Spiel bei Lok Leipzig 1988

Lok Leipzig gegen SSC Neapel 1988: Wie die Stasi Neapel überwachte

Leipzig - Sicher sind sich die Genossen der Staatsicherheit nicht. Und sich nicht sicher sein – bloß nicht! Also fragt die Abteilung VI des MfS, zuständig für den „grenzüberschreitenden Verkehr“, am frühen Abend des 24. Oktober 1988 bei der Bezirksverwaltung Leipzig nach. Ist Diego Armando Maradona in der DDR? Zehn vor sieben Uhr kabelt der Genosse aus der Messestadt zurück. „Ja, Maradona ist mit ...

Von Martin Henkel 22.02.2018, 07:00

Sicher sind sich die Genossen der Staatsicherheit nicht. Und sich nicht sicher sein – bloß nicht! Also fragt die Abteilung VI des MfS, zuständig für den „grenzüberschreitenden Verkehr“, am frühen Abend des 24. Oktober 1988 bei der Bezirksverwaltung Leipzig nach. Ist Diego Armando Maradona in der DDR? Zehn vor sieben Uhr kabelt der Genosse aus der Messestadt zurück. „Ja, Maradona ist mit eingereist.“

Durchatmen. Niemand von Flug IF 9427aus Neapel ist zwischen Gangway und Passkontrolle verloren gegangen. Alle vollzählig: 17 Mannschaftsmitglieder, 13 Vereinsoffiziellen, 20 Journalisten - und: Diego Armando Maradona, Weltmeister von 1986 und Spielmacher der SSC Neapel, dem alles zuzutrauen ist. Auch, dass er sich einen eigenen Weg ins Land sucht. Wäre ja schließlich nicht das erste Mal, dass der Argentinier tut, was er für richtig hält. Und was der Zeit seines Fußballerlebens für richtig hielt - Bitte nicht! Ja nur keinen Skandal in der DDR!

Mit Diego Maradona im Zentralstadion

Sie hatten Glück im Berliner Ministerium für Staatssicherheit und seinen Ablegern in den Bezirkshauptstädten. Keine einzige Eskapade ist dokumentiert für das Spiel der Neapolitaner im Zentralstadion, wo an gleicher Stelle heute das Rückspiel zwischen dem italienischen Tabellenführer und RB Leipzig stattfindet.

Außergewöhnlich ist die Partie nicht: RB hat in Neapel 3:1 gewonnen, sie gilt so gut wie entschieden. Und doch umweht das Duell ein Hauch von Zeitgeschichte. Denn Maradona und die SSC waren die letzten Europapokalgäste in der Messestadt vor dem Ende der DDR. Gut ein Jahr später, am 9. November 1989, fiel die Mauer.

Wie das Spiel ablief, ist kein Geheimnis. Lok und Neapel trennten sich 1:1, zwei Wochen später gewann die SSC das Rückspiel 2:0, damit war auch die letzte Europapokalreise des DDR-Oberligisten besiegelt. Was aber hatte der DDR-Nachrichtendienst gesehen?

Wie die Stasi den SSC Neapel überwachte

Ein Blick ins Archiv der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR (BStU) enthüllt knapp 30 Jahre später, wie die Stasi die Besucher an ihren drei Tagen in der DDR überwachte. Zustande gekommen sind dabei Protokolle einer bemerkenswerten Banalität des Details.

Vermerkt wurde, was der „Stasi“ relevant erschien. Und relevant war alles. So dokumentierte die Observationszentrale am Dittrichring zwei Tage vor dem Spiel die Ankunft der Italiener, sie zählte die Einreisenden, vermerkte die „100 Autogrammjäger in der Zentralhalle (Jugendliche und Kinder)“ und hielt fest: „keine Vorkommnisse.“

Das ging so bis zur Abreise der Italiener in der Nacht zum 27. Oktober. Beobachter hatte das MfS am Flughafen, am Hotel und am Stadion „Major Kopf“ etwa meldete die Abfahrt das „Kraftomnibus“ mit der SSC an Bord (KOM) um 18.05 Uhr Richtung Innenstadt. 18.40 Uhr verzeichnete „Genosse Ruscher“ die Ankunft am Hotel Merkur. Wieder gab es Auflauf, „30 Kinder“ umstanden das noble Hotel in der Gerberstraße.

