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NS-Propaganda Riefenstahls Fotos neu gelesen – Nuba-Perspektive im Fokus

Wie sehen die Nuba heute die berühmten Fotos, die die NS-Filmemacherin Leni Riefenstahl von ihnen und ihren Vorfahren machte? Ein Forschungsprojekt gibt ihnen eine Stimme.

Von dpa Aktualisiert: 30.01.2026, 13:48
Der Nachlass wurde 2018 der SPK als Schenkung übergeben.
Der Nachlass wurde 2018 der SPK als Schenkung übergeben. Elisa Schu/dpa

Berlin - Sie zeigen Angehörige des indigenen Volks der Nuba mit stammestypischen Gesichtsbemalungen oder Waffen. Die Bildbände der Nazi-Propaganda-Filmemacherin Leni Riefenstahl aus den 60er und 70er Jahren gingen um die Welt. Unter welchen Bedingungen entstanden die Aufnahmen - und wie blicken die aktuellen Nuba-Generationen auf die Bilder ihrer Vorfahren?

40.000 Dias werden untersucht

Diesen Fragen haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und dem Sudan in einem mehrjährigen Forschungsprojekt erstmals gemeinsam gewidmet. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit sind nun auf einer Website öffentlich gemacht worden.

Die Nuba bestehen aus 50 verschiedenen ethnischen Gruppierungen, die in zehn verschiedene Sprachgruppen unterteilt sind. Leni Riefenstahl hat rund 10.000 Motive des indigenen Volks der Nuba in den Nuba-Bergen im Süden des Sudans hinterlassen. Duplikate einberechnete, gibt es um die 40.000 Dias. Davon sind bis heute nur etwa 500 in den Fotobüchern veröffentlicht worden.

Asymmetrische Machtverhältnisse

Ziel des Projekts war es, erstmals die Perspektiven der Angehörigen auf Riefenstahls (1902 - 2003) Fotografien in den Mittelpunkt zu stellen, wie die Ethnologin Paola Ivanov vom Ethnologischen Museum in Berlin bei einer Pressekonferenz erklärte. Die Bilder müssten in einem kolonialen und rassistischen Kontext gesehen werden. Durch die Zusammenarbeit würden sie neu kontextualisiert. 

„Es geht um die kritische Auseinandersetzung mit historisch belasteten Sammlungen. Sammlungen, die unter asymmetrischen Machtverhältnissen und ethisch problematischen Bedingungen entstanden sind. Und es geht darum, diese Bedingungen infrage zu stellen, neue gleichberechtigte Formen der Zusammenarbeit und Wissensproduktion aufzubauen.“

Nuba sollen aktive Rolle erhalten

Ivanov zitierte ihren sudanesischen Kollegen und Wissenschaftler Guma Kunda Komey vom Pan Nuba Rat mit folgenden Worten: „Diese Zusammenarbeit hat dem Volk der Nuba Handlungsmacht verliehen. (...) Als Leni Riefenstahl diese Fotos machte, waren die Menschen passive Objekte. Heute, durch die gemeinsame Neubetrachtung der Bilder, sind die Nuba selbst Akteure.“

Es sei deutlich geworden, dass viele Menschen, die Riefenstahl damals fotografierte, nicht wussten, in welchem Ausmaß sie materiell und ideell von den Fotografien profitierte, so Ivanov. 

Ausstellung in Uganda

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde unter anderem eine Ausstellung mit ausgewählten Bildern organisiert, zu der Mitglieder der Nuba-Diasporagemeinschaften nach Kampala - der Hauptstadt Ugandas - eingeladen wurden. Die Treffen konnten nicht im Sudan stattfinden, weil dort ein Bürgerkrieg herrscht. Außerdem soll ein digitales Archiv der Nuba-Fotografien im Büro des Pan Nuba Rats entstehen. 

Die digitalisierten Fotografien und Videos wurden dem Rat übergeben. Die Nuba hätten dadurch die Möglichkeit, das Werk eigenständig weiterzuerforschen, über seine Nutzung zu entscheiden und es künftig in einem eigenen Kulturzentrum zu präsentieren, sagte Ivanov.

Ausstellung in Deutschland

Können Besucher in Deutschland die Bilder sehen? Eine massenhafte Verbreitung sei nicht geplant, die Bilder würden auf Anfrage nur für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt, erklärte Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek. Würde man die Bilder online zur Verfügung stellen, würde man genau das machen, was die umstrittene Filmemacherin gewollt hätte, „was aber auf der anderen Seite nicht im Interesse der Nuba Communities ist“.

Es gehe nicht um das Zeigen des Materials, sondern um den Umgang damit, ergänzte Katrin Peters-Klaphake, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Deutschen Historischen Museums. Es gebe Werke, die nicht ohne einen Kommentar oder eine entsprechende Auseinandersetzung gezeigt werden könnten.

Geplant ist eine Ausstellung von Studierenden der Universität der Künste, die ab dem 22. Mai im Museum für Fotografie in Berlin zu sehen ist. Die Ausstellung setzt sich eigenen Angaben nach kritisch mit Riefenstahls Nuba-Fotografien und Filmen auseinander. Es werden Installationen, Video- und Fotoprojekte sowie Text- und Audioformate gezeigt. Die Ausstellung entsteht gemeinsam mit sudanesischen Künstlerinnen und Künstlern.

Tausende Dokumente hinterlassen

Die 700 Kisten aus Riefenstahls Nachlass gingen 2018 als Geschenk an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Bestände wurden auf die Staatsbibliothek zu Berlin, die Kunstbibliothek und das Ethnologische Museum und die Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK) aufgeteilt und erforscht. Sie enthalten Fotografie- und Filmbestände, Manuskripte, Briefe, Tageskalender, Akten und Dokumente sowie Presseausschnitte und Bücher.

Die Regisseurin drehte für Adolf Hitler und wurde mit Nazi-Propagandafilmen wie „Triumph des Willens“ bekannt, hatte sich selbst aber stets unpolitisch gegeben.