Hertha vs. RBL 1:4

Hertha BSC vs. RB Leipzig: RBL spielt Champions League

Berlin - Timo Werner und Davie Selke schießen RB Leipzig in die Champions League

Von Ullrich Kroemer und Jakob Backmann 06.05.2017, 18:15
Grenzenloser Jubel mit 8.000 mitgereisten RBL-Fans
Grenzenloser Jubel mit 8.000 mitgereisten RBL-Fans imago sportfotodienst

Timo Werner und Davie Selke haben RB Leipzig mit je zwei Toren in die Champions League geschossen. Der Aufsteiger triumphierte bei Hertha BSC mit 1:4 (0:1). Der 21-Jährige köpfte das frühe 1:0 (12.) und profitierte von einem haarsträubenden Patzer von Hertha-Keeper Rune Jarstein (54.).

Nach Eigentor von Rani Khedira (85.) machte Davie Selke mit seinem Treffer nach Solo zum 3:1 (89.) und 4:1 (90.+2) alles klar. So ist Rekordaufsteiger RB nach dem 20. Saisonsieg die direkte Teilnahme an der europäischen „Königsklasse” nicht mehr zu nehmen. Hertha bleibt trotz der Niederlage auf Europa-League-Rang fünf.

Ausgangslage

Mehr Aufmerksamkeit, mehr Punkte und die Aussicht auf Vize-Meisterschaft und die Champions League: Der neue Nachbar RB Leipzig hat Hauptstadt-Club Hertha BSC binnen einer Saison überholt. So stichelte Berlins Manager Michael Preetz vor dem Duell in Bezug auf die unterschiedlichen Voraussetzungen.

„Die Chancengleichheit ist jetzt nicht gewährleistet”, sagte der ehemalige Angreifer. Soll heißen: Der 125 Jahre alte Hertha Berliner Sport-Club sieht sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht auf Augenhöhe mit dem acht Jahre alten Gegner. „In welchen Preissegmenten Leipzig unterwegs ist, konnte man vor der Saison sehen”, sagte Preetz. Zum Vergleich: Knapp sieben Millionen Euro konnten die Berliner im Sommer vergangenen Jahres in Neuzugänge investieren. Die Leipziger kamen auf Ausgaben in Höhe von etwa 50 Millionen Euro.

Doch im Gegensatz zu rätselhaft schwachen Auswärtsauftritten – in der Fremde hat Hertha ganze neun Punkte geholt und ist nur Tabellen-16. Der Auswärtstabelle – ist das Team von Trainer Pal Dardai daheim eine Macht. In der Rückrunde verloren die Herthaner im Olympiastadion nur gegen die TSG Hoffenheim.

„Wenn wir gierig und bissig sind. Wenn wir in den Zweikämpfen nicht schlechter sind als der Gegner, haben wir eine Chance», betonte Dardai. Sein Verein will unbedingt Tabellenplatz fünf sichern, der den direkten Einzug in die Europa League bringen würde.

Personalien

Bis auf Vize-Kapitän Willi Orban (Bluterguss am Sprunggelenk) und Lukas Klostermann (Aufbautraining) waren bei RB Leipzig alle Spieler einsatzbereit. Auch Timo Werner, der nach schwerer Sprunggelenksprellung seit Donnerstag ebenso wieder trainierte wie Naby Keita und Emil Forsberg (muskuläre Probleme). Überraschend ließ Hasenhüttl Linksverteidiger Marcel Halstenberg draußen, verschob stattdessen Bernardo auf die linke Seite und brachte Stefan Ilsanker als Rechtsverteidiger.

Bei der Hertha rückte der Schweizer Valentin Stocker wieder in die Startelf. Auch der zuletzt angeschlagene Rechtsverteidiger Peter Pekarik spielte von Anfang an, ebenso wie Innenverteidiger John Anthony Brooks. Youngster Jordan Torunarigha begann als Rechtsverteidiger. Marvin Plattenhardt hingegen fehlt weiter. Der Brasilianer Allan, den leichte muskuläre Probleme plagen, würde wahrscheinlich aus der Startelf auf die Bank rücken.

Der wieder im Teamtraining stehende Mitchell Weiser saß auf der Bank und könnte als Joker wieder infrage kommen. Allerdings betonte Dardai mit Blick auf die Aufstellung: „Blödsinnige Aktionen wollen wir nicht machen.”

Fans

RB konnte auf lautstarke und vielköpfige Unterstützung zählen. Rasenballsport reiste mit 8000 bis 10000 Fans nach Berlin – wohl ein neuer Auswärts-Unterstützerrekord. Nach Dortmund und München waren jeweils 8000 Leipziger mitgereist. Abgesehen von einigen verbalen Schmähungen verlief die Anreise des Leipziger Anhanges soweit bekannt ohne Probleme. Die Atmosphäre rund um das Olympiastadion war friedlich; die Fantrennung funktionierte reibungslos.

Vor Anpfiff plakatierten die Hertha-Fans in der Ostkurve dann großflächig gegen RB. Vor schwarzem Untergrund stand auf weißen Bannern unter anderem: „Der Fehler liegt im System.”

Zudem wurden unter anderem die Konterfeis von RB-Investor Dietrich Mateschitz  und Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp gezeigt, darüber stand „Die wahren Totengräber des Fußballs”.

Im Hinspiel hatten Berliner Ultras geschmacklos gegen RB-Sportdirektor Ralf Rangnick plakatiert. So hatte die Berliner Polizei auch Krawalle rund um das Sicherheitsspiel nicht ausgeschlossen. „Wir tun in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden alles dafür, dass jeder Besucher des Olympiastadions sich sicher fühlt”, hatte Thomas E. Herrich von der Hertha-Geschäftsführung der Berliner Morgenpost gesagt.

