Schiedsrichter-Ansetzungen

RB Leipzig und 1860 München kritisieren Schiedsrichter-Ansetzung

Leipzig/Duisburg/Frankfurt - Nach Kritik von RB Leipzig und 1860 München muss der DFB seine Referee-Auswahl erklären.

Von Ullrich Kroemer 20.04.2016, 11:30
Im Fokus der Leipziger Kritik: Benjamin Cortus.
Im Fokus der Leipziger Kritik: Benjamin Cortus. imago sportfotodienst

Am Ende der Begegnung zwischen RB Leipzig gegen den SV Sandhausen war es laut und hektisch in der Leipziger Arena. Nicht nur die Spieler auf dem Rasen wollten die drohende 0:1-Niederlage abwenden; auch die Fans auf den Rängen pfiffen mit aller Macht gegen den Gegner aus der Kurpfalz und Referee Benjamin Cortus an.

Der 34-Jährige hatte in der Schlussphase einige strittige Entscheidungen zu treffen, in denen Spieler und Heimpublikum lautstark auf Elfmeter plädierten. Zwar blieb Cortus cool und lag damit auch richtig; eher hätte er den Gästen aus Sandhausen in der ersten Hälfte nach Foul von Stefan Ilsanker einen Elfmeter statt eines Freistoßes an der Strafraumgrenze zusprechen müssen.

Doch die Leipziger Anhänger pfiffen auch deswegen so laut, weil sich herumgesprochen hatte, dass Cortus in Röthenbach an der Pegnitz wohnt. Von dem mittelfränkischen Städtchen sind es nur gut zwölf Kilometer bis zur Geschäftsstelle des 1. FC Nürnberg. Zwar stammt Cortus aus dem Verein TSV Burgfarrnbach in Fürth. Doch dass ausgerechnet ein Referee aus der unmittelbaren Nähe von Leipzigs ärgstem Aufstiegsrivalen Nürnberg im Saison-Schlussspurt eingesetzt wird, konnten viele Zuschauer nicht nachvollziehen.

Der englische Fußball-Schiedsrichter Kevin Friend ist vor dem Premier-League-Duell zwischen dem Tabellenzweiten Tottenham Hotspur und Stoke City am Montag abberufen worden. Der Grund: Der Unparteiische ist wohnhaft in Leicester und hat privat bereits Spiele von Tottenhams Titelrivalen Leicester City besucht.
„In Anbetracht der Tatsache der besonderen Umstände des Spiels schien es uns unnötig, zusätzliche Fragen im Hinblick auf die Schiedsrichteransetzung aufzuwerfen“, heißt es in einem Statement des für die Ansetzungen zuständigen Professional Game Match Officials Ltd.
In der Premier League führt das Sensationsteam aus Leicester fünf Spieltage vor Schluss mit sieben Punkten vor den Spurs. Anstelle von Friend wird am Montag Schiedsrichter Neil Swarbrick das Match an der White Hart Lane leiten. (sid)

Schiedsrichterchef Fandel wenig sensibel

Auch bei RB Leipzig, so war zu vernehmen, fand man die Ansetzung zumindest merkwürdig. Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick hatte – wohlgemerkt unabhängig von der Herkunft des Schiedsrichters – nach dem Spiel gesagt: „Ich muss noch einmal die ein oder andere Szene sehen, ob nicht in dem ein oder anderen Fall Elfmeter hätte gepfiffen werden können. Aber das nützt alles nichts. Wir müssen heute mit dieser frustrierenden Niederlage leben.”

Das Fachorgan Kicker kommentierte in der Montagsausgabe: „Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel muss sich den Vorwurf gefallen lassen, bei der Einteilung wenig sensibel vorgegangen zu sein.” Und: „Es ist Fandels Aufgabe, die Schiedsrichter – die es ohnehin schwer genug haben – vor jedem Verdacht der Parteilichkeit zu schützen.”

Das betraf am vergangenen Wochenende nicht nur die Partie in Leipzig. Die Begegnung zwischen MSV Duisburg und 1860 München (2:1) leitete in Thorben Siewer ein Referee, der wie das Heimteam aus Nordrhein-Westfalen kommt. Einer der Assistenten, Fabian Maibaum, kommt aus Hagen unweit von Duisburg.

„Löwen”-Sportdirektor Oliver Kreutzer hatte nach umstrittenen Entscheidungen Protest gegen die Spielwertung eingelegt und sich beschwert: „Einen wenig erfahrenen Zweitliga-Schiedsrichter für ein Abstiegsendspiel und einen Linienrichter aus der Nähe des Gastvereins zu wählen, halte ich schon für speziell.“ Und beim Spiel Arminia Bielefeld gegen den 1. FC Kaiserslautern (0:1) war Frank Willenborg der Unparteiische, der aus dem 50 Kilometer von Bielefeld entfernten Osnabrück stammt. Der dort ansässige VfL ist bekanntlich Derbyrivale der Arminia.

DFB berücksichtigt Tabellenkonstellation nur bei finalen Entscheidungen

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hielt man die brisanten Konstellationen bisher offenbar für unproblematisch. Lutz Michael Fröhlich, Leiter der Abteilung Schiedsrichter beim DFB, teilte auf MZ-Anfrage mit: „Die Ansetzungen erfolgen nach dem Leistungsstand und der aktuellen Form der Schiedsrichter. In Deutschland werden die Spiele nach dem Prinzip der Landesverbands-Neutralität angesetzt.” 

Heißt: „Das gesamte Schiedsrichterteam darf nicht aus einem der Landesverbände kommen, dem die Mannschaften angehören.” Ausnahme sei, „wenn beide Mannschaften aus einem Landesverband kommen”. Wenn das Referee-Gespann also wie bei der Partie Duisburg gegen die Münchner „Löwen” aus dem Landesverband (LV) Westfalen kommt, genügt das dem DFB, da Duisburg zum LV Niederrhein gehört – trotz der unmittelbaren Nähe der beiden Verbände in Nordrhein-Westfalen. Den Einspruch der Münchner Löwen wies der Verband am Mittwochmittag ab, die Niederlage in Duisburg ist somit bestätigt.

„Die Ansetzungsplanung für einen Spieltag beginnt ca. 14 Tage vor dem Spiel. Die endgültige Nominierung erfolgt dann jedoch erst zwei Tage vor dem Spiel”, sagt Lutz Michael Fröhlich, DFB-Abteilungsleiter für die Schiedsrichter. „Die Ansetzungen in der Bundesliga und 2. Bundesliga werden vom Vorsitzenden der Schiedsrichterkommission Elite vorgenommen.” Das ist Herbert Fandel. Der 52-Jährige bespricht sich dabei mit den Kollegen aus der Kommission.

Indirekte Duelle wie zwischen RB Leipzig und 1. FC Nürnberg fänden bei der Ansetzung der Referees lediglich Beachtung, wenn direkte Entscheidungen anfallen – etwa am letzten Spieltag. Fröhlich sagt: „Die Tabellenkonstellation findet nur Berücksichtigung, wenn es um eine endgültige Entscheidung über einen indirekten Vergleich geht.”

Vielleicht nimmt der DFB die aktuellen Fälle zum Anlass, diese Verfahrensweise bei den Ansetzungen zumindest einmal zu überdenken. Genügend Fingerspitzengefühl hat Schiedsrichterkommissionschef Fandel eigentlich von Berufs wegen. Der Ex-Bundesliga-Referee firmiert unter der Marke „Konzertpianist aus der Eifel”.