126 Olympia-Medaillen 1980 in Moskau

126 Olympia-Medaillen 1980 in Moskau: Warum DDR-Sportführung nicht zufrieden war

Leipzig - Bei den ersten Olympischen Spielen in einem sozialistischen Land wollte die DDR besonders glänzen. Und tat dies auch. Vollauf zufrieden war man in der DDR-Sportführung mit der Moskauer Bilanz trotzdem nicht.

14.07.2020, 12:30
Blick in das vollbesetzte Leninstadion in Moskau während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele.
Blick in das vollbesetzte Leninstadion in Moskau während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. dpa

Bärenstark. So hatten sich die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau ihre Veranstaltung vorgestellt und als Symbolbild den Bären „Mischka“ als Maskottchen gewählt. Bärenstark aber sollte auch der Auftritt der DDR-Olympia-Mannschaft werden.

Als die olympische Flamme am 3. August 1980 im Moskauer Leninstadion nach 203 Entscheidungen erlosch, standen 126 Medaillen auf dem Konto der DDR-Equipe - so viele wie nie davor und auch nie mehr danach.

Es hagelte nur so an Auszeichnungen. Der Vaterländische Verdienstorden wurde praktisch zur Massenware, die Olympiasieger schipperten mit der „MS Völkerfreundschaft“ durchs Mittelmeer, einige fuhren anschließend mit einem neuen Pkw Wartburg durchs Land, andere hatten zusätzlich 20.000 DDR-Mark mehr zur Verfügung.

Kritik an nur 47 Goldmedaillen für DDR-Sportler

Nach Außen hin hatten die DDR-Sportler für die erhofften Erfolge gesorgt. Intern aber gab es auch Kritik. 47 Goldmedaillen waren nur sieben mehr als vier Jahre zuvor in Montreal. Und das,obwohl durch den Boykott der meisten westlichen Staaten große Sportnationen wie die USA nicht dabei waren. Dass man den Gastgebern, die unglaubliche 195 Medaillen gewannen, darunter 80 goldene, derart den Vortritt in der Nationenwertung lassen musste, war so nicht eingeplant.

Eines war aber schnell klar: Keiner der Gewinner fühlte sich wegen des Nichtantretens von 42 Nationalen Olympischen Komitees (NOK) als nicht vollständiger Olympiasieger. „Ich war ja Weltmeisterin und wurde auch im Jahr darauf wieder Weltmeisterin“, sagte beispielsweise die bislang letzte deutsche Turn-Olympiasiegerin Maxi Gnauck, die Gold am Stufenbarren holte.

Und dennoch: Es gab Goldmedaillengewinner, die es wohl unter normalen Umständen nicht geworden wären. Der Erfurter Volker Beck beispielsweise, der Olympiasieger über 400 m Hürden wurde. 1980 galt der Amerikaner Edwin Moses als schier unschlagbar, in Europa war der Westdeutsche Harald Schmid als Europarekord-Inhaber sein größter Konkurrent.

Boxer Rudi Fink als Sensations-Olympiasieger

„Aber es ist kein Gold zweiter Klasse, denn auch die beiden hätten in Moskau auch erst drei Mal laufen müssen“, sagte der spätere Bundestrainer Beck 2016 in einem Interview.

Sensations-Olympiasieger wurden unter anderen Boxer Rudi Fink, der die Top-Leute im Federgewicht allesamt ausschaltete, Judoka Dietmar Lorenz, der damit das erste deutsche Judo-Gold überhaupt holte, oder Hochspringer Gerd Wessig. Er sprang sehr spät auf den Olympia-Zug auf und reiste aus Moskau 2,36 Metern als Weltrekordler ab.

„Eigentlich war Platz sechs mein Ziel, aber es waren Sprünge wie aus einem Guss – und nach den 2,33 Metern war ich plötzlich Olympiasieger. Dann hast du nur einmal die Chance, in einem solchen Wettkampf Weltrekord auflegen zu lassen“, berichtete er vor einem Jahr anlässlich seines 60. Geburtstages.

Schwimmer Jörg Woithe holt mit 17 Jahren Gold

Auch der Erfolg von Schwimmer Jörg Woithe über 100 m Freistil war nicht erwartet worden, stand der damals 17-Jährige doch erst am Beginn seiner Karriere. Zudem war es der einzige Olympiasieg eines DDR-Schwimmers in Moskau.

Ganz im Gegensatz zu den Frauen. 13 Wettbewerbe, elf Siege, sechs Weltrekorde. 26 Medaillen fischten die DDR-Mädels aus dem schnellen Wasser des „Olympiskij Schwimmkomplex, der für damals stolze 28,5 Millionen Rubel errichtet worden war. Caren Metschuk, Barbara Krause und Rica Reinisch konnten sich als jeweils dreifache Olympiasiegerinnen feiern lassen. Lediglich über 200 m Brust ging man komplett leer aus. Damit wurden die ohnehin als „Goldfische“ bezeichneten Schwimmerinnen ihrer Rolle voll und ganz gerecht.

Ebenso wie die Ruderinnen und Ruderer. Elfmal Gold gab es für die DDR-Flotte. Im Kanurennsport, wo es vier siegreiche DDR-Boote gab, begann die einzigartige Karriere von Birgit Fischer, die im Einer-Kajak über 500 Meter den ersten ihrer acht Olympiasiege errang.

Auch die Bahnradsportler um die zu dieser Zeit überragenden Lutz Heßlich im Sprint und Lothar Thoms im 1000-m-Zeitfahren lieferten: Zwei Siege und einmal Silber in insgesamt vier Entscheidungen waren eine Hausnummer.

DDR-Fußballer scheitern im Finale an der CSSR

In den Ballsportarten ragt der Sieg der Handballer um Wieland Schmidt, Lothar Doering und Frank-Michael Wahl heraus, der in einem dramatischen Endspiel mit Verlängerung gegen die favorisierten Sowjetrussen errungen wurde. Die Fußballer, die vier Jahre zuvor in Montreal gewonnen hatten, schafften es wieder ins Finale. Das ging gegen die CSSR aber mit 0:1 verloren.

Es waren also die bärenstarken Spiele. 40 Jahre danach erinnert man sich aber kaum noch an die Namen vieler Olympiasieger wie die Turmspringer Martina Jäschke und Falk Hoffmann, die Ruder-Zwillinge Bernd und Jörg Landvoigt oder Weitspringer Lutz Dombrowski.

Sie alle lieferten im auf Erfolg getrimmten DDR-Sportsystem etwas Normales ab, wenngleich ihre Leistungen, und das zumeist über viele Jahre hinweg, alles andere als normal und selbstverständlich waren. Nach der Wende fand man viele Athletennamen in Unterlagen des staatlichen DDR-Dopingsystems und relativierte daraufhin die Leistungen. Um Olympiasieger oder Medaillengewinner zu werden, brauchte jeder aber viel mehr als nur Doping. (Gerald Fritsche, dpa)