1. MZ.de
  2. >
  3. Panorama
  4. >
  5. Sütterlin entziffern: Wie eine von Nazis verbotene Schrift Generationen verbindet

Sütterlin entziffern Wie eine von Nazis verbotene Schrift Generationen verbindet

Im Eichsfeld wird von Deutsch auf Deutsch „übersetzt“: Im Sütterlin-Kurs lernen Teilnehmer, die alte Schreibschrift zu entziffern und selbst zu schreiben. Warum?

Von Marie Frech, dpa 25.02.2026, 04:00
Im Sütterlin-Kurs lernen Enkelin Tamara und Großvater Heinrich Heckeroth zusammen, die alte Schrift auf das Papier zu bringen. Dozentin Birgit Tröße kontrolliert das Geschriebene.
Im Sütterlin-Kurs lernen Enkelin Tamara und Großvater Heinrich Heckeroth zusammen, die alte Schrift auf das Papier zu bringen. Dozentin Birgit Tröße kontrolliert das Geschriebene. Martin Schutt/dpa

Leinetal/Geisleden - Konzentriert setzt die zwölfjährige Tamara den Füllfederhalter an und schreibt mit Bedacht los. Herauskommt eine aus vielen Bögen und Schwüngen, aber auch zackigen Kanten bestehende Schrift. Das Geschriebene könnte kaum weiter von einer „Sauklaue“ entfernt sein und alle Worte sind auf Deutsch. Dennoch: Nur wenige Menschen werden die Schrift entziffern, geschweige denn selbst zu Papier bringen können. Es ist Sütterlin.

Der Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelte die Schreibschrift ab 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums aus der bis dahin gebräuchlichen Deutschen Kurrentschrift. Zuerst wurde sie in den Schulen Preußens unterrichtet, dann breitete sie sich aus. 1941 wurde sie von der deutschen Normalschrift abgelöst.

„Wie coole Geheimschrift“

„Ich finde, dass es schön aussieht, irgendwie wie eine coole Geheimschrift“, begründet die Zwölfjährige Tamara ihre Faszination für Sütterlin, die ihr - nicht nur für ihr Alter - ungewöhnliches Hobby auch mal gegenüber Freundinnen erklären muss. Aber es gibt auch Anerkennung: So habe sie etwa im Kunstunterricht punkten können, als für eine Aufgabe eine alte Schrift gebraucht wurde. Auch Texte für Grußkarten oder für einen Abschiedsbrief für eine Grundschullehrerin habe sie schon in Sütterlin verfasst.

Dass Tamara überhaupt Sütterlin lesen und schreiben kann, hat sie vor allem ihrem eigenen Fleiß, aber auch ihrem Opa, Heinrich Heckeroth zu verdanken. Der hat ihr Interesse an der Schrift geweckt. Heckeroth beschäftigt sich mit Ahnenforschung, versucht als langjähriger Küster Verwandtschaftsverhältnisse etwa anhand von Kirchenbüchern aufzuklären. Dazu muss er Sütterlin beherrschen. Es seien „Erfolgserlebnisse“, sagt er, wenn er in den alten Dokumenten die Antworten für seine Forschungsaufträge zu entziffern vermag.

Für Chronisten, Museen und jedermann

Auch Birgit Tröße ist ein entscheidender Faktor für Tamaras Fähigkeiten in der alten Schrift. Denn die Dozentin leitet den Kurs in Geisleden im Eichsfeld, in dem Tamara, ihr Opa und etliche andere Teilnehmer Sütterlin entsprechend ihrer Vorkenntnisse schreiben und lesen lernen. Zig solcher Sütterlin-Kurse hat Tröße in den vergangenen Jahren angeboten, in Thüringen, aber auch in Hessen und Niedersachsen, wie sie sagt. 

Nachfrage sei da: Auch ihr neuer Sütterlin-Kurs sei mit 14 Teilnehmern bereits ausgebucht. „Die meisten kommen aus privaten Gründen zum Kurs und möchten beispielsweise alte Briefe von Verwandten lesen können“, fasst Tröße die Beweggründe der Teilnehmer zusammen. Es seien aber auch Behördenmitarbeiter, Juristen oder sogar Vermessungstechniker dabei, die mitunter für die Arbeit in alten Dokumenten wühlen und diese lesen müssen.

Entschieden gegen rechte Szene 

Ziehen solche Kurse aber nicht auch Menschen mit umstrittenen Überzeugungen an? Tröße seufzt etwas. Natürlich wisse sie, dass sich etwa die rechte Szene vor allem gerne der Fraktur bediene, also der auch zur Zeit der Sütterlin-Schrift genutzten Druckschrift. „Damit haben wir aber nichts zu tun“, betont sie entschieden.

An einen ihr unangenehmen Fall könne sie sich erinnern: Zu einem Kurs in Südthüringen waren zwei Männer gekommen, die seltsame Antworten auf ihre Frage nach der Motivation zum Sütterlin-Lernen parat hatten. Sie sei damals vielleicht noch naiv gewesen, räumt sie zerknirscht wirkend ein. Schließlich sei ihr klar geworden, dass es sich wohl um Reichsbürger gehandelt haben müsse, die Sütterlin vermutlich für ihre eigenen Dokumente verwenden wollten. 

Nationalsozialisten schafften Sütterlin ab

Dass Neonazis die alten Schriften auf Klamotten und Poster drucken, kommt dabei fast einem historischen Treppenwitz gleich. „Was spannend ist, dass ausgerechnet die Nazis diese Schriften abgeschafft haben“, erklärt Michaela Fenske. Die Professorin hat den Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft der Universität Würzburg inne. Zwar hatten die Nazis zuvor Fraktur und Sütterlin genutzt, aber 1941 wurde sie qua Erlass als unerwünscht deklariert. 

Ihre Arbeit mit Originalquellen ist kein Selbstläufer: „Sie müssen sich auf jede Handschrift wieder neu einlassen“, erklärt Fenske. Das ist auch bei geübten Augen mitunter eine Herausforderung. Ihr Lehrstuhl bietet regelmäßig Kurse an, in denen interessierte Bürgerinnen und Bürger, gemeinsam mit Studierenden das Lesen der alten Schriften lernen.

Frauenstimmen in den Quellen finden

Solche Schrift-Kenntnisse sind Fenske zufolge auch daher wichtig, weil es Zugang zu historischen Stimmen erlaube, die vergleichsweise selten gehört werden: Frauen. Neben in Sütterlin verfasster Feldpost und offiziellen Dokumenten in Behördenstuben, schrieben Frauen etwa Tagebücher, Poesiealben und vor allem Rezepte und Kochbücher. „Das sind wichtige Selbstzeugnisse“, so Fenske. Die Professorin sieht zudem einen ganz menschlichen Grund, die Schrift zu lernen: Um Liebesbriefe der Eltern und Großeltern lesen zu können.