Kampfsport zur Selbstverteidigung

Krav Maga: Kampfsport aus Israel wird immer beliebter

Tel Aviv/Potsdam/Tokio - Joggen bei Dunkelheit im Park, eine Gruppe Betrunkener auf der Straße, der Bericht über eine Messerattacke oder einen Terroranschlag: Die Vorstellung, selbst einmal in eine Gefahrensituation zu geraten, kann Angst bereiten. Manche Menschen lernen deshalb einen Kampfsport wie MMA - Mixed Martial Arts -, Boxen, Karate oder ...

Von Oliver Beckhoff

Joggen bei Dunkelheit im Park, eine Gruppe Betrunkener auf der Straße, der Bericht über eine Messerattacke oder einen Terroranschlag: Die Vorstellung, selbst einmal in eine Gefahrensituation zu geraten, kann Angst bereiten. Manche Menschen lernen deshalb einen Kampfsport wie MMA - Mixed Martial Arts -, Boxen, Karate oder Judo.

Kämpfen im Ring ist nicht das gleiche wie ein Überfall

Doch Kämpfen im Ring und auf der Matte ist nicht das Gleiche wie eine gewaltsame Auseinandersetzung im Alltag, auf der Straße, bei einem Überfall. „Auf der Straße gibt es keine Regeln“, beschreibt der Israeli Oren Mellul den Unterschied. Er lehrt eine Form der Selbstverteidigung, die nah dran ist an der Realität und die sich vom Kampfsport abgrenzt: Krav Maga. Ziel ist dabei nicht, einen Kampf zu gewinnen, sondern bei einer Attacke zu überleben.

Wer Krav Maga trainiert, lernt Gefahren früh zu erkennen, Konflikten auszuweichen und sich im Notfall zur Wehr zu setzen. Den Fans geht es also in der Regel nicht um Muskelspiele oder Polizei-Ersatz.
Krav Maga ist hebräisch und bedeutet „Kontaktkampf“. Entwickelt wurde das System von Imi Lichtenfeld. In den 1930er Jahren bildete er in Bratislava eine Art Schutztruppe, um jüdische Mitbürger gegen antisemitische Schläger zu schützen. Diese Erfahrungen ließ er später in Israel in die Weiterentwicklung des Selbstverteidigungssystems einfließen.

Heute üben Männer und Frauen weltweit die Abwehrtechniken: sowohl in Israel, wo politische Gewalt und Terror sehr präsent sind, als auch in Japan, das als eines der sichersten Länder gilt. Auch in Deutschland gibt es viele Fans. Was bewegt Menschen, Krav Maga zu lernen? Wir haben Kämpfer und Kämpferinnen in Tel Aviv, Tokio und Potsdam getroffen.

Tel Aviv: Shana will gar nicht erst Opfer werden

Die schlanke Frau ist ganz in schwarz gekleidet. Sie ist klein, aber durchtrainiert. Plötzlich packt ein gut zwei Köpfe größerer Hüne sie von hinten und hebt sie hoch. Doch die 21-Jährige kann sich befreien. Sie wirbelt herum und simuliert einen Tritt in seine Genitalien.

Shana Cohen ist in Paris aufgewachsen und vor zwei Jahren nach Israel eingewandert. Seitdem trainiert sie mit dem Krav-Maga-Experten Oren Mellul. Als Jüdin habe sie sich in Frankreich oft durch Antisemitismus bedroht gefühlt, erzählt Cohen. Sich wehren zu können, sei ihr wegen ihrer Körpergröße von 1,54 Meter besonders wichtig. „Ich bin klein, deswegen ich muss mich verteidigen können.“

Straßenkämpfe mit Revolvern und Messern werden simuliert

Die Mitglieder in Melluls Gruppe simulieren gefährliche Situationen im Alltag. Sie spielen auch Straßenkämpfe durch und üben in einem Fitnessclub im Zentrum Tel Avivs mit Revolvern und Messern, allerdings mit Attrappen.

