1. MZ.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. "Respektlose" Kritik?: Handball-WM: Debatte um Uwe Gensheimer überlagert schwachen Auftritt der deutschen Handballer

"Respektlose" Kritik? Handball-WM: Debatte um Uwe Gensheimer überlagert schwachen Auftritt der deutschen Handballer

24.01.2021, 14:34
Uwe Gensheimer steht als Kapitän der deutschen Handballer in der Kritik - aber nicht bei Bundestrainer Alfred Gislason.
Uwe Gensheimer steht als Kapitän der deutschen Handballer in der Kritik - aber nicht bei Bundestrainer Alfred Gislason. www.imago-images.de

Kairo - Sein WM-Fazit? Alfred Gislason verzog das Gesicht. „Es ist sicherlich Frust da“, sagte der Bundestrainer der deutschen Handballer mit bittersüßer Miene. Das vorzeitig verpasste WM-Viertelfinale wurmte ihn auch am Sonntag noch, doch vor allem ärgerten den Isländer die neuen Diskussionen um seinen Kapitän Uwe Gensheimer.

„Er steht überhaupt nicht zur Diskussion – im Gegenteil: Er macht seinen Job intern als Kapitän sehr gut“, sagte Gislason missmutig. Anstatt sich in Ruhe auf das Olympia-Casting im sportlich bedeutungslosen WM-Abschluss gegen Polen am Montag (20.30 Uhr/ARD) vorzubereiten, war Gislason am Sonntag vor allem als Moderator und Besänftiger von Gensheimers Kritikern gefragt.

Uwe Gensheimer: Kritik am Kapitän ist „respektlos“

Am Nachmittag meldete sich der Deutsche Handballbund (DHB) gar mit einer Verbandsmitteilung zu Wort. „Die ständige externe Kritik empfinde ich als respektlos und mangelnde Wertschätzung. Was von außen an unsere Nationalmannschaft herangetragen wird, entspricht in keiner Weise meinen Werten sowie dem Zusammenhalt und Geist unseres Teams“, wird Gensheimer darin zitiert.

Und auch DHB-Sportvorstand Axel Kromer reagierte mit scharfen Worten auf die Deutungen von Gensheimers Interview im ZDF, das nach dem 31:24 gegen Brasilien für Irritationen gesorgt hatte.

„Die Interpretation des Interviews wirkt wie ein bewusstes Missverstehen“, sagte Kromer und fügte hinzu: „Unsere Innensicht ist und bleibt klar: Uwe Gensheimer ist als Kapitän unserer Nationalmannschaft ein Rückhalt für jeden Spieler und jedes Delegationsmitglied.“

Uwe Gensheimer fühlt sich nach Interview falsch verstanden

Gensheimer hatte sich nach dem Brasilien-Spiel gegen seine Kritiker gewehrt. „Ich weiß nicht, ob es der Vereinszugehörigkeit geschuldet ist irgendwo, Missgunst und Neid sind da manchmal schon ein bisschen da“, sagte der Linksaußen und ergänzte mit Blick auf sein Amt als DHB-Anführer: „Nichtsdestotrotz glaube ich, dass ich nach wie vor noch den Rückhalt der Mannschaft habe.“

Der DHB reagierte mit seiner Mitteilung offenbar auf Reaktionen im Netz, die Gensheimer auslegten, er habe mit diesen Worten seine Teamkollegen kritisiert. Im Kontext wurde dies am Samstagabend aber nicht deutlich. „Ich habe mich nie negativ über Spieler und Trainer geäußert und werde dies auch nicht tun. Wer mir Böses unterstellt, irrt“, betonte Gensheimer nun.

Die Diskussionen, die der DHB mit seiner Mitteilung selbst weiter befeuerte, überlagerten den Blick auf die WM - und die Vorbereitung auf die neuen Aufgaben. „Es überwiegt, dass vieles gut war“, sagte Gislason in einer Art vorgezogenem Resümee seines Premierenturniers beim DHB: „Was die Jungs in dieser Zeit geschafft haben, ist schon sehr beachtlich.“ Er verspüre „große Vorfreude“ auf die so wichtigen Olympia-Qualifikationsspiele im März in Berlin.

Handball-WM: Gislason will Polen-Spiel zum Schaulaufen nutzen

„Jede Info kann wichtig sein“, betonte Gislason sagte Gislason mit Blick auf das eine Art Kaderschaulaufen unter Wettkampfbedingungen beim abschließenden Spiel gegen Polen. Er wolle noch einmal „möglichst vielen eine Chance geben und dabei am liebsten gewinnen“. Hinsichtlich des stark besetzten Olympia-Qualifikationsturniers in Berlin mit Slowenien, Schweden und Algerien sei jede Erfahrung von großer Bedeutung.

Sportlich geht es am Montag auch darum, die schlechteste Platzierung einer deutschen Mannschaft in der WM-Geschichte (Platz elf in Schweden 2011) mit einem Sieg noch abzuwenden.

„Es ist wichtig für unser Gefühl“, sagte Johannes Golla. Der Flensburger Kreisläufer gehört neben Torwart-Oldie Johannes Bitter und Spielmacher Philipp Weber zu den wenigen Gewinnern des Turniers.

Trotz enttäuschender WM: Deutschland: DHB gibt Olympia-Gold als Ziel aus

Unter dem Strich dürfte die WM als Enttäuschung in die DHB-Annalen eingehen. Das Erreichen der K.o.-Runde, offizielles Verbandsziel, war schon vor dem Brasilien-Spiel futsch. Echte WM-Begeisterung kam in Deutschland nicht auf.

„Es wäre schön gewesen, wenn wir mehr Euphorie hätten entfachen können“, sagte DHB-Sportvorstand Kromer: „Es ist eine schwere Zeit in Deutschland aktuell, das wäre sicher sehr, sehr gut gewesen. Und natürlich hätte dazu beigetragen, wenn wir noch mehr Spiele gehabt hätten.“

Zuletzt hatte eine DHB-Auswahl 2017 das WM-Viertelfinale verpasst, doch ungeachtet dessen bleiben die Ziele beim Verband hoch. „Ich weiß nicht, wer die Ziele zurückschrauben muss, wir jedenfalls nicht“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning gewohnt forsch: „Wir wollen um Olympisches Gold spielen.“ (sid)