Immer wieder kuriose Vermerke in den Stasi-Akten

Vermutlich war den Genossen in der „Runden Ecke“, dem Sitz der MfS-Außenstelle in Leipzig, hin und wieder auch langweilig. Denn nichts von Bedeutung unternahmen die Italiener bei ihrem DDR-Besuch. Sie kamen, blieben im Hotel, waren zwischendurch mal „im Salon Goethe zur Lagebesprechung“, anderntags fuhren sie zum Training, gingen früh schlafen, so dass die Meldungen am Abend und in der Nacht immer die gleichen waren, nämlich „alles ruhig“. Am dritten Tag reiste der Tross ins Stadion, spielte mittelmäßig, duschte und verschwand zum Flughafen. 

So finden sich zwischen den Lageberichten immer wieder kuriose Vermerke. Etwa der, dass die interne Nummer „2819 bis zur Abreise besetzt“ gewesen sei. Oder: Einer „Genossin aus Wurzen" war der Dienstausweis abhandengekommen. Herzklopfen! Am Tag vor dem Spiel um 17.20 Uhr tauchte er wieder auf.

Der SSC Neapel heißt nicht RSC Neapel

Also beschäftigte man sich anderweitig. Nie konnte man sich sicher sein, alles zu wissen. Wie zum Beispiel hieß denn der Verein eigentlich mit vollem Namen? Kein unbedeutendes Detail, also nahm sich die Hauptabteilung VI des Operativen Lagezentrums (OLZ) der Frage an. Sie ermittelte die für sie „genaue Bezeichnung“ als „RSC“. Ein Fauxpas: Seit 1964 firmiert Napoli unter Società Sportiva Calcio (SSC), davor nannte er sich Associazione Calcio, kurz AC.

Erst am Spieltag kam Bewegung in die Operation. Eine Maschine mit 165 Fans landete in Leipzig. Kantige Kerle, betrunken vielleicht und mit Schlaginstrumenten bewaffnet? Nein, Italiener eben. Der Beobachter meldete: „Sehr gut gekleidet“, „keine Betrunkenen oder Angetrunkene“, selbst die Plastikrohre der mitgebrachten Fahnen seien „gut“, also auch „keinerlei Schlaginstrumente“. „Einige Fotoapparate seien aber schon dabei“, endlich mal ein bißchen Adrenalin – Fotos in der DDR?! Und „3 – 4“ hätten „telefoniert“. Ansonsten aber: wieder alles ruhig, 5 „DDR-Fans“ seien in der Zentralhalle gewesen. Sie hätten „Wimpel und Anstecker getauscht“.

Der letzte Vermerk: „Genosse Wagner geht nach Hause“

Nichts war los mit den Italienern. 18.16 Uhr meldete Major Kopf: „Mannschaftsfoto“ mit den „Feans“. Danach: „schlagartig sind alle Menschen weg“. Es muss zum Gähnen gewesen sein. Nur gut, dass von den 80.000, die später am Abend im Stadion gezählt wurden, ein paar heimischen Rabauken auffällig wurden. Endlich gab es was Handfestes zu vermerken.

20 „Zuführungen“ habe es im Umfeld der Partie gegeben, heißt es in den Unterlagen. Von den Festgesetzten, Verwarnten und auf der Stelle Bestraften kamen drei aus Berlin, einer aus Gera, vier aus dem Leipziger Umland, zehn aus der Stadt – und zwei aus Halle. Sie hatten „Bürger beleidigt“, waren „angetrunken“ und hatten „Volkspolizei-Angehörige“ bepöbelt. 14 von ihnen mussten Bußgelder von 50 bis 500 Mark zahlen, zwei ein Ordnungsgeld von 20 Mark, die anderen wurden „belehrt“.

Danach aber trat wieder Ruhe ein. Noch in der Nacht verließen sämtliche Italiener das überwachte kleine sozialistische Land. Zurückblieben die Bilder eines Weltstars, von dem man sich noch heute erzählt „Ich habe Maradona gesehen!“, ein 1:1 gegen den späteren Uefa-Cup-Sieger, und eine Stasi, die am Ende dieser doch recht unergiebigen Observation eine prosaische Facette an sich enthüllte. Um 1.50 Uhr entstand der letzte Vermerk: „Genosse Wagner geht nach Hause.“

(mz)