2. Fußball-Bundesliga Herthas heikle Aufarbeitung der Gewalt bei Polizei und Fans
Viele Verletzte, Festnahmen, gegenseitige Vorwürfe von Fans und Polizei. Was bedeutet der Zwischenfall vor dem Olympiastadion für die Stimmung bei Hertha BSC und wie geht es nach der Gewalt weiter?

Berlin - Mehr als 50 Verletzte. Polizisten und Fans. Verstörende Bilder der Gewalt. Nach den Zusammenstößen vor dem Zweitliga-Topspiel gegen Schalke 04 haben die Bosse von Hertha BSC das jüngste Vorgehen der Berliner Polizei kritisiert und einen intensiven Dialog auch mit den politischen Führungskräften der Hauptstadt gefordert.
Die Aufarbeitung der Ereignisse am Osttor des Olympiastadions stellt den Club vor eine große Aufgabe. Sie überlagert auch die positiven sportlichen Signale nach dem mutigen und offensiven Auftritt beim 0:0 zum Rückrundenstart gegen den Spitzenreiter aus dem Ruhrpott.
Krisensitzung der Hertha-Führung
Nach einer Krisensitzung am Sonntag positionierten sich Präsidium und Geschäftsführung dann eindeutig und verlangten ein Umdenken in der Strategie der Sicherheitskräfte.
„In den vergangenen Monaten ist aus unterschiedlichen Perspektiven wiederholt der Eindruck entstanden, dass Einsatzkonzepte und polizeiliche Präsenz von Fans als zunehmend konfrontativ und in der Gesamtheit an Spieltagen, insbesondere am gestrigen Spieltag, nicht mehr durchgängig deeskalierend wahrgenommen worden sind. Diese Wahrnehmung teilt auch Hertha BSC und hat entsprechende Beobachtungen wiederholt gegenüber der Polizei adressiert“, hieß es in einer Pressemitteilung.
In einen nun notwendigen Dialog müsse auch Innensenatorin Iris Spranger (SPD) einbezogen werden, hieß es in der Hertha-Mitteilung. „Ziel bleibt es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen der Fußball und seine Fankultur als verbindendes Erlebnis wahrgenommen und respektiert werden und alle Beteiligten ihrer Verantwortung mit Augenmaß und Respekt gerecht werden“, forderte die Hertha-Führung. Vom Berliner Senat gab es zunächst keine Reaktion.
Polizei mit Vorwürfen gegen Fans
Kurz zuvor hatte die Berliner Polizei ihre Bilanz der Ereignisse vom Vorabend vermeldet und von massiven Provokationen und Fehlverhalten von Hertha-Fans im Bereich vor der Ostkurve des Olympiastadions berichtet. Insgesamt wurden bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Stadionumlauf 21 Polizisten und 31 Fans verletzt. Fünf Personen wurden vorläufig festgenommen. Polizei und Fan-Vertreter warfen sich anschließend gegenseitig übertriebene Härte und Gewaltbereitschaft vor. Der Verein verurteilte jede Form von Gewalt.
Hertha-Geschäftsführer Peter Görlich hatte gleich nach der Partie eine intensive Aufarbeitung angekündigt. Die Bilder der leeren Ränge, die die Fans aus Protest gegen den Polizeieinsatz verlassen hatten, beschädigten das Club-Image massiv.
„Dieses Spiel hätte einen Support verdient. Dieses Spiel hätte tatsächlich im weiten Rund volle Plätze verdient. Das ist sehr schade, aber es geht ans Aufarbeiten und wir werden die Faktenlage zusammentragen und dann anständige Antworten geben und uns auch dementsprechend positionieren“, sagte Görlich nach dem gewalttätigen Zwischenfall.
Das tat die Berliner Club-Führung nun. Und dennoch steht sie zwischen verhärteten Fronten der eigenen Fan-Szene und der Berliner Polizei. Ein Dilemma, das bei zu viel Tamtam sogar vom großen Ziel der Bundesliga-Rückkehr ablenken kann.
Was war beim Einlass der Hertha-Fans in ihre Fankurve passiert?
Immer noch stehen Vorwürfe der Provokationen von allen Seiten im Raum. Insgesamt wirkte die Stimmung rund um die Arena vor dem Anpfiff angespannt. Die Polizei wirft den Fans aggressives Verhalten und tätliche Angriffe vor. Vermummte Personen hätten Absperrgitter geworfen. Die Fans beklagen einen überharten und übertriebenen Einsatz der Sicherheitskräfte ohne Anlass.
Im Internet kursierende Videos zeigen bedrohlich wirkende Momente. Es gäbe vielfältiges Beweismaterial für Straftaten der Hertha-Anhänger, das nun ausgewertet werde, hieß es von der Polizei. Die strafrechtlichen Vorwürfe reichen von Beleidigung bis zu schwerem Landfriedensbruch. Auch die Gewerkschaft der Polizei verurteilte das Fanverhalten scharf.
Die Konfrontation ist trauriger Höhepunkt einer seit dem Risikospiel gegen Dynamo Dresden Anfang November aufgeladenen Stimmung. Aus Polizeikreisen verlautete, dass man selbst von der Problematik überrascht sei, da es lange keine Schwierigkeiten mit der Berliner Fanszene gab. Die Hertha-Fanhilfe bezog scharf Stellung gegen die Polizei und die Berliner Politik - nicht aber gegen die eigene Vereinsführung.
„Vertreter des Vereins haben immer wieder im Dialog mit der Polizei versucht, eine Deeskalation herbeizuführen. Dass dies von der Einsatzleitung und der verantwortlichen Innensenatorin ganz offensichtlich nicht gewünscht ist, zeigt der heutige Tag“, hieß es in einer Mitteilung.
Görlich kündigte an, dass man mit allen Beteiligten sprechen werde. Auch mit der Politik, die in Berlin sicherlich andere Probleme hat als einen eskalierenden Fan-Konflikt. Die von den Fans kritisierte Innensenatorin Spranger war am Samstag im Stadion. Man wolle von den Protagonisten „etwas mehr gehört werden, weil das wollte keiner“, sagte Görlich zur Position der Vereinsführung.
Die spezielle Brisanz für die Hertha-Bosse ist das enge Verhältnis zur organisierten Fanszene, die mittlerweile wie auch bei anderen Vereinen einen gewissen Einfluss in die Club-Gremien hinein hat und zuletzt auch bei Mitgliederversammlungen die Hertha-Politik mitlenkte.
Bernsteins Vermächtnis in Gefahr?
Konflikte der Vergangenheit schienen lange ausgeräumt. Ex-Präsident Kay Bernstein hatte für eine neue Kultur des Miteinanders gesorgt. Sein Nachfolger Drescher führt diesen Berliner Weg fort. Die Eskalation einen Tag nach Bernsteins zweitem Todestag ist besonders bitter.
Die sportlichen Auswirkungen des 0:0 rückten durch die Ereignisse in den Hintergrund. Trainer Stefan Leitl hatte kurz nach dem Spiel noch keine Detailkenntnisse, bedauerte aber, dass sein Team nicht wie gewohnt unterstützt wurde. „Das ist schade, weil die Jungs einfach ein sehr, sehr gutes Spiel gezeigt haben und der Support wahrscheinlich heute noch mal diese ein, zwei Prozent vielleicht herausgekitzelt hätte und wir hätten uns gemeinsam belohnen können“, sagte er.