1. MZ.de
  2. >
  3. Panorama
  4. >
  5. Sexualisierte Gewalt: „Für Betroffene ist das einfach viel zu langsam“

Sexualisierte Gewalt „Für Betroffene ist das einfach viel zu langsam“

Was für Kirchenverhältnisse schnell geht, dauert für Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kirche viel zu lange: Betroffenensprecherin Nancy Janz sagt, warum sie sich zum Rücktritt entschlossen hat.

Von dpa 07.02.2026, 06:30
Nancy Janz, die Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland, will zurücktreten. (Archivbild)
Nancy Janz, die Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland, will zurücktreten. (Archivbild) Sina Schuldt/dpa

Hannover/Bremen - Der „föderale Flickenteppich“ der evangelischen Kirche hemmt nach Ansicht einer Opfer-Sprecherin schnelle Fortschritte für die Betroffenen sexualisierter Gewalt. Ein einheitliches Verfahren für Betroffene bei Landeskirchen und Diakonie sei das große Ziel, die Leitungsebene müsse das aber „umsetzen wollen“, sagte Nancy Janz, die Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland. 

Die Umsetzung der sogenannten Anerkennungsrichtlinie mit Verbesserungen für Betroffene liege nun in der Verantwortung der Landeskirchen und Landesverbände der Diakonie - was „schwierig“ und „zermürbend“ sei. Es sei ein „riesengroßer Verwaltungsapparat“, in dem es lange dauere, bis Veränderungen von oben nach unten weitergegeben werden. „Das hat viel mit Haltung zu tun“, betonte sie. „Da ist deutlich Nachbesserungsbedarf.“ Janz hatte unlängst ihren Rücktritt angekündigt. 

Für Betroffene geht es „viel zu langsam“ 

Zwar gebe es Fortschritte, „aber für Betroffene ist das einfach viel zu langsam“, sagte sie. Den Menschen fehle auch die Vergleichsmöglichkeit: Doch etwa juristische Begleitung für Betroffene - die habe es vor zehn Jahren nicht gegeben. 

Dennoch: „Es ist immer eine Hürde, sich zu melden. Für Betroffene ist das kein Spaziergang, durch ein Verfahren zu gehen.“ Und es führe zu Frust, wenn verantwortliche Personen nicht aus dem Dienst genommen würden. 

Janz: Es braucht eine wesentlich bessere Kommunikation 

Im 2022 geschaffenen Beteiligungsforum suchen Betroffene und kirchliche Vertreterinnen und Vertreter gemeinsam nach Lösungen, um sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche umfassend aufzuarbeiten und künftig zu verhindern. Eine Ende Januar 2024 vorgelegte Untersuchung zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Diakonie hatte mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßliche Täter für die vergangenen Jahrzehnte dokumentiert. 

„Ich glaube, was es braucht, ist eine wesentlich bessere Kommunikation“, sagte Janz. „Viele Betroffene kritisieren, dass sie schlecht informiert werden.“ Die Menschen wollten „wissen, was gemacht wird“. Sie betonte aber, die kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum seien „deutlich auf der Seite der Betroffenenvertreter“. 

Rücktritt „sehr persönliche Entscheidung“ 

Ihr am Mittwoch bekanntgegebener Entschluss zum Rücktritt sei eine „sehr persönliche Entscheidung“, sagte Janz. Es gebe nicht den einen Punkt, der die Entscheidung habe reifen lassen. Sie wolle auf sich und ihre Gesundheit achten - und ihre Kraft schonen. Auch mache sich die Familie „nach vier Jahren bemerkbar“. Die Arbeit des Beteiligungsforums wolle sie nicht infrage stellen, es sei in den vergangenen Jahren unglaublich viel gearbeitet worden. 

Aber: „Wir werden immer wieder infrage gestellt, weil wir mit der Kirche zusammenarbeiten.“ Manche Kritik sei „sehr persönlich und sehr verletzend“. Doch Glaube und Kirche hätten in ihrer Biografie einen großen Stellenwert, betonte sie. Sie habe Veränderungsprozesse von innen heraus anstoßen wollen. 

Eher kurzfristige Nachfolgelösung erwartet 

Im Juni 2024 hatte Janz in einem Vortrag vor der Landessynode der Landeskirche Hannover geschildert, wie sie in Celle als 17-Jährige von einem Geistlichen sexuell missbraucht wurde. Sie habe sich nach einer Familie gesehnt. „Er nahm sich meinen Körper und ich durfte dazugehören“, sagte Janz, die in Bremen lebt. Vertreter der Kirche hätten sie damals im Stich gelassen. 

Nach einer Übergangszeit will sie sich nun ihren Worten zufolge zurückziehen: „Ich gehe nicht von heute auf morgen.“ Sie rechnet mit einer eher kurzfristigen Nachfolgelösung, die Übergangszeit werde „maximal bis zum Sommer“ dauern.