BVB 2016/2017

BVB 2016/2017: Wie es nach den Wechseln von Mkhitaryan, Hummels und Gündogan weitergeht

Dortmund/Halle (Saale) - Still ist es geworden. Hans-Joachim Watzke, der BVB-Geschäftsführer, ist eigentlich niemand, der für ausgeprägte Verschwiegenheit bekannt ist. Doch seit einigen Tagen herrscht nahezu Funkstille. Stattdessen reden andere, allen voran Mino Raiola, der Berater von Henrikh ...

Von Clemens Boisserée 27.06.2016, 15:58
Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke müssen Verstärkung holen.
Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke müssen Verstärkung holen. imago sportfotodienst

Still ist es geworden. Hans-Joachim Watzke, der BVB-Geschäftsführer, ist eigentlich niemand, der für ausgeprägte Verschwiegenheit bekannt ist. Doch seit einigen Tagen herrscht nahezu Funkstille. Stattdessen reden andere, allen voran Mino Raiola, der Berater von Henrikh Mkhitaryan.

Fast täglich kommentiert der Italiener die Wechselabsichten seines Schützlings mit dem Ziel Manchester United. Als Watzke dem Transfer einen Riegel vorschieben wollte, polterte Raiola und warf dem Chef-Borussen Wortbruch und Verlogenheit vor. Ein paar Tage später bezeichnete er Watzke plötzlich als „einen der besten Vereinsbosse der Welt“ - da hatte sich der Wind gedreht.

„Das kann ich ausschließen!“

Der Wechsel des Offensivspielers auf die Insel steht unmittelbar bevor, 42 Millionen Euro soll United zahlen. „Wir werden die Situation in dieser Woche bewerten. Es ist eine schwierige Entscheidung“, gab Watzke schmallippig im Kicker zum Thema Mkhitaryan zu Protokoll.

Für den Geschäftsführer ist der dritte Star-Abgang nach Mats Hummels zu Bayern München und Ilkay Gündogan zu Manchester City ein Tiefschlag. Denn kommt es so, dann ist er wortbrüchig geworden. Den eigenen Fans, den Aktionären und letztlich auch dem Team und Trainerstab gegenüber. „Es ist völlig ausgeschlossen, dass alle drei nächstes Jahr nicht für Borussia Dortmund spielen. Das kann ich ausschließen!“ So hatte der Sauerländer Ende April bei Sky getönt. Nun muss er eingestehen: „Wenn die wirtschaftliche Seite erdrückend wird, kann es sein, dass man eine andere Entscheidung trifft.“

Die Macht eines wechselwilligen Spielers ist längst größer als das vermeintliche Machtwort eines Managers. Bleibt die Frage: Wie geht es nun weiter beim achtfachen deutschen Meister?

Die Kaderplanungen sind weit vorangeschritten. Eigentlich. Sechs Neuverpflichtungen sind bislang unter Dach und Fach: Innenverteidiger Marc Bartra (25) kommt aus Barcelona, Sebastian Rode (25) wurde von der Tribüne der Münchner Allianz-Arena losgeeist. Das türkische Sturmtalent Emre Mor (18) reiste während der EM an, um seinen Vertrag zu unterschreiben. Gleiches tat der portugiesische Außenverteidiger Raphaël Guerreiro (22).

Bereits früher bekannt waren die Verpflichtungen des spanischen Mittelfeld-Talents Mikel Merino (20) und von Flügelstürmer Ousmane Dembélé (19). Ergänzt werden die eingekauften Verstärkungen von eigenen Nachwuchsleuten wie Christian Pulisic (17) oder Felix Passlack (18), die beide in der vergangenen Saison Bundesliga-Niveau nachweisen konnten.

Der BVB hat sich eine talentierte Generation zusammengestellt. Knapp 60 Millionen kosteten die Neuen, die den Dortmunder Weg fortsetzen und in die Fußstapfen der alten Helden treten sollen. Die hießen: Großkreutz, Subotic, Kehl, Hummels oder auch Götze und Lewandowski. Mit ihnen holte die Borussia 2011 und 2012 die Meisterschaft, gewann den DFB-Pokal und stand im Champions-League-Finale. Sie alle kamen einst für verhältnismäßig wenig Geld oder gar aus der eigenen Jugend und wurden in Dortmund unter Jürgen Klopp zu Stars. Mit Subotic hat just der letzte aus dieser Reihe seinen Abschied angekündigt.

Nun soll Thomas Tuchel den neuen BVB aufbauen. Doch es scheint mehr als ungewiss, ob die Westfalen mit dem aktuellen Kader dem FC Bayern in der kommenden Saison derart Paroli bieten können, wie sie es in der abgelaufenen Spielzeit taten. Erstmals in der Ära Watzke mussten gleich drei Spieler von Weltklasseformat in einem Sommer abgegeben werden. Das spült zwar über 100 Millionen Euro in die ohnehin gut gefüllten Kassen, doch auf Anhieb gleichwertigen Ersatz vermissen bislang nicht nur viele Fans.

Marco Reus, einer der verbliebenen Führungsspieler, fällt mit einer Adduktorenverletzung noch bis mindestens Mitte August aus. Das hinderte den 26-Jährigen jedoch nicht daran, klare Forderungen zu stellen: „Ich hoffe und erwarte, dass gute Spieler kommen.“ Reus will endlich seinen ersten Titel gewinnen, der Vertrag in seiner Heimatstadt läuft noch bis 2019.

Kommen Schürrle oder Bellarabi?

Und so gilt es als sicher, dass Sportdirektor Michael Zorc nach dem Abgang von Mkhitaryan noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv wird. Im Fokus stehen die Flügelspieler André Schürrle (25) und Karim Bellarabi (26). Beide wären eine sofortige Verstärkung, doch in beiden Fällen sperren sich die aktuellen Vereine, Wolfsburg und Leverkusen, gegen einen Transfer.

Dabei wären die Nationalspieler nicht nur als sportliche Leistungsträger, sondern auch als Führungsspieler und Identifikationsfiguren eingeplant. Auch daran fehlt es dem Verein, der gerne mit dem Slogan „Echte Liebe“ wirbt, nach den jüngsten Abgängen.
Doch was passiert, wenn der BVB den dringend benötigten Antrieb nicht bekommt? Hans-Joachim Watzke hält sich mit Ansagen aktuell zurück. Wer den Sauerländer kennt, der weiß, dass ihm die Situation nahe geht. Auch er hat, nach dem Abgang von Jürgen Klopp im Vorjahr, in diesem Sommer die letzten wichtigen Puzzlestücke der erfolgreichen Jahre verloren. Watzkes Schweigen darf aber auch als Indiz gewertet werden: Wenn es ernst wurde, ließ der BVB-Boss schon immer lieber Taten als Worte sprechen.