Die kurze Trainer-Karriere von Bernd Donau

Vom „Wunder von Halle“ in Tönnies' Schlachthof

Bernd Donau vor 30 Jahren als lautstarker HFC-Trainer. (Foto: imago/Hartung)

Halle (Saale) - Im Mai vor 30 Jahren hing der Fußball-Himmel über Halle voller Geigen. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte: Ausgerechnet der HFC, bis dahin eher eine graue Maus der DDR-Oberliga, schaffte zum Abschluss der letzten Saison 1990/91 als Tabellenvierter die Qualifikation für die zweite Fußball-Bundesliga und den Uefa-Cup.

Für Bernd Donau, der vor der Saison auf Initiative des Teams das Traineramt von Karl Trautmann übernahm, war das „eine Sensation“. Manche sprachen gar vom „Wunder von Halle“, erinnert sich der einstige Fußball-Lehrer, der am 1. Mai seinen 75. Geburtstag feiert.

Die Dramatik der Saison 1990/91, die über das Wohl und Wehe auch vieler renommierter Oberligavereine entschied, hat sich bei ihm fest ins Gedächtnis eingebrannt. Der Auftakt ging gründlich daneben. Nach drei Spieltagen stand der HFC bei 1:5-Punkten. Dann kam Dresden nach Halle, eine Elf gespickt mit Nationalspielern wie Torsten Gütschow oder Ralf Minge. „Und wir schlagen diese Mannschaft mit 3:1, es war unglaublich“, so Donau.

HFC-Saison 1990/91: Sieg gegen Dynamo Dresden als Wendepunkt

Es war der Auftakt einer Erfolgsserie. Magdeburg musste nach elf Jahren wieder mal eine Niederlage gegen den Erzrivalen hinnehmen. Bei Lok Leipzig, wo der HFC vorher kaum einen Blumentopf gewinnen konnte, gelang ein 3:0-Auswärtssieg. Gegen Jena holten die Hallenser zwei Siege.

„Wann hat es das schon jemals gegeben“, kommt Donau immer noch ins Schwärmen. Mit einem 1:1-Remis am letzten Spieltag am 25. Mai in Chemnitz ist die faustdicke Überraschung perfekt. „Ich konnte nach der Partie kaum noch sprechen“, so heiser war er vom Anfeuern, gesteht der ansonsten als ruhig bekannte Coach.

Trainer Bernd Donau und die Zugänge zur Saison 1991/1992: Torsten Neubert, Torwart Andreas Schneider, Dirk Hannemann, Timo Lange (v.l.).
(Foto: imago/Werek)

Bei der BSG Chemie Buna Schkopau wurde Bernd Donau einst das Fußball-ABC beigebracht. Als Stürmer schaffte er es bis in die Nachwuchsteams der DDR. Ein Motorradunfall riss ihn mit 21 Jahren aber aus allen Träumen von einer großen Fußball-Karriere. Er war im Dunkeln auf ein unbeleuchtetes Militärfahrzeug der Sowjetarmee geprallt. Eine unübersehbare Narbe am rechten Knie erinnert ihn seither an diese schicksalhafte Nacht.

Bernd Donau überstand mit viel Glück einen Motorradunfall

„Ich hatte viel Glück“, sagt Donau aber. Mit seinem Kämpferherz schaffte er es sogar noch bis in die hallesche Oberligaelf. Dort absolvierte er 103 Spiele und schoss zehn Tore. Danach wurde er Diplom-Sportlehrer und Trainer.

Kurz vor Saisonbeginn 1990/91 überstürzten sich im Trainingslager in Schleswig-Holstein die Ereignisse. Die Mannschaft lehnte sich bei einer geheimen Sitzung gegen Cheftrainer Karl Trautmann auf. Die Vereinsführung gab nach. „Ich bekam natürlich mit, dass sich alle Spieler in einer Kneipe verabredet hatten. Da wusste ich, dass sie irgendwas im Schilde führten“, weiß Donau. Was er auch ahnte: Das Team will, dass er sie auf die letzte DDR-Oberligasaison vorbereitet. „Dieses Vertrauen war überwältigend und hat mich beflügelt.“

Doch der Erfolg hielt nach der Qualifikation für die 2. Bundesliga nicht an. Die jungen talentierten Spieler wurden von Beratern mit lukrativen Verträgen in den Westen gelockt. In der Winterpause ging Star Dariusz Wosz zum Bundesligisten VfL Bochum. Die Ablösesumme von etwa 1,2 Millionen D-Mark sicherte dem HFC das finanzielle Überleben. Der Abgang von Wosz war aber ein herber sportlicher Verlust für die Rot-Weißen.

HFC-Abstieg 1991: Stürmer Lutz Schülbe war damals unersetzlich

Und irgendwann war der Abstieg nicht mehr zu verhindern - weil auch der wichtigste Stürmer praktisch ausfiel. „Wir haben 1990/91 achtmal mit 1:0 gewonnen und jedes Mal war Lutz Schülbe der Torschütze“, rechnet Donau vor, dass der Stürmer damals genauso wichtig für den HFC war wie es heute Terrence Boyd in der dritten Liga ist. Doch der gebürtige Eisleber, heute Präsident von Verbandsligist BSV Ammendorf, musste ständig wegen Knieproblemen aussetzen.

Am 17. Mai 1992, nach einer 1:2-Heimpleite gegen Erfurt, ist es Fakt: Der HFC stieg nach nur einer Profisaison wieder ab. „Das war bitter, besonders für mich“, sagt Donau. Mit 3:2-Stimmen entschied sich das Präsidium des Klubs, den Coach zu feuern. Damit war seine Trainer-Karriere praktisch beendet. „Ich fragte in Jena, Leipzig und Magdeburg nach einem Job, doch überall bekam ich nur Abfuhren“, so Donau. Sein Pech: Bei den Ostvereinen waren damals Profitrainer aus dem Westen gefragt.

HFC-Abstieg beendete die Trainerkarriere von Bernd Donau

Der Diplom-Sportlehrer landete schließlich im Schlachthof der Firma Tönnies in Weißenfels. „Ich musste ja irgendwie den Lebensunterhalt für meine Familie verdienen.“ Donau arbeitete meist im Büro, er lernte aber auch am eigenen Leibe kennen, wie schwer dort geschuftet wird. Nach drei Jahren wurde er über das Arbeitsamt zum SV Merseburg 99 vermittelt, wo er wieder als Übungsleiter arbeiten konnte.

Heute sagt der Rentner über seinen Ausflug in den Profifußball: „Es war die aufregendste Zeit in meinem Leben.“ Dem HFC ist er nie gram gewesen, hält noch immer der Traditionsmannschaft die Treue. „So sind halt die Gepflogenheiten“, weiß Donau.

Die er weiter genau beobachtet. In der aktuellen Saison der dritten Fußball-Liga mussten zwei Trainer nach Niederlagen gegen den Halleschen FC ihre Sachen packen: Stefan Krämer beim KFC Uerdingen und Markus Kauczinski in Dresden. Donau litt mit: „Ich weiß, wie sich das anfühlt.“ (mz/Wolfram Bahn)