Spielverlauf und Analyse

Erste Hälfte: Beide Teams begannen die Partie engagiert, aber kontrolliert. Die erste Gelegenheit hatte Peter Pekarik, dessen Abschluss aus der Distanz jedoch über dem Tor landete (4.). Nach den ersten fünf Minuten bekamen dann die Gäste aus Leipzig mehr Kontrolle über das Spiel. Marcel Sabitzers Abschluss nach Vorlage von Emil Forsberg schlug nur knapp neben dem linken Pfosten (5.) ein.

RB hatte nach der Startphase Ballbesitz-Vorteile und nutzte das eiskalt aus. Marcel Sabitzer flankte aus dem rechten Halbfeld und fand genau den Kopf von Timo Werner. Der wiedergenesene Toptorjäger der Leipziger wuchtete den Ball aus etwa zwölf Metern zum 1:0 in die Maschen (12.). Dass direkt die erste echte Chance im Tor gelandet war, spielte den Leipzigern in die Karten. Doch während Hertha etwa eine Viertelstunde benötigte, um den Rückstand zu verdauen, legte Rasenballsport nicht aggressiv genug nach. So dauerte es bis zur 27. Minute, ehe Sabitzer per Distanzschuss die nächste Gelegenheit hatte.

Kurz darauf waren die Rot-Weißen im Glück, als die Restfeldverteidigung nicht stimmte und die RB-Defensive von den konternden Berlinern überrannt wurde. Vladimir Darida passte von der linken Seite nach rechts zu Alexander Esswein, der völlig unbedrängt zu früh abschloss und RB-Schlussmann Peter Gulacsi anschoss (28.) – eine hundertprozentige Torchance für die Berliner. Auch Essweins Schuss wenig später brachte nichts ein, sondern strich über das Tor (35.).

Die Hertha agierte keineswegs ausschließlich defensiv, sondern hatte auch immer wieder offensive Phasen. Doch zu selten wurde es wirklich gefährlich. RB hatte erneut durch Werner nach schönem Pass von Forsberg das zweite Tor auf dem Fuß, doch Keeper Runde Jarstein parierte den Schuss aus halbrechter Position glänzend (36.). Bis zur Pause ein solider und effektiver, keinesfalls nervöser Auswärtsauftritt der Leipziger in einem insgesamt eher durchschnittlichen Spiel.

Zweite Hälfte:

In der zweiten Hälfte zog RB die Zügel merklich an. Die Druckphase der Leipziger mündete nach knapp zehn Minuten durch haarsträubende Hertha-Patzer in zwei großen Gelegenheiten für die Gäste. Zunächst rette Jarstein noch gegen Yussuf Poulsen, dem Esswein den Ball beim Versuch, zurück zum Torhüter zu passen, den Ball auf den Fuß gelegt hatte (53.). Kurz darauf zappelte der Ball dann im Netz. Diesmal war es Jarstein selbst, der abrutschte und erneut Poulsen wenige Meter vor dem Hertha-Tor bediente. Poulsen legte quer zu Werner, der zum 0:2 vollstreckte (54.) – das 19. Saisontor des Nationalstürmers.

Hertha agierte nach den anfängerhaften Fehlern nervös, brachte RB immer wieder in Konter- und Schusssituationen. Naby Keita (58.) und Werner (61.) hatten weitere Gelegenheiten. Die Partie, das war nach dem deprimierenden zweiten Gegentor zu spüren, war entschieden. Daran änderte auch das Eigentor des eingewechselten Rani Khedira nichts mehr, der von Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic angeköpft wurde (85.), wenn auch die Schlussphase dadurch kurzzeitig noch einmal unnötig hektisch geriet. Doch Selke machte durch das 1:3 nach schönem Solo alles klar (89.) und legte sogar noch das 1:4 nach (90.+2).

Ausblick

Zwar ist der Titelkampf bereits entschieden. Doch für Rasenballsport ist das Gastspiel des Deutschen Meisters FC Bayern München in der Messestadt dennoch einer der Saisonhöhepunkte. Nach dem ersten Bundesliga-Heimspiel gegen den BVB zum Start der Spielzeit bildet das Duell gegen den Rekordmeister im letzten Heimspiel der Saison einen tollen Rahmen dieser ersten Erstligasaison für die Leipziger. Die Hertha gastiert am kommenden Samstag bei Absteiger Darmstadt 98.

Hertha BSC – RB Leipzig 1:4 (0:1)

RB Leipzig: Gulacsi – Ilsanker, Upamecano, Compper, Bernardo – Keita (76. Khedira), Demme – Sabitzer, Forsberg – Werner (89. Kaiser), Poulsen (80. Selke).
Hertha BSC Berlin: Jarstein – Pekarik, Langkamp, Brooks, Torunarigha – Darida, Skjelbred (64. Souza) – Esswein (80. Haraguchi), Stocker (62. Weiser), Kalou – Ibisevic.

Tor(e): 0:1 Werner (12., Sabitzer), 0:2 Werner (54., Poulsen) 1:2 Khedira (85., Ibisevic), 1:3 Selke (89., Forsberg), 1:4 Selke (90.+2); Torchancen: 4:11; Eckenverhältnis: 3:8; Schiedsrichter: Hartmann (Wangen); Gelbe Karten: Langkamp (52.), Ibisevic (74.), Brooks (78.) / Compper (34.), Ilsanker (70.), Demme (84.); Zuschauer: 62.301 im Olympiastadion Berlin.

(mz/dpa)