Interview mit Werder-Kapitän Clemens Fritz

Werder Bremen-Kapitän Clemens Fritz: „Ich habe vor keine Angst vor RB Leipzig“

Bremen/Leipzig - Zehn Jahre läuft Clemens Fritz schon für Werder Bremen auf. Seine Fußball-Karriere begann der heutige SVW-Kapitän aber in Leipzig.

Von Ullrich Kroemer 20.10.2016, 15:09
Clemens Fritz steht Rede und Antwort.
Clemens Fritz steht Rede und Antwort. imago sportfotodienst

Zehn Jahre läuft Clemens Fritz schon für Werder Bremen auf. Seine Fußball-Karriere begann der heutige SVW-Kapitän aber in Leipzig. Die Entwicklung von RasenBallsport Leipzig verfolgt Fritz jedoch auch aus der Hansestadt weiter. Am Sonntag (15.30 Uhr) kehrt er nun zurück und läuft in der Red Bull-Arena auf. Vor der Bundesliga-Partie sprach Ullrich Kroemer mit dem ehemaligen Nationalspieler.

Herr Fritz, in Ihrem Blog schreiben Sie vor dem Spiel von Werder Bremen bei RB Leipzig von einer Reise in die Vergangenheit. Nehmen Sie uns mit?
Clemens Fritz: Ich habe zwei Jahre in Leipzig gelebt und gespielt, bin da zur Schule gegangen, habe heute noch Freunde von damals. Ich freue mich über den Weg, den Leipzig eingeschlagen hat, welche Begeisterung da wieder entfacht wurde. Die Bundesliga ist für die Region eine tolle Sache. Ich bin einfach auf dieses Spiel am Wochenende gespannt, hoffe natürlich, dass wir etwas Zählbares mit nach Hause nehmen.

Sie haben sich schon vor Jahren ausnehmend positiv über RB Leipzig geäußert. Sie befürworten das Leipziger Modell?
Fritz: Ich kenne die Region um Leipzig, ich kenne das vorhandene Potenzial und freue mich, dass das in den vergangenen Jahren so kontinuierlich gewachsen ist. Auch früher gab es ja Geldgeber, die in die Leipziger Klubs investiert haben. Aber die haben immer nur kurzfristige Erfolge erzielt. Langfristiger, nachhaltiger Erfolg kam nie zustande. Umso schöner ist es, dass genau das jetzt vorhanden ist.

Sie haben in Leipzig beim VfB unter Trainer Uli Thomale die ersten Schritte im Profifußball gemacht.
Fritz: Meinen Durchbruch von der A-Jugend in die erste Mannschaft hatte ich beim Hallen-Masters in Leipzig. Da sind wir 1999 Dritter geworden, und ich bin damals Torschützenkönig geworden. Danach wurde ich in die erste Mannschaft hochgezogen und hatte die ersten Einsätze in der Regionalliga. Das war eine tolle Erfahrung.

Nachdem Dragoslav Stepanovic Trainer wurde, haben Sie kein Spiel mehr absolviert.
Fritz: Unter Stepanovic war das für mich als junger Spieler nicht ganz einfach, das stimmt. Er hat mich dann auch gehen lassen. Kurz darauf wurde Achim Steffens Trainer. Als ich gerade meine Sachen aus meinem Spind geholt habe, sagte er zu mir: „Wäre ich zwei Tage eher Trainer geworden, hätte ich Dich nicht gehen lassen.” Doch der VfB stand kurz vor der Insolvenz und ich bin zurück nach Erfurt gewechselt. Im Nachhinein betrachtet war das gut so.

Gibt es noch Kontakte zu früheren Leipziger Kollegen?
Fritz: Ich stehe noch mit Marco Rose und Thorsten Görke in Kontakt. Auch mit Torsten Kracht, mit dem ich später in Karlsruhe zusammengespielt habe, der inzwischen wieder in Leipzig wohnt.

Wären Sie gern im Fußball-Osten geblieben oder war damals der Schritt zum KSC genau der richtige?
Fritz: Für mich war das damals der richtige Schritt. Ich hatte zwei Jahre in Erfurt in der ersten Mannschaft gespielt und wollte mich weiterentwickeln. Ich habe das bewusst step by step gemacht: wollte mich zunächst in der Regionalliga, danach in der 2. Liga zurechtfinden und dann in die Bundesliga wechseln. Aber klar, wäre ich gern in Erfurt geblieben. Mein Berater erzählt mir manchmal, dass er mich regelrecht überreden musste, um aus Erfurt wegzugehen. Ich war immer sehr heimatverbunden, wollte nicht zu weit weg. Es war mir damals wichtig, dass ich einmal pro Woche nach Hause fahren kann.

Apropos heimatverbunden: Inzwischen spielen Sie ungewöhnlicherweise seit zehn Jahren bei Werder Bremen? Warum so lange?
Fritz: Ich hatte und habe hier eine unglaublich tolle Zeit. Wir haben in der Champions League und in der Bundesliga jahrelang um die internationalen Plätze mitgespielt. Aber auch in Phasen, in denen es für mich mal nicht so lief, habe ich immer das Vertrauen vom Verein gespürt. Ich wusste, dass es hier einen Umbruch geben würde. Aber ich habe so viel Identifikation mit dem Verein, dass ich gesagt habe: Ich gehe diesen Weg mit.

