RBL in St. Petersburg

RBL in St. Petersburg: Positive Stimmung im russischen Winter

St. Petersburg - Winterkalt ist es gewesen am Mittwoch in St. Petersburg. Schnee lag in der russischen Wassermetropole, Nebel hüllte sie ein, Eis trieb auf der Newa, die Schollen waren grau. St. Petersburg an diesem 14. März 2018 präsentierte sich genau so, wie Timo Werner es vermeiden ...

Von Martin Henkel

Winterkalt ist es gewesen am Mittwoch in St. Petersburg. Schnee lag in der russischen Wassermetropole, Nebel hüllte sie ein, Eis trieb auf der Newa, die Schollen waren grau. St. Petersburg an diesem 14. März 2018 präsentierte sich genau so, wie Timo Werner es vermeiden wollte.

Timo Werner ist bekanntlich Stürmer von RB Leipzig, der 22-Jährige hatte sich vor der Auslosung zum Achtelfinale der Europa League einen Gegner aus dem Süden Europas gewünscht. Stattdessen bekamen er und seine Kollegen Zenit St. Petersburg. Norden also, Schnee und Kälte.

Diego Demme ist beeindruckt

Schlimmer geht es kaum - hätte man meinen können, als der Leipziger Tross in St. Petersburg einflog und am Flughafen von Schneehaufen begrüßt wurde, die auch seinen Weg bis auf die Krestowski-Insel säumten, an deren Ende das Stadion des Gegners steht. Eine Abordnung mit Trainer Ralph Hasenhüttl und Spieler Diego Demme langte dort am frühen Mittwochabend an. Sie sahen sich um, waren erstaunt - und schwer beeindruckt, wie Demme einräumte.

Von wegen: Schlimmer geht es nicht. Es geht nämlich kaum besser. Wie Heimkehrer durften sich die Sachsen fühlen, als das WM-Stadion eine Vorstellung von dem ermöglichte, was da am Donnerstag mit ihrer Beteiligung stattfinden wird: Europapokal in seiner reinsten Form, abends unter der Woche, Flutlicht, 45.000 Zuschauer auf steil aufragenden Tribünen und Rängen hinunter bis an die Grasnarbe. Ach ja, und obendrüber ein Dach, das den Winter draußen hält.

Ralph Hasenhüttl als Fan der Europa League

Südlich heiter also war die Stimmung bei der Pressekonferenz. Wie auch Hasenhüttl, der sich in der oft verhöhnten Europa League momentan heimischer fühlt als in der deutschen Meisterschaft, wo der Übungsleiter und sein Kader derzeit bohrende Fragen beantworten müssen, warum es im Europapokal so gut läuft, in der Liga aber nicht. Sechster ist der Vizemeister nur noch. Auf einen Champions-League-Platz sind es vier Punkte Rückstand, Sonntag kommt der Tabellenführer FC Bayern.

In der Europa League hingegen haben die Sachsen nach dem 2:1 aus dem Hinspiel prima Chancen auf das Achtelfinale. „Die Ausgangslage ist gut, aber wir brauchen mindestens ein eigenes Tor. Es wird nicht reichen, uns zu verbarrikadieren“, sagte Hasenhüttl, der einmal mehr seine Wertschätzung für die Europa League unterstrich, die Kritikern zufolge Leipzigs Saisonziele gefährde.

Er werde die Möglichkeit auf ein „historisches“ Weiterkommen nicht opfern. „Ich kann mir die Schlagzeilen vorstellen, wenn wir gegen Zenit mit einer U 19 spielen.“ Wahnsinn wäre das, meinte der 50-Jährige. Denn die Europa League kann weitere Missbilligungen kaum vertragen. „Wer hier ins Stadion geht“, so Hasenhüttl, „der weiß, was Europapokal bedeutet. Wofür wir alle Fußball spielen.“

RBL-Fans kaufen nur 33 Tickets für St. Petersburg

Schon jetzt ist der kleine Uefa-Wettbewerb derart abgewertet worden, dass Spiele wie das in Russland als Zumutung empfunden werden. 33 Tickets nur wurden offiziell von Leipziger Fans angefragt, und das für die Partie in einer WM-Arena, die man beeindruckender kaum bauen kann. Die 930 Millionen Euro Baukosten sind horrende. Aber dafür steht am Ufer der Newa ein architektonisches Meisterwerk.

Dort drinnen saß am Mittwochmittag Roberto Mancini. Der Trainer der Russen hat wie sein Kollege Hasenhüttl mit denselben Schwierigkeiten in der Liga zu kämpfen. St. Petersburg ist Vierter, zehn Punkten fehlen auf Tabellenführer Lokomotive Moskau. Warum sich Zenit gerade so schwertue, wurde Mancini gefragt, die zwei jüngsten Partien endeten 0:0. „Weil viele russische Mannschaften nicht gewinnen wollen“, entgegnete der Italiener. „Sie wollen gegen uns nur nicht verlieren.“ In der Europa League sei das genau anders herum.

Grazie, dio! Dieser Satz hätte ebenso von Hasenhüttl stammen können. Auch der Österreicher hat so seine Mühen, dem Mauerfußball manchen Liga-Gegners etwas abzugewinnen. St. Petersburg hingegen ist Europapokal in einem WM-Stadion, das ist die Essenz des Klubfußballs und deshalb viel mehr Heimat in dieser Woche als die am Cottaweg.

Ein Alpendorf neben dem Stadion

Allemal, wo die Russen dem Stadion gegenüber ein Alpendorf gesetzt haben - mit kleinen Wegen, deutschsprachigen Straßenschildern, einer Mühle und drei Holzhäusern, aus denen der Duft von Eisbein und Wiener Schnitzel zum Stadion herüberweht.

„Karl und Friedrich“ heißt das Ensemble. Karl und Friedrich sind die Vornamen von Marx und Engels, den Urvätern des Kommunismus. Von dem einen, Marx, stammt der berühmte Ausspruch, den Hasenhüttl verwenden kann, wenn auch nur einer ihm bis Donnerstag querkommen sollte wegen der Russen, dem Schnee und der angeblich überflüssigen Europa League: „Wer nichts achtet, ächtet sich selbst.“

(mz)