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Filmfestival Berlinale-Endspurt: Wer gewinnt den Goldenen Bären?

Schon seit Beginn der Berlinale wird wiederholt über Politik diskutiert. Dabei wird eines fast vergessen – die Filme im Wettbewerb. Nun wird der Goldene Bär verliehen. Welche Filme sind die Favoriten?

Von Peter Claus, dpa 20.02.2026, 07:00
Sehen viele Kritiker weit vorn: „Rose“ von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller.
Sehen viele Kritiker weit vorn: „Rose“ von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller. Christoph Soeder/dpa

Berlin - Bei all den politischen Debatten auf der Berlinale kommt eines fast zu kurz: der Blick auf das, was auf der großen Leinwand passiert. Schon seit der Eröffnung vor einer Woche wird darüber diskutiert, wie politisch ein Filmfestival sein muss – oder vielmehr, wie klar sich ein Filmfestival politisch positionieren muss, zum Beispiel zum Nahostkonflikt.

Dabei verhandeln viele Filme die Frage, wie wir eigentlich miteinander leben wollen. An diesem Samstag werden nun die Auszeichnungen verliehen und es wird spannend, welchen Film Jurypräsident Wim Wenders und seine Kollegen in diesem Jahr auszeichnen. Wer hat Chancen auf den Goldenen Bär? Hier sind mehrere Kandidaten.

Dieser Film liegt bei etlichen Kritikern vorne

Der österreichisch-deutsche Spielfilm „Rose“ mit Sandra Hüller („Anatomie eines Falls“) in der Hauptrolle spielt im 17. Jahrhundert in einem kleinen Dorf. Hüller verkörpert eindringlich eine Frau, die sich als Mann ausgibt. Sie heiratet sogar ein junges Mädchen (Caro Braun) aus dem Ort. Nur so glaubt sie, selbstbestimmt leben zu können. Doch ihr Traum scheitert blutig.

Hüller und die Österreicherin Braun in ihrer ersten großen Kinorolle als Roses Ehefrau beeindrucken mit differenzierten Charakterstudien. Der Wiener Regisseur Markus Schleinzer („Michael“) zielt mit der in der Vergangenheit spielenden Emanzipationsgeschichte künstlerisch originell deutlich auf die Gegenwart. Vielen gilt der Film als aussichtsreichster Kandidat auf den Goldenen Bären.

Das ist der schönste Wettbewerbsfilm der Berlinale

Die stärkste Konkurrenz für „Rose“ hat den Titel „The Loneliest Man in Town“. Der schönste Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale stammt vom italienisch-österreichischen Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel („La Pivellina“). Sie erzählen vom Wiener Jazz-Musiker Alois Koch. Immobilienspekulanten vertreiben ihn in hohem Alter aus seinem lebenslangen Zuhause und zwingen ihn zu existenziellen Entscheidungen.

Das dokumentarische Material ist mit magischer Leichtigkeit montiert. Man glaubt, einen Spielfilm zu sehen. Es ist, als hätte sich Kochs Musik direkt in Bilder verwandelt. Herzenswärme und Sozialkritik sind in ergreifender Intensität miteinander verwoben. Dialoge braucht es dazu kaum. Alles Wesentliche ist zu sehen. Geradezu schwerelos verwandelt sich der leise Film in eine Ode an die Kraft der Schwachen und weitet sich zudem zu einer kritischen Bestandsaufnahme des Zustands der westeuropäischen Gegenwart.

Dorfclans und verbotene Stimmen

Der Berliner Regisseur İlker Çatak („Das Lehrerzimmer“) liegt mit dem Politdrama „Gelbe Briefe“ auch gut im Rennen um den Goldenen Bären oder eine der anderen Auszeichnungen. Die Story eines Künstlerpaares in der Türkei, das aus politischen Gründen mundtot gemacht werden soll, fesselt von der ersten bis zur letzten Szene. Zudem hat die Story eine hohe Allgemeingültigkeit.

Ein zweiter Bären-Kandidat zeigt ebenfalls Leben in der Türkei: „Kurtuluş“ („Erlösung“) von Erfolgsregisseur Emin Alper („Eine Geschichte von drei Schwestern“). Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt die Filmerzählung vom mörderischen Kampf zweier dörflicher Clans gegeneinander. Neben der enormen Spannung und hohen künstlerischen Qualität überzeugt auch hier die Universalität der Story.

Denkbar ist aber ebenso, dass „Nina Roza“ das Rennen macht, ein Plädoyer dafür, das Leben nicht an materiellen Erfolgen auszurichten. Die kanadische Drehbuchautorin und Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles („Eine Kolonie“) beleuchtet das anhand der Entwicklung eines Kunstspezialisten aus Montreal, der nach vielen Jahren erstmals wieder in sein Heimatland Bulgarien kommt. Seine Erfahrungen dort spiegeln konturenscharf den gegenwärtigen Zustand der Welt im Allgemeinen.

Der wuchtigste Film stammt aus dem Tschad: „Soumsoum, die Nacht der Sterne“. Im Stil an eine antike griechische Tragödie erinnernd, wird der Kampf einer 17-Jährigen um schlichte Menschlichkeit verfolgt. Der Film von Regisseur Mahamat-Saleh Haroun („Daratt“) hat emotional sehr starke Momente. Die Verknüpfung einer persönlichen Geschichte mit historischen Überlieferungen und Fragen an die Gegenwart ist von großem Reiz.

Möchte die Jury den Mut zu Originalität belohnen, könnte die Wahl auf „Everybody Digs Bill Evans“ („Alle mögen Bill Evans“) fallen. In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm erkundet der Brite Grant Gee Lebensstationen des US-amerikanischen Jazz-Pianisten Bill Evans (1929–1980). Einfallsreich mit schwarz-weißen und farbigen Bildern und dem künstlerischen Erbe des Musikers experimentierend, erreicht der Episodenfilm eine fast rauschhafte Intensität.

Wer gewinnt den Schauspielpreis?

Die Jury unter Vorsitz von Regisseur Wenders („Perfect Days“) dürfte sich auch mit den geschlechtsneutral zu vergebenden Auszeichnungen für besondere schauspielerische Leistungen schwertun. Die Auswahl ist enorm.

Sandra Hüller und Caro Braun hätten für ihr Spiel in „Rose“ einen Preis verdient. Aber auch Juliette Binoche („Rückkehr nach Ithaka“) und Tom Courteney („45 Years“) im sensiblen Demenzdrama „Queen at Sea“, Hollywoodstar Amy Adams („Nocturnal Animals“) als trockene Alkoholikerin in „At the Sea“ und einige mehr bieten außergewöhnliche Darstellungen.

Die Spannung ist also groß. Am Sonntag endet die Berlinale dann mit einem Publikumstag, an dem viele Filme noch einmal zu sehen sind.