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Bedrohtes Unesco-Weltnaturerbe 40 Jahre Nationalpark Wattenmeer – ein Grund zum Feiern?

Das Wattenmeer ist ein Naturwunder direkt von Niedersachsens Haustür. Den Nationalpark gibt es seit 40 Jahren. Angesichts vieler Bedrohungen für den Lebensraum ist aber nicht allen zum Feiern zumute.

Von Lennart Stock, dpa 06.02.2026, 03:30
Der Nationalpark Wattenmeer gilt als Aushängeschild Niedersachsens. (Archivbild)
Der Nationalpark Wattenmeer gilt als Aushängeschild Niedersachsens. (Archivbild) Hauke-Christian Dittrich/dpa

Wilhelmshaven - Er reicht vom Dollart im Westen bis zur Elbmündung im Osten: In diesem Jahr besteht der größte Nationalpark Niedersachsens, der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, seit 40 Jahren. Aus Sicht von Umweltschützern sind die Erfolge des Schutzgebietes der vergangenen Jahrzehnte allerdings kein Grund sich auszuruhen. BUND, WWF und Umwelthilfe sehen mit Sorge, dass der Nutzungsdruck auf die Nordsee steigt – und damit auch auf das sensible Ökosystem. Sie fordern daher Niedersachsens Landesregierung auf, das Wattenmeer entschiedener zu schützen. 

Das Wattenmeer sei ein einzigartiges Ökosystem, sagt Susanne Gerstner, Landesvorsitzendes des BUND, der Deutschen Presse-Agentur. „Doch dieses in seiner Form weltweit einmalige Schutzgebiet ist durch gravierende Übernutzung in seiner Existenz bedroht.“

Gerstner verweist darauf, dass neben bestehenden Belastungen etwa durch Schifffahrt, Flugverkehr, Munitionsaltlasten, Fischerei, Jagd, Rohstoffgewinnung und Tourismus noch weitere hinzukämen: Etwa die Bohrungen nach Erdgas vor der Insel Borkum am Rande des Nationalparks und der Bau von Kabeltrassen durchs Watt für die Offshore-Windenergie. Das würde weitere Eingriffe in das ohnehin schon stark belastete Ökosystem bedeuten, sagt Gerstner. Die Landesregierung müsse das Wattenmeer konsequent schützen und bestehende Belastungen reduzieren.

Festakt zum Jubiläum in Wilhelmshaven

Das 40-jährige Bestehen des Nationalparks feiert das Land heute mit einem Festakt in Wilhelmshaven. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) will eine Festrede halten. Auch Umweltminister Christian Meyer (Grüne) und der Leiter der Nationalparkverwaltung, Peter Südbeck, werden sprechen. 

Die Landesregierung hatte den Nationalpark per Verordnung ausgewiesen. Am 1. Januar 1986 trat sie in Kraft. Dass das Gebiet unter Schutz gestellt wurde, war laut Landesregierung später auch eine Voraussetzung für die Auszeichnung 2009 als Unesco-Weltnaturerbe des deutsch-dänisch-niederländischen Wattenmeers. Es steht damit nun auf einer Liste mit dem Great Barrier Reef vor der australischen Ostküste und dem Grand Canyon in den USA. 

Umwelthilfe fordert Kurswechsel

Die Deutsche Umwelthilfe hält nichts von einer symbolischen Geburtstagsfeier. „Ein Unesco-Weltnaturerbe schützt man nicht mit Festreden, sondern mit politischen Entscheidungen“, sagt Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Der Geburtstag wäre der Moment für einen politischen Kurswechsel „hin zu konsequentem Schutz statt weiterer Industrialisierung“. 

Die Umwelthilfe identifiziert in einer aktuellen Analyse sechs Risiken für das Wattenmeer. Dazu zählt der Verein etwa den Ausbau von Gasinfrastrukturen am Rande des Nationalparks durch neue Bohrungen und LNG-Terminals, Umweltverschmutzungen etwa durch Öl-Austritte oder Biozid-Einleitungen durch LNG-Terminals und Schiffsverkehr sowie die Gefahr von Schiffshavarien.

Droht der Verlust des Weltnaturerbe-Titels?

Auch die Welterbe-Kommission der Unesco hatte zuletzt wiederholt deutlich gemacht, dass es nicht mit dem Welterbestatus des Wattenmeers vereinbar sei, Rohstoffe wie Öl, Erdgas und Salz am Rande des Gebiets oder sogar innerhalb des Wattenmeers zu fördern. Umweltschützer fürchten daher, dass der Welterbe-Titel auch wegen der Gas-Pläne vor Borkum in Gefahr sein könnte. 

Auch Holger Wesemüllers Feierlaune ist angesichts der zunehmenden Industrialisierung der Nordsee getrübt. Das Wattenmeer bekomme deshalb inzwischen international Aufmerksamkeit, sagt der Vorsitzende des Nationalpark-Beirats. In dem Gremium sind neben Naturschutzverbänden auch Kommunen, Wissenschaft, Tourismus und Fischerei vertreten.

Schutzgebiet fast so groß wie Mittelmeerinsel

