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Berliner Polizei „Struktur ins Chaos“: 100 Jahre Mordkommissionen in Berlin

Von Filmlegenden bis zu 16-Stunden-Tagen: Wie Mordkommissionen in Berlin seit 100 Jahren Verbrechen aufklären.

Von Andreas Rabenstein, dpa 21.01.2026, 05:00
Die Berliner Mordkommissionen gehören zum LKA 1. (Symbolbild)
Die Berliner Mordkommissionen gehören zum LKA 1. (Symbolbild) Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin - Das bislang letzte große Denkmal erhielt er in einer weltweit erfolgreichen deutschen Filmserie. In „Babylon Berlin“ über die 1920er-Jahre wurde der große Berliner Kriminalist Ernst Gennat von Udo Samel gespielt: dick, bärbeißig, menschlich und genial in seinen Ermittlungen. In die Geschichte der Polizei in Deutschland ging er ein als Gründer der ersten „Zentralen Mordinspektion“, zu der die ersten professionellen Mordkommissionen gehörten. Vor 100 Jahren, am 1. Januar 1926 nahm sie in Berlin ihren Dienst auf.

Wie Gennat die Mordermittlungen veränderte

Als Leiter der „Zentralen Mordinspektion“ revolutionierte Gennat mit modernen Ermittlungsmethoden die Arbeit der Kriminalpolizei und erreichte eine hohe Aufklärungsquote. Die Berliner Polizei würdigte ihn kürzlich: „Er schuf einen Ort für gründliche Ermittlungen, für Teamarbeit – und für den festen Willen, Gewaltverbrechen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie konsequent aufzuklären.“ Vieles begann mit seiner Überzeugung, „dass jedes Opfer zählt.“

Bis zur Gründung der Zentralen Mordinspektion waren die Ermittlungen nicht spezialisiert, Mordkommissionen wurden nur bei Bedarf gebildet. Polizisten räumten am Tatort oft erst einmal gründlich auf und vernichteten Spuren. Gennat systematisierte und professionalisierte die Mordermittlungen. Er richtete ein Fahrzeug ein, ein sogenanntes „Mordauto“, in dem alles untergebracht war, was am Tatort zur Spurensicherung benötigt wurde.

Fotos wurden gezielt geschossen, Beweise gesammelt, verpackt und beschriftet. Das Leichenschauhaus, die Vermisstenzentrale und eine „Zentralkartei für Todesermittlungssachen“ vor allem für Serientäter gehörten zu seiner „Inspektion M“. Auch der Ansatz, sich in den Täter einzufühlen und Verbrechen aus dessen Perspektive zu sehen, wird Gennat zugeschrieben.

Die aktuelle Tatortarbeit von Mordkommissionen geht ebenfalls auf die Neuerungen vor 100 Jahren zurück. Alles wird erfasst: Blutspritzer, Körperteile, Fasern, Fingerabdrücke und heutzutage auch DNA-Spuren. Die Mordermittler befragen Zeugen, Verwandte und Bekannte. In der Berliner Kriminalstatistik wurden 2024 53 vollendete und 64 versuchte Fälle von Mord und Totschlag registriert. Knapp 84 Prozent davon wurden aufgeklärt.

Ein Berliner Original mit großer Wirkung

Über Gennat und seine Verdienste für die Mordermittlungen wurden Bücher geschrieben und Filme gedreht. Gennat wurde am 1. Januar 1880 in Berlin geboren und trat nach einem abgebrochenen Jurastudium in den Polizeidienst ein. In den 1920er Jahren nannten Kollegen ihn wegen seines Gewichts angeblich „Buddha“, in der Unterwelt soll er den Namen „Der Dicke vom Alexanderplatz“ getragen haben. Dort arbeitete das Polizeipräsidium in einem riesigen Backsteinbau.

Einer von Gennats spektakulärsten Fällen war der Massenmörder Fritz Haarmann, der Anfang der 1920er Jahre zahlreiche Menschen tötete und wegen Mordes 1925 hingerichtet wurde. Der Regisseur Fritz Lang ließ sich für seinen Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Gennat über Fahndungsmethoden und Triebtäter beraten.

Gennat starb am 21. August 1939 in Berlin. Sein Grab liegt auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark). Anfang Januar legten die Leiter der Berliner Mordkommissionen dort einen Kranz nieder. Am Donnerstag erinnert die Polizei mit einer Festveranstaltung an die Gründung der Zentralen Mordinspektion vor 100 Jahren.

Mordkommissionen heute: Struktur und Belastung

Heute arbeiten im Berliner Landeskriminalamt (LKA) in der Abteilung 1 „Delikte am Menschen“ acht Mordkommissionen zu Tötungsdelikten, Entführungen und Menschenraub. Jede Mordkommission hat einen Chef, acht Ermittler und eine Sekretärin oder einen Sekretär.

Reihum hat immer eine Mordkommission Bereitschaft und wird zum nächsten Fall alarmiert. Dann ist intensive Arbeit angesagt, 16-Stunden-Tage sind keine Seltenheit. „Während dieser Phase gibt es für die zuständige Kommission kein Wochenende, manchmal keinen Schlaf in der Nacht, vom Feierabend bleibt nichts übrig“, sagte der Chef des Berliner Morddezernats einmal dem „Tagesspiegel“.

Nötig sind für den Job laut Polizei ein Studium zur Kriminalpolizei, praktische Erfahrungen und Fortbildungen. Bei den Voraussetzungen heißt es: „Du bist neugierig, zielstrebig, kannst dich durchsetzen (...) und bringst Struktur ins Chaos.“ Hohe Flexibilität und „Leidensfähigkeit“ seien nötig. Eine geregelte Arbeitszeit sei oft unmöglich, das Private muss zurückstehen.