Verein, Betreiber, Stadt und Fans

Stadionstreit bei RB Leipzig: Wo die Red-Bull-Arena künftig stehen soll

Leipzig - RB Leipzig will mehr Fans und VIP-Gäste unterbringen, Stadt und Fans plädieren für einen Verbleib in der Arena.

Von Ullrich Kroemer 11.11.2016, 09:15
Im Fokus der Diskussion: Das ehemalige Zentralstadion in der Leipziger Innenstadt.
Im Fokus der Diskussion: Das ehemalige Zentralstadion in der Leipziger Innenstadt. imago sportfotodienst

RB Leipzig steht ein heißer Herbst bevor. Nicht, was das Sportliche angeht; denn als bester Neuling der Bundesliga-Historie und Tabellenzweiter – punktgleich mit Rekordmeister Bayern München – könnte es besser nicht laufen für den Aufsteiger. Ein Verdienst der sportlichen Leitung, die vor dieser Saison alle Weichen richtig gestellt hat und mit klaren Strategie ganz Fußball-Deutschland überrascht.

Weit weniger klar hingegen wirkt die Taktik des strebsamen Klubs bei der bislang schwierigsten Entscheidung in der siebeneinhalbjährigen Vereinsgeschichte. In den Wochen bis zum Jahresende muss Geschäftsführer und Vereinspräsident Oliver Mintzlaff gemeinsam mit Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz und dessen Mitarbeitern beschließen, ob der Verein im aktuellen Stadion bleibt und die Kapazität um etwa 14.000 auf bis zu 57.000 Zuschauer erweitert oder eine riesige neue Schüssel mit Platz für bis zu 70.000 Fans am Stadtrand oder gar außerhalb baut.

Die Debatte darüber hat sich längst zu einem brisanten Pokerspiel zwischen den beteiligten Parteien entwickelt, dessen Ausgang die Verhältnisse nachhaltig belasten könnte. Am Tisch sitzen neben Investor Red Bull beziehungsweise der Klubführung, die Stadt Leipzig und Stadioneigentümer Michael Kölmel. Und auch ein breiter Teil der RB-Anhänger, die sich zur Initiative 60plus für den Verbleib im früheren Zentralstadion zusammengetan haben, mischt in dem Spiel mit.

Ausgangssituation

Derzeit ist RB Leipzig Mieter der Stadionbesitzgesellschaft ZSL von Kölmel, der das insgesamt 116 Millionen Euro teure Stadion für die WM 2006 mit etwa 44 Millionen Euro mitfinanzierte. Etwa 51 Millionen steuerte der Bund bei, die Stadt Leipzig 19 Millionen.

Das bei der Klubgründung 2009 leerstehende Stadion war einst einer der Hauptgründe dafür gewesen, dass Red Bull sich für die Messestadt entschied. Kölmel und seine Mitarbeiter hatten den Deal mit dem österreichischen Getränkehersteller erst eingefädelt. Nach jahrelangem Zuschussgeschäft ist die Arena nach dem Aufstieg von RB Leipzig in die 2. Liga endlich rentabel für Kölmel & Co.. 

Strategie 1 – Miete und Umbau

Nach dem Aufstieg in die Bundesliga sind die Mietkosten für Rasenballsport laut Informationen der MZ noch einmal erheblich gestiegen. Für die Stadionmiete muss der Überraschungsklub derzeit etwa 1,8 Millionen Euro pro Jahr bezahlen; weitere 1,1 Millionen per annum sind für die Namensrechte fällig.

Das ist allerdings noch vergleichsweise wenig. Laut dem Fachmagazin Stadionwelt Inside lag die durchschnittliche Stadionmiete in der Bundesliga im Jahr 2015 bei 4,7 Millionen Euro. Dennoch betonte Mintzlaff in einem Interview mit dem Fachblatt Sponsors: „Der aktuelle Mietvertrag ist für Herrn Kölmel sicherlich gut und für uns eher ambitioniert. Aber nun mit ein paar Interviews eine Mietreduzierung um 15 Prozent heraus zu verhandeln, ist nicht unsere Art, Geschäfte zu machen.”

Hinzu käme bei dieser Variante ein mindestens zweistelliger Millionenbetrag für den Umbau der Arena. Doch dann würde der Bundesligist in eine Spielstätte investieren, die aktuell zwölf Jahre alt ist und infrastrukturell sowie baulich nicht mehr modernsten Ansprüchen genüge. Aus Sicht von Finanzoptimierer Mintzlaff vor allem problematisch: Aktuell lassen sich nur 1280 VIP-Karten verkaufen, die Zahl der Sky-Lounges ist begrenzt. So gehen RB bei jedem Spiel mit hoher Zuschauerauslastung mehrere Hunderttausend Euro an Einnahmen verloren.

Strategie 2 – Kauf und Umbau

Da Mintzlaff gleich mehrfach öffentlich betonte, dass Red Bull lieber in eigenes Eigentum investiere, als in ein Mietobjekt, steht auch ein Kauf der Arena zur Debatte. Doch ob Kölmel erstens verkaufen will und zweitens zu welchem Preis, ist unklar. Insider sagen, dass Kölmel verkaufen müsse, damit RB im Stadtzentrum bleibt. Eine Interviewanfrage der MZ lehnte der 62-Jährige ab.