Lehrer Mellul (29) stellt sich hinter Shana Cohen. Er hält ihr ein Messer an den Hals. Sie greift seinen Arm und dreht ihn so, dass er die Waffe fallen lassen muss. Shana Cohen sagt, das Training stärke ihr Selbstbewusstsein: „Ich kann in Tel Aviv nachts durch die Straßen gehen und ich weiß, was ich tun muss, wenn mich jemand angreift.“

Krav Maga wird immer beliebter

Der Trainer berichtet, er sehe eine „weltweit wachsende Nachfrage nach Krav Maga“. Das System werde beliebter. „Man erwirbt schnell Fähigkeiten zur Selbstverteidigung, schon nach einer Unterrichtsstunde.“

Mitunter verlaufe dennoch nur eine dünne Linie zwischen Verteidigung und Angriff, gibt er zu. Der erste Grundsatz von Krav Maga laute: „Wenn du weglaufen kannst, lauf weg. Aber wenn du zurückschlagen musst, um dein Leben zu retten, dann schlag zurück und tue alles Nötige, um den Angreifer in die Flucht zu schlagen.“

Das Training könne Angst verringern und das Selbstbewusstsein stärken - und allein damit die Wahrscheinlichkeit verringern, dass man angegriffen werde, sagt Oren Mellul. „Man strahlt mehr Selbstsicherheit aus, durch Körpersprache, durch den Tonfall. Ein potenzieller Angreifer denke dann eher: „Oh, mit diesem Typ will ich mich lieber nicht anlegen.“

Potsdam: Dominik verbindet Spaß und Ernst

Die langen Haare hat Dominik Cichos für das Training in einem Zopf gezähmt. Fast alle hier tragen T-Shirts mit dem Logo der International Krav Maga Federation (IKMF). Dominik aber ist im Fan-Shirt des FC Bayern München im Übungsraum in einem alten Firmengebäude in Potsdam-Babelsberg erschienen.

An einer Wand lehnen Sturmgewehre, auf der Fensterbank liegen Pistolen. Alles aus Gummi oder Plastik, weil sich beim Training niemand ernsthaft verletzen soll. Unter den Augen von Ausbilder Lars van Schaik absolviert der 18-Jährige sein Aufwärmprogramm. Mit einer Gruppe von gut zwei Dutzend Männern und Frauen wuselt er mit verbundenen Augen durch den Raum. Es wirkt wie ein Durcheinander - zumindest auf Uneingeweihte.

„Stopp“, ruft der Trainer. Alle bleiben stehen. Wo sie die große Wanduhr vermuten, sollen die Teilnehmer mit dem Finger anzeigen. Dominik liegt fast richtig. Es geht um Orientierung, nicht ums Schwitzen: darum, die Umgebung bewusst wahrzunehmen. „Man benutzt Krav Maga eigentlich jeden Tag“ - in erster Linie zur Konfliktvermeidung, sagt van Schaik.

Von Überfall bis Terroranschlag wird alles geübt

Überfall, Geiselnahme, Terroranschlag - so lauten die Szenarien, denen sich Dominik an diesem Samstagmorgen im Spätsommer stellt. Es sind Einheiten, die im fernen Tel Aviv lebensnäher wirken als in Potsdam. Für Dominik macht das wenig Unterschied. Selbst in der beschaulichsten Umgebung kann mal etwas passieren.

„Reiß die Hände hoch und schlag mir mit der Waffe in den Bauch!“, ruft er seiner Übungspartnerin Lena (18) zu und wehrt den Angriff ab. Am Ende hält er die Waffe in der Hand. Dann tauschen sie die Rollen. „Bis jetzt musste ich es zum Glück noch nie einsetzen“, sagt er.

Weil das beste Training nah am Leben ist, gehört der Tiefschutz, der die Geschlechtsteile vor Verletzungen bewahrt, zur Standardausstattung. Dass es ruppiger zugeht als beim Skat, ist Dominiks Schienbeinen nach dem Training anzusehen. Sie sind gerötet und angeschabt.

