Minigolf

Minigolf: Ass am Mittelhügel

Halle (Saale)/MZ. - Der Kuchen ist lecker, der Kaffee dampft, die Menschen am Tisch lachen. Kevin Leickel sitzt inmitten einer Gruppe, lächelt, probiert den Schokokuchen. Kaffeeklatsch-Atmosphäre. Auf den ersten Blick. Wer genau hinhört, erhascht Gesprächsfetzen. "Angeschnittener Ball", "falsche Taktik", "Ass am Mittelhügel". Und wer noch mal hinschaut, sieht den Minigolfschläger, der so dicht an Kevin Leickels Bein steht, dass es aussieht, als wäre er festgewachsen. Daneben liegt die Tasche. "Da drin sind meine Bälle", sagt er kurz. Wie? Braucht man denn mehr als einen, wenn man an die 18 Bahnen in der Minigolfanlage geht? Der Profi lacht. Neulich, erzählt er, war ein Meister seines Faches hier, der hatte 1 500 ...

Von MANUELA BOCK

Der Kuchen ist lecker, der Kaffee dampft, die Menschen am Tisch lachen. Kevin Leickel sitzt inmitten einer Gruppe, lächelt, probiert den Schokokuchen. Kaffeeklatsch-Atmosphäre. Auf den ersten Blick. Wer genau hinhört, erhascht Gesprächsfetzen. "Angeschnittener Ball", "falsche Taktik", "Ass am Mittelhügel". Und wer noch mal hinschaut, sieht den Minigolfschläger, der so dicht an Kevin Leickels Bein steht, dass es aussieht, als wäre er festgewachsen. Daneben liegt die Tasche. "Da drin sind meine Bälle", sagt er kurz. Wie? Braucht man denn mehr als einen, wenn man an die 18 Bahnen in der Minigolfanlage geht? Der Profi lacht. Neulich, erzählt er, war ein Meister seines Faches hier, der hatte 1 500 dabei.

Kevin Leickel selbst hat 250 eigene Bälle. Heute hat er nur zwei Hände voll mit. "Die brauche ich alle", sagt er und zeigt praktisch, was theoretisch schwer zu vermitteln ist. Drei Bälle kramt er aus der braunen Tasche hervor und lässt sie nacheinander auf den Holztisch plumpsen. "Plopp" macht der erste und bewegt sich kaum vom Fleck. "Pump" der zweite, der ein wenig davonrollt. Und der dritte macht kaum ein Geräusch, springt dafür aber davon. "Hier", sagt er und holt noch einen Ball hervor, "der bandet einfach besser".

Die Ahnung bekommt Futter: Minigolf ist mehr als drauflos zu spielen. Wenn es schon bei den Bällen so viele Unterschiede bei Größe, Härte, Gewicht und Sprunghöhe gibt, was ist dann erst an den Bahnen zu erwarten? "Vulkan", "Käse", "Hügel", "Netz": Wie geht ein Minigolfer da heran? Kevin Leickel lacht wieder. Er hat gut lachen, der 28-Jährige spielt seit 19 Jahren, war der Landesbeste in Gesamtwertungen, in der Jugendliga und ist es aktuell im Herrenbereich.

Der Minigolfer stellt sich in Position. Als Kevin damals anfing, Minigolf zu spielen, hat er "einfach nur drauflos geschlagen". Erst zählte er seine Punkte nicht, wollte einfach nur spielen. Als er anfing zu zählen und abends freudestrahlend "78" rief, staunte niemand. Keiner ahnte, dass Kevin die Wertung verdrehte. Wenn er ein "Ass" spielte - also mit einem Schlag ins Ziel traf - notierte er sechs Punkte. Dass man mit möglichst wenigen Zählern vom Platz geht, erfuhr er erst später. Die Magdeburger Minigolffreunde nahmen ihn gern in ihren Verein auf. "Er war so begeistert wie selten jemand", erinnert sich Susan Kottemer, die Betreiberin der Magdeburger Minigolfanlage. Nur Mama Leickel saß damals zweifelnd am Vereinstisch: "Der Junge hat schon so viel ausprobiert, jetzt kommt wieder etwas Neues." Tischtennis, Handball, Fußball, dann Minigolf - die Konstante war der Ball.