Wie MZ-Recherchen ergaben, gibt es im Stadionvertrag zwischen Kölmel und der Stadt einen geheimen Zusatzvertrag, laut dem das Stadion nach Ablauf einer Frist – wohl 2040 – für einen symbolischen Euro zurück an die Stadt fiele, sofern die ein sogenanntes „Wiederverkaufsverlangen” einreicht – eine Rückübertragungs-Option. Auch das könnte Einfluss auf einen möglichen (Ver-)Kauf haben.

Strategie 3 – Neubau

Bleibt die von der Stadt ebenso wie von Teilen der Fanszene gefürchtete Option eines Neubaus im Norden Leipzigs – irgendwo zwischen Flughafen Leipzig/Halle und Neuer Leipziger Messe. Ein neues Stadion würde den Klub wohl mindestens 200, eher 250 Millionen Euro kosten.

Auch wenn Red Bull durch die konzerneigene Baufirma Bull Bau wohl zu günstigeren Konditionen bauen könnte, als bei vergleichbaren Stadionprojekten. Neben der Bereitstellung des Geldes müsste Red Bull zunächst ein geeignetes Gelände finden; falls das noch nicht erschlossen sein sollte, kämen gewaltige Millionensummen für Autobahn- und Nahverkehrsanbindungen dazu, die langwierig bei Stadt und Freistaat Sachsen beantragt werden müssten und den Steuerzahler belasten würden.

Hintergrund

Das am Montag in der Bild-Zeitung heiß gehandelte Parkplatz-Gelände zwischen Messe und A14 sei dafür zumindest keine Option, bestätigte ein Stadtsprecher der MZ. Als Reaktion auf dem Bericht des Blatts hatte die Stadt sogar unüblicherweise eine Pressemitteilung zum Thema verschickt. Darin heißt es: „Die Stadt Leipzig hat RB kein Grundstücksangebot unterbreitet, weder an der Neuen Messe noch anderswo.”

Oberbürgermeister Burkhard Jung ließ mitteilen, dass er sich auch weiterhin für den Verbleib im Stadion in der Stadtmitte einsetzen werde. Ein Sprecher bestätigte zwar, dass Jung sich immer mal wieder mit Red-Bull Milliardär Mateschitz austausche. Zuletzt vor etwa drei Wochen, heißt es, konkrete Grundstücke seien jedoch nicht verhandelt worden.

Um die Kommunikation zwischen „Roten Bullen” und Rathaus zu verbessern, wird in den kommenden Wochen eigens ein RB-Beauftragter der Stadt ernannt. Ob den Posten einer der Bürgermeister, etwa der für Sport zuständige Heiko Rosenthal, oder ein anderer Stadtmitarbeiter übernehme, sei noch offen.

Bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung hatten Jung und Kölmel jüngst gemeinsam öffentlich für den Standort im Herzen der Stadt geworben. Gefragt nach dem Stand der Verhandlungen, bemühte der Stadionbetreiber, Filmunternehmer und studierte Mathematiker Kölmel das sogenannte Gefangenendilemma aus der Spieltheorie. „Wenn beide Parteien in diesem Zweierspiel zusammenarbeiten, gibt es die bessere Lösung”, sagte Kölmel gleichnishaft. „Wenn sie das nicht tun, ist das die schlechtere Variante für beide. Man wäre töricht, wenn man so spielt, dass am Ende alle verlieren.” Ein spitzer Aufruf in Richtung Klubspitze, sich kooperativer in den derzeit laufenden Verhandlungen zu zeigen. 

Jung möchte keine Münchner Verhältnisse

Jung betonte den „hochmodernen Ansatz” in Leipzig: „Zu Fuß ist man in 20 Minuten vom Hauptbahnhof am Stadion”, sagte er und schob hinterher: „Ich hoffe, wir machen es nicht wie die Münchner, die mit dem Stadion an den Rand der Stadt gezogen sind. Ich hoffe, dass wir das Stadion weiter im vorhandenen Geflecht der Stadt verankern.”

Dafür plädierte auch der Ökonom Henning Vöpel, Chef des renommierten Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes. „Stadien, die in das Stadtleben integriert sind, funktionieren wunderbar, sagte der Professor. Zum einen, weil sich um das Stadion herum Dienstleister ansiedelten. Ein Stadion in der Stadt sei aber auch „ein echter Wert” für die Stadtgemeinschaft. „Das erzeugt Lebendigkeit, zieht Leute an”, sagte er. „Man braucht Zentren in der Stadt, in der sich gesellschaftliche Aktivität entfaltet.”

Fans sehen Stadion als "zentralen Bestandteil unserer Beziehung zu RB Leipzig"

Bleibt noch die Gruppe der aktiven Fans, die bei den bisherigen Heimspielen mit einer Choreografie, Bannern und Aktionen für den Verbleib demonstriert haben. Sören Minx, einer der Initiativen-Sprecher, hatte der MZ gesagt: „Die meisten sind hier schließlich nicht im Stadion, um Red Bull nach vorne zu schreien, sondern weil sie aus Leipzig und Umgebung kommen und sich deswegen mit dem Klub identifizieren. Das Stadion ist ein ganz zentraler Bestandteil unserer Beziehung zu RB Leipzig.”

Der Verein selbst mag sich aktuell nicht zum Bauvorhaben zitieren lassen. Aus RB-Kreisen heißt es, man prüfe weiter Standorte und Lösungen. Dafür, dass bis Jahresende eine Entscheidung gefallen sein soll, pokert RB aktuell recht defensiv. Nur ein Bluff, oder hat der Verein tatsächlich die besseren Karten auf der Hand?