Training als Gegengewicht zum Alltag

Nachdem er fast drei Stunden mit Waffenattrappen traktiert wurde, hat der junge Mann noch immer ein Lächeln auf den Lippen. Neben der Vorbereitung für den Ernstfall sei das Training für ihn ein Gegengewicht zum Alltag - etwa zu Formeln, die sich der Biochemie-Student einprägen muss. Für den 18-Jährigen ist die Selbstverteidigungstechnik ein Weg, mit Gleichgesinnten Spaß zu haben - und selbstbewusst durchs Leben zu gehen.

Tokio: Die Kunst, den Kampf zu vermeiden

„Stell' dir vor, jemand vor dir zückt plötzlich ein Messer und will auf dich einstechen, von oben wie mit einem Eispickel“, sagt Gilles Isard und schaut in die Runde. Dann bittet der Franzose einen seiner japanischen Schüler, die Rolle des Angreifers zu übernehmen. Was dann passiert, läuft schnell und mit großer Wucht ab.

Das Trainingsmesser aus Gummi saust auf Isard nieder. Blitzschnell blockt der Franzose den Schlag vorgebeugt mit angewinkeltem Unterarm am Handgelenk des Angreifers ab. Knochen prallt auf Knochen. Sofort schnellt Gilles Isards anderer Arm zum Schlag ins Gesicht vor. Er stoppt kurz vor dem Kinn - in realer Lage hätte er zugeschlagen. Wenige Momente danach hat er den Japaner entwaffnet und durch Tritte, die im Ernstfall die Genitalien träfen, in die Knie gezwungen. Nun kann er entkommen.

Erfahrung aus Krisengebieten und Flüchtlingslagern

Der mit einer Japanerin verheiratete 51 Jahre alte Franzose kennt sich mit Gewaltsituationen aus. Mehr als 20 Jahre arbeitete er für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Er baute Flüchtlingslager in Krisengebieten der Erde auf, darunter in Somalia zu Beginn des Bürgerkrieges Anfang der 90er Jahre und in Ruanda.

Gilles Isard gehört dem Weltverband Krav Maga Global (KMG) an, dessen Leiter und Chefausbilder Eyal Yanilov ist, Schüler des Krav-Maga-Gründers Imi Lichtenfeld. Gilles Isard zog in die Heimat seiner Frau und eröffnete vor gut drei Jahren die erste KMG-Schule in Japan.

Doch wozu braucht man in Japan, der Heimat traditioneller Kampfsportarten wie Karate und Judo, Krav Maga? Außerdem gilt der Inselstaat als sehr sicher.

„Warum lernen die Japaner Schwertkampf? Wir haben heute keine Samurai-Schlachten mehr. Sie wollen es lernen, weil es eine Kunst ist“, sagt Isard. Krav Maga sei zwar ein praktisches System, das leicht zu lernen sei und leicht angewendet werden könne. Denn die Techniken basierten auf natürlichen Reflexen. Aber auch beim Training von Krav Maga könne man sich in Techniken perfektionieren - wie bei Kampfkünsten. Krav Maga als eine Art Kunst der Selbstverteidigung.

Spaß, Fitness und der Schutz vor Gewalt

Doch es gibt zentralere Gründe, warum Japaner und Japanerinnen seine Studios in Tokio und Yokohama aufsuchen: Spaß, Fitness und eben der Wunsch, sich vor Gewalt zu schützen. Nicht nur auf Reisen ins Ausland. „Unter meinen Schülern gibt es viele Japanerinnen, die Aggression erlebten“, erzählt Gilles Isard. Manche wurden begrapscht, andere sind Stalking-Opfer - beides sind in Japan verbreitete Probleme. Hinzu komme psychische Gewalt wie Mobbing. Krav Maga lehre, auch mit solcher Aggression umzugehen.

Wenn ein Bewaffneter nur Geld wolle, sei es besser, es ihm zu geben als sein Leben zu riskieren. Selbst nicht aggressiv zu sein, bedeute jedoch nicht, darauf zu warten, bis ein Angreifer zuschlägt.

Immer wieder lässt er seine Schüler in Rollenspielen üben, mit Worten und Gesten Konflikte zu vermeiden und zu deeskalieren. Schon nach wenigen Monaten, sagt er, spürten die Schüler, wie sich ihr Verhalten und ihr Auftreten veränderten. (dpa)