Kommentar

Weinzierl und RB Leipzig - ein Imageschaden für alle Beteiligten

Leipzig - Kommentar von Ullrich Kroemer zur Trainersuche der "Roten Bullen" und der Absage von FC Augsburg-Trainer Weinzierl.

Von Ullrich Kroemer

RB Leipzigs Vereinsvorstand Oliver Mintzlaff tritt bei seinen öffentlichen Auftritten normalerweise betont beherrscht, bisweilen distanziert auf. Doch wenn seinem Klub oder insbesondere seinem ehemaligen Klienten Ralf Rangnick aus seiner Perspektive Unrecht geschieht, verteidigt der 40-jährige RBL-Manager seine Sache durchaus mit Furor.

So geschehen am Samstagnachmittag, als sich Mintzlaff vor einer ganzen Gruppe von Journalisten auf MZ-Nachfrage spürbar emotional und ungewöhnlich ausführlich über den Trainerkandidaten Markus Weinzierl äußerte. So drangen die Verhandlungen mit dem bayerischen Fußballlehrer, die sonst höchstens im kleinen Kreis im Vertrauen angesprochen worden wären, über die Nachrichtenagenturen nach draußen.

RB verbucht PR-Manöver als Erfolg

Ob Mintzlaffs Stellungnahme mit Kalkül oder spontan geschah, ist offen. Doch da sich der RBL-Macher offenbar provoziert von der Meldung sah, dass Trainerkandidat Markus Weinzierl wegen Rangnick (!) abgesagt habe, trug er das Werben um Weinzierl plötzlich in die Öffentlichkeit und entfachte das Absage-Wirrwarr.

Ralf Rangnick selbst war das offenbar nicht besonders Recht. Nach Abpfiff hatten beide noch auf dem Rasen intensiv miteinander über die Weinzierl-Absage diskutiert. Bei der Pressekonferenz wenig später mochte Rangnick nicht auf das Thema eingehen, „sonst würden wir ja bestätigen, dass wir mit Markus Weinzierl gesprochen haben”.

Dabei hatte Mintzlaff genau das bereits getan. Erst tags darauf bestätigte Rangnick Mintzlaffs Stellungnahme. Weinzierl selbst wiederum wiederholte mehrfach sichtlich genervt, dass ihn das Angebot aus Leipzig nie interessiert habe. Da beide Seiten nichts davon haben, dass die Gespräche überhaupt publik wurden, bleibt die Affäre ein Rätsel.

Bei RB verbuchen sie die ungewöhnliche Intervention als Erfolg. Durch den neuen, offensiven PR-Kurs sei Weinzierl samt Berater in die Schranken gewiesen worden; Mintzlaff und Rangnick konnten im Kampf um die Deutungshoheit ihr Gesicht wahren; und der künftige neue Trainer geht unbeschädigt und nicht als B-Lösung ins Amt, weil dem einstigen Topkandidat Weinzierl abgesagt worden sei und nicht andersherum.

RBL hat wieder einen Top-Kandidaten nicht überzeugen können

Doch egal, ob nun Weinzierl oder RB Leipzig als Erster abgesagt hat oder wer strategische Vorteile aus der Debatte ziehen mag – aus der Draufsicht bleibt nach der Posse ein Imageschaden für beide Seiten. Weder dass Weinzierls Beweggründe für die Absage nach draußen dringen, noch die beleidigte Antwort aus Leipzig zeugen in diesem Fall von Professionalität, auf die beide Parteien großen Wert legen.

Doch dass Weinzierls Berater neben dem Abstiegskampf offenbar Gespräche mit anderen Klubs führt, wirft kein gutes Licht auf den begehrten Coach. Und RB hat nach der Absage von Thomas Tuchel sowie drei weiterer Trainer im vergangenen Jahr wieder einmal einen Topkandidaten nicht überzeugen können.

Omnipräsenz von Ralf Rangnick

Das liegt vor allem daran, dass RB erstens aufgrund seiner Fußballphilosophie einen sehr eingeschränkten Kandidatenkreis hat; und zweitens die wenigen avisierten Chefcoaches allesamt selbst starke Typen sind, die die Omnipräsenz von Sportdirektor Rangnick offenbar eher fürchten. Dabei ist es richtig, dass sich der Klub seine Philosophie nicht von einem Trainer vorschreiben lässt, sondern einen Trainer sucht, der den eingeschlagenen Weg bedingungslos mitgeht.

Außerdem sollen die Gespräche mit Weinzierl nicht an der Person Rangnick, sondern an dessen Forderung nach einem zu großen Mitarbeiterstab gescheitert sein. Doch ob die derzeit gehandelten Kandidaten Jocelyn Gourvennec (EA Guingamp), Ralph Hasenhüttl oder René Weiler neben Rangnick genug eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Machtfülle sehen, bleibt abzuwarten.

Die Konstellation mit einem Sportdirektor, der zu den führenden Trainern hierzulande zählt, ist jedenfalls keine einfache bei der Trainersuche. Zusätzliche Nebenkriegs-Schauplätze wie das Weinzierl-Wirrwarr sind für RB dabei in jedem Fall nicht förderlich. (mz)