Kevin Leickel schiebt mal eben den kleinen schwarzen Ball ins Loch, während die Erinnerungen durch die Vereinsgruppe ziehen. Die Chronik mit den vielen Fotos wandert von Hand zu Hand. Der 18-fache Landesmeister weist auf den Ball in seiner Hand und sagt: "Das war mein erster." Seine Erinnerungen sind nicht auf vielen Fotos zu sehen, er hat sie im Kopf, kann sofort darauf zugreifen. Er spricht von Hans Neuland, dem damaligen Minigolf-Bundestrainer. Damals, 1998, hat er mit dem Jungen beim Jugendcamp in Berlin geübt. "Ich traf Minigolfer aus Schweden, Polen und Tschechien", erinnert sich Kevin Leickel. Er spielte in einer Gruppe mit Jugendweltmeistern: "Da habe ich vielleicht ein Auge geschraubt." Der junge Minigolfer schaute sich viele Kniffe ab. Neuland zeigte dem Magdeburger, wie man die richtigen Bälle auswählt, die richtige Schlagtechnik anwendet. Plötzlich spielte Kevin nicht mehr "nur einfach so", er taktierte.

Nach dem Berlin-Aufenthalt wurde Leickel zwei Mal hintereinander Jugendlandesmeister. 2003 spielte er das erste Mal bei den Herren mit. Ein Jahr später wurde er überraschend Landesmeister. Den Titel hat er bis heute inne. Sein größter Erfolg war der vierte Platz 2009 bei den Deutschen Meisterschaften. Aber er zählt noch etwas auf, wenn es um große Erfolge geht: In diesem Sommer wurde Pascal Fischbeck vom TSV Arendsee Deutscher Schülermeister. Leickel, der jetzt einen Trainerlehrgang absolviert, betreut ihn.

Minigolf ist kein Individualistensport. Man lebt mit dem Verein und mit den anderen Minigolfern. Im Vergleich mit anderen Sportarten ist es eher ungewöhnlich, dass man seinem Gegner die Geheimnisse des Sports verrät. Minigolfer tun das. Steht ein Turnier an, schwärmen die Teilnehmer aus und trainieren vor Ort. Die ausgetüftelten Schlagvarianten stehen oft online auf "Pistenplänen".

Leickel erklärt: "Die eigenen Bahnen kennt man ja, die der anderen muss man ausprobieren." Wohin muss ich spielen, damit der Ball im Loch, im Netz oder im Sand landet? Welche Schlagtechnik ist die Beste? "Mit Instinkt hat Minigolf wenig zu tun", erklärt Kevin Leickel. Ehrgeiz, Training, Taktik bestimmen das Spiel. In vielen Bahnen hat der Ball nur eine Chance. An manchen Bahnen tüfteln die Meister viele Varianten aus. Das ist Taktik, aber Talent kann auch nicht schaden.

"Kevin hat die Eigenschaft des Balls im Kopf", sagt Susan Kottemer. Und er weiß vieles mehr. Etwa über die Wirkung des Wetters: "Bei unterschiedlichen Temperaturen findet der Ball einen anderen Weg zum Ass." Leickel kann die nötige Konzentration auf den Punkt abrufen. Steht er an der Bahn, blendet er das Drumherum aus. Als er neulich in Havelberg spielte, begleitete ihn ein TV-Team. "Die haben mir die Kamera unter den Kopf gehalten, ich habe das nicht bemerkt", sagt der Minigolfer.

Turniere, das ist die eine Seite seines Sports. Die andere ist leicht zu erkennen an diesem Nachmittag in Magdeburg. Familien laufen mit Schlägern, Bällen und Notizzetteln herum. Sie schimpfen, sie lachen, sie spielen. "Das ist ein Sport, der wirklich familienfreundlich ist", sagt Kevin Leickel. Es geht um Punkte, aber nicht um Leistung. Während er die Bahnen taxiert, erklärt Leickel: "Wer eine Affinität zu Ballsportarten hat, kann das hier nutzen." Beim Minigolf entscheiden Nuancen das Spiel.

Und der Meister gibt Tipps: "Hier soll der Ball nicht irgendwie durch, sondern soll leicht nach links gehen. In vielen Bahnen hat der Ball nur eine Chance, das weiß der Landesmeister . "Und jetzt noch aufs Schlagtempo achten." An der nächsten Bahn empfiehlt er den "Kopfbandenschlag". Wer ein richtig guter Minigolfer werden will, sagt er, muss immer neue Wege ausprobieren. Dafür ist es an diesem Tag zu spät. Der Kuchen wurde längst vom Holztisch neben der Anlage abgeräumt, der Kaffee ist kalt. Die Bälle rollen ins Dunkel. "Für heute ist wohl Schluss", sagt Kevin Leickel.