Hat Sie nie eine andere Offerte gereizt?
Fritz: Sicher gab es mal das ein oder andere Angebot, über das ich nachgedacht habe. Aber ich bin froh, hier in Bremen geblieben zu sein. Ich habe hier wirklich eine zweite Heimat gefunden, fühle mich im Verein und der Stadt unheimlich wohl.

Woher stammt diese Treue in Ihrem Naturell?
Fritz: Woher das rührt, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich bin jemand, der zu schätzen weiß, was er hat. Ich bin kein Träumer, kann die Dinge gut einordnen. In Bremen gab es letztlich immer die besten Gegebenheiten für mich.

Ihre Zeit bei Werder ist geteilt. In den ersten vier Jahren waren Sie unter den Top Drei der Bundesliga. Danach ging es fast immer gegen den Abstieg. Was war für Sie die schönste und spannendste Phase?
Fritz: Für einen Fußballer ist es immer am schönsten, wenn man international spielt. Wir hatten hier im Weserstadion tolle Champions-League-Abende, die uns geprägt haben. Der DFB-Pokalsieg, das Europa-League-Finale in Istanbul, das waren herausragende Momente. Klar, ist das in den vergangenen Jahren etwas anderes gewesen. Es ist ein anderer Druck, gegen den Abstieg zu spielen als um die internationalen Plätze. Aber auch das prägt einen. Aber es ist jede Saison aufs Neue etwas Tolles hier zu spielen, wenn man sieht, wie eng die ganze Stadt und die Fans hinter dem Verein stehen. Das ist etwas ganz Besonderes.

Für Werder haben Sie sogar Ihre Entscheidung revidiert, am Ende der vergangenen Saison Ihre Karriere zu beenden. Dabei hätten Sie mit dem Nichtabstieg im vergangenen Jahr doch einen schönen Abschied gehabt.
Fritz: Ich habe gespürt, dass ich noch fit bin und wollte der Mannschaft in der schwierigen Situation helfen. Jetzt hoffe ich auf einen guten Abschluss, dass wir einen besseren Tabellenplatz erreichen, als in der vergangenen Saison. Deswegen habe ich es auch in keiner Minute bereut, dass ich meinen Rücktritt revidiert habe.

Steht zur Debatte, dass Sie noch ein Jahr dranhängen?
Fritz: Ganz ehrlich: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. 

Ihr neuer Cheftrainer Alexander Nouri ist nur ein Jahr älter als Sie. Wie nehmen Sie ihn als Typ und seine Arbeit wahr?
Fritz: Dass er nur ein Jahr älter ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass er in der Mannschaft akzeptiert und respektiert ist. Ich habe einen sehr guten Austausch mit ihm. Er hat in der Kürze der Zeit wirklich intensiv mit uns gearbeitet, verfolgt einen klaren Plan und setzt den gut um. Er verbreitet hier Aufbruchstimmung. Ich hoffe, dass wir weiter den Weg gehen, den wir nach dem Trainerwechsel eingeschlagen haben. So macht es deutlich mehr Spaß.

Was ändert sich fußballerisch in Bremen durch Alexander Nouri?
Fritz: Er ist ein Freund des dominanten Offensivspiels. Aber man muss auch unsere Situation sehen. Wir haben zwar sieben Punkte in den vergangenen drei Spielen geholt, stecken aber immer noch mitten im Abstiegskampf. Wir wollen uns jetzt zunächst freischwimmen und uns dann weiter spielerisch entwickeln.

Wie viel Respekt spüren Sie in Ihrer Mannschaft und im Trainerteam vor der Stärke und Dominanz der Leipziger?
Fritz: Respekt ist immer wichtig. Aber wir dürfen keine Angst haben. Wir haben uns jetzt Selbstvertrauen erarbeitet und müssen weiterhin mutig spielen. Wir wissen um die Stärke der Leipziger, da müssen wir uns dagegenstemmen und mit unseren Mitteln das Optimum herausholen.

Müssen Sie vor diesem Spiel eigentlich Mitspielern und Fans in Bremen das Phänomen RB Leipzig erklären?
Fritz: Erst gestern habe ich mit einem Teamkollegen über Leipzig gesprochen und ihm die Entwicklung erklärt, wie es zustande kam, dass RB jetzt in der Bundesliga spielt. Die Leistung, die die Mannschaft jetzt gerade abliefert, schlägt natürlich auch bis nach Bremen durch.

Wie wollen Sie dem gnadenlosen Pressing von RB entgehen?
Fritz: Taktische Dinge werde ich Ihnen nicht verraten. Sie können sich sicher sein, dass wir uns akribisch auf das Spiel vorbereiten.

Haben Sie sich bei Ihrem früheren Kollegen Davie Selke Tipps geholt?
Fritz: Wir tauschen uns zwar immer mal wieder per SMS aus. Aber vor dem Spiel gegeneinander gibt es keinen Kontakt.

Sie sind mittlerweile 35 Jahre alt. Haben Sie Befürchtungen, dem extrem lauf- und sprintintensiven Spiel der jungen Leipziger gewachsen zu sein?
Fritz: Nein, ich habe vor keine Angst vor RB Leipzig. Wenn ich die hätte, würde ich nicht mehr auf dem Platz stehen.