Box-Idol über den Chemiepokal

Henry Maske über den Chemiepokal 2019: „Für Halle tut es mir leid“

Köln/Halle (Saale) - Am kommenden Mittwoch beginnt in Köln das Amateurboxturnier, das in Halle als Chemiepokal Berühmtheit erlangte.  In Sachsen-Anhalt konnte in diesem Jahr die Traditions-Veranstaltung bekanntlich nicht finanziert werden - deshalb veranstaltet der Deutsche Boxverband nun ein Turnier in ...

Von Susanne Rohlfing 06.04.2019, 11:25
Box-Idol Henry Maske hat den Chemiepokal in guter Erinnerung.
Box-Idol Henry Maske hat den Chemiepokal in guter Erinnerung. imago stock&people

Am kommenden Mittwoch beginnt in Köln das Amateurboxturnier, das in Halle als Chemiepokal Berühmtheit erlangte.  In Sachsen-Anhalt konnte in diesem Jahr die Traditions-Veranstaltung bekanntlich nicht finanziert werden - deshalb veranstaltet der Deutsche Boxverband nun ein Turnier in Köln.

Eine der schillerndsten Figuren beim Chemiepokal war der spätere Profibox-Weltmeister Henry Maske. Mit dem heute 55-jährigen Olympiasieger von 1988 und Amateur-Weltmeister von 1989 sprach Susanne Rohlfing.

Herr Maske, Sie haben den legendären Chemiepokal in Halle fünf Mal gewonnen: 1983, 1984, 1985, 1986 und 1989. Was verbinden Sie mit diesem internationalen Amateurbox-Turnier?

Henry Maske: Das war unser erstes Turnier in der DDR, das internationale Größe erreicht hat. Die Ergebnisse dort waren die Nominierungsgrundlage für die folgenden internationalen Höhepunkte. Für mich begann 1983 genau bei diesem Turnier mein internationaler Weg.

1983, da waren sie gerade 19.

Ja. Und wir hatten national eine wahnsinnig spannende Auseinandersetzung im Mittelgewicht. Wir waren vier Boxer und es war noch nicht klar, wer der Mann für die Zukunft sein würde. Im Vorfeld war ich bei den DDR-Meisterschaften schon im Viertelfinale rausgeflogen. Man hat mich dann trotzdem zum Chemiepokal mitgenommen...

... und da haben Sie dann mal eben gewonnen.

Der erste Kampf war noch sehr schwammig, da habe ich gegen einen Tschechen gewonnen. Im zweiten Kampf galt es dann, einen Olympiasieger zu schlagen, einen Kubaner. Dass ich das schaffe, damit rechnete niemand. Aber ich habe es geschafft. Im Halbfinale und Finale ging es gegen die Kollegen aus der DDR. Ich habe mich durchgesetzt – das war für mich der Grundstein meiner internationalen Karriere. Obwohl der Sieg über den Kubaner damals medial sehr unterschiedlich bewertet wurde. Es gab Journalisten, die fragten, wie jemand den Kampf gewinnen könne, der drei Runden nur rückwärts läuft.

Schon damals hing Ihnen diese Ansicht über Ihren Boxstil nach?

Naja gut, warum hätte ich mir von so einem sehr breitschultrigen, gut aufgestellten Kerl eine physische Auseinandersetzung aufzwingen lassen sollen? Das wäre ja eine Dummheit gewesen. Ich war schnell und gewandt. Ich gehe dann einen Schritt zurück, wenn es nötig ist, um einem Schlag auszuweichen. Danach bin ich sofort wieder da. Ich bin also keiner, der permanent auf der Flucht ist, sondern ich gebe dann den Raum frei, wenn nötig.

Der Chemiepokal kämpfte in Halle seit der Wende ums Überleben. Nun wird er in der nächsten Woche von Mittwoch bis Samstag als „Cologne Boxing World Cup“ in der Sporthalle Süd in Köln ausgerichtet. Ist das die Rettung des Traditions-Turniers oder das Ende einer Legende?

Ich würde sagen zweites. Es geht nicht, was nicht geht. Dieser Chemiepokal hat sich in Halle ab 1970 wahnsinnig toll entwickelt. Jetzt sind die finanziellen Hürden zu hoch geworden, leider, ich finde das wirklich schade. Köln hat sich nun entschieden, hier etwas Ähnliches zu veranstalten. Aber man kann nicht diesen Chemiepokal hier einfach weitermachen, das ist nicht möglich. Für mich sind das zwei verschiedene Turniere. Köln wird eine eigene Veranstaltung entwickeln, die hoffentlich auch eine lange Tradition bekommt. Ich wünsche dem Turnier ein tolles Publikum und hochklassige Boxer aus aller Welt. Für Halle und den Chemiepokal tut es mir wahnsinnig leid.

Die großen Kubaner Teofilo Stevenson und Felix Savon, der Ukrainer Vitali Klitschko oder aus Deutschland Sie, Axel Schulz oder Sven Ottke – alle haben den Chemiepokal mal gewonnen. Ein Sieg in Halle gehört zu einer anständigen Boxer-Biografie dazu, kann man das so sagen?

Auf jeden Fall. Die Kubaner kamen immer mit einer vollen Staffel, die Sowjetunion damals auch, die Polen, die Rumänen, die Bulgaren und so weiter. Dann gab es auch die Bundesrepublik, die Engländer, die Franzosen, die Niederländer, die Dänen – von überall kamen sie her. Alle wollten dabei sein und mussten den einen oder anderen zu Hause lassen, weil es nicht so viele Plätze gab. Manchmal gab es bis zu vier Kämpfe für einen Boxer, und das in einer Woche, das war schon viel, das hatte eine Brisanz.

Wie sehen Sie das Amateurboxen heute? Wie ist das internationale Niveau?

Ich fand die Qualität bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr deutlich besser als in den Jahren davor. Durch die etwas veränderten Wertungsrichtlinien ist die Verteidigungsbereitschaft wieder deutlicher in den Blickpunkt gekommen, das fand ich gut und wichtig. Die Kombination von Kraft und Technik und Durchhaltevermögen ist im Boxen die Grundlage des Erfolgs, das hat man wieder gut gesehen, es ging nicht mehr nur um Punktehascherei.

Hierzulande hat aber schon länger kein deutscher Amateur mehr wirklich für Furore gesorgt.

Ja. Ich finde das sehr traurig und schade. Ich glaube, dass es Deutschland gut tun würde, wenn wir im Boxen eine breite Basis aufstellen könnten. Aber es fehlt an Akteuren. Es braucht einen langen Atem, um im Boxsport erfolgreich zu sein. In anderen Sportarten sicherlich auch, aber ich weiß es im Boxen zu beschreiben. Allem Anschein nach ist heute der Atem bei vielen nicht lang genug.

Sie sind heute vor allem als der Profi-Weltmeister von 1993 bis November 1996 mit Kampfnamen „Gentleman“ bekannt. Tatsächlich waren Sie aber viel länger Amateur- als Profiboxer.

Völlig richtig. Ich hatte eine verdammt lange Karriere. Und ich weiß ganz genau: Ich war kein großes Talent. Mein Talent lag in der Einsatzbereitschaft, dem Durchhaltevermögen, der hohen Konzentrationsfähigkeit. Ich habe vieles mit viel harter Arbeit wett machen müssen. (mz)