stärksten physischen Fähigkeiten.“ Nach Bronze für Sideris Tasiadis durfte er über die zweite Medaille für seinen Verband jubeln: „Ich hoffe, das gibt dem gesamten Team Deutschland Auftrieb und Mut.“