Vergessene DDR-Kolonie

Vergessene DDR-Kolonie: Heute vor 48 Jahren schenkte Fidel Castro der DDR eine Insel

Halle (Saale) - Es ist der 19. Juni 1972, Kubas Regierungschef Fidel Castro ist auf Staatsbesuch in Berlin, er trifft den neuen SED-Generalsekretär Erich Honecker. Dabei zeigt sich der „maximo lider“ ungewohnt großzügig und spendiert der DDR eine Insel, die „Cayo Blanco del Sur“ („weiße Insel des Südens“). Mit großer Geste breitete er eine Landkarte aus und verkündete die Übertragung eines sonnigen Eilands vor der kubanischen Südküste, das nun „Thälmann-Insel“ heißen soll. Vermutlich hatte die „Schenkung“ für den Revolutionsführer einen ganz praktischen Grund, denn im Gegenzug erhielt er von Honecker sechs Prozent der Weltmarktanteile an der Weißzuckerproduktion, die sich zuvor im Besitz der VEB Nordsternzuckerwerke in Halle befanden. Die Gegenleistung: Einer der Traumstrände am südlichen Ufer wird „Playa RDA“ („Strand der DDR“) ...

Von Michael Ossenkopp 18.06.2020, 11:42

Es ist der 19. Juni 1972, Kubas Regierungschef Fidel Castro ist auf Staatsbesuch in Berlin, er trifft den neuen SED-Generalsekretär Erich Honecker. Dabei zeigt sich der „maximo lider“ ungewohnt großzügig und spendiert der DDR eine Insel, die „Cayo Blanco del Sur“ („weiße Insel des Südens“). Mit großer Geste breitete er eine Landkarte aus und verkündete die Übertragung eines sonnigen Eilands vor der kubanischen Südküste, das nun „Thälmann-Insel“ heißen soll. Vermutlich hatte die „Schenkung“ für den Revolutionsführer einen ganz praktischen Grund, denn im Gegenzug erhielt er von Honecker sechs Prozent der Weltmarktanteile an der Weißzuckerproduktion, die sich zuvor im Besitz der VEB Nordsternzuckerwerke in Halle befanden. Die Gegenleistung: Einer der Traumstrände am südlichen Ufer wird „Playa RDA“ („Strand der DDR“) getauft.

Frank Schöbel singt „Insel im Golf von Cazones“

An Thälmanns 28. Todestag am 18. August 1972 wurde in Anwesenheit des DDR-Botschaftsrats eine Büste von „Teddy“ enthüllt. Das „Neue Deutschland“, Zentralorgan der SED, würdigte in einem Bericht die Aufstellung der Statue des „antifaschistischen Kämpfers als ein Symbol brüderlicher Verbundenheit“. Im Jahr 1975 reiste DDR-Schlagerbarde Frank Schöbel auf die Insel. Gemeinsam mit Aurora Lacasa nahm er dort das eigens für die Fernsehsendung „Unterwegs mit Musik - Kuba“ komponierte Lied „Insel im Golf von Cazones“ auf. Dennoch geriet das kleine Atoll danach erst einmal in Vergessenheit.

Im deutsch-deutschen Einigungsvertrag ist von der DDR-Kolonie in der Karibik allerdings keine Rede. Lediglich die fünf neuen Bundesländer und Berlin sind 1990 der Bundesrepublik beigetreten. Die Verantwortlichen in Havanna bestreiten bis heute, dass das Archipel jemals offiziell an die Brüder und Schwestern im sozialistischen Teil Deutschlands abgegeben wurde. Es handele sich nur um einen symbolischen Akt und keinen Gebietstransfer, eine verbindliche, völkerrechtlich anerkannte Übertragung habe nie stattgefunden. Auch für das deutsche Auswärtige Amt hat die Überlassung keine juristische Bedeutung.

Anleger sollten auf der Insel einzelne Parzellen erwerben

Dennoch gründete sich im Jahr 2001 eine Initiative, die sich mit dem Ende der deutschen Kolonialträume nicht abfinden und die Insel kaufen wollte. Anleger sollten auf der Insel einzelne Parzellen erwerben, ein 100 Quadratmeter großes Stückchen DDR-Erbe für rund 300 Dollar - gut 22 Millionen wollte man so zusammensammeln. Die Anbieter hofften auf ausreichend sozialistische Interessenten, um Castro ein Angebot zu machen, „das er nicht ablehnen kann“.

Aber der Plan scheiterte - es fanden sich zu wenig potenzielle Investoren. Jahrelang trotzte das strahlend weiße Thälmann-Denkmal dennoch einsam Wind und Wellen. Bis 1998 Hurrikan „Mitch“ die kleine Insel schwer verwüstete und den Klassenkämpfer vom Sockel holte. Seither steckt der Kopf der Büste schräg im Sand. Angeblich existieren Pläne, den Genossen wieder aufzurichten. „Seine“ Insel gehört heute zum militärischen Sperrgebiet und kann nur mit Genehmigung der kubanischen Behörden besucht werden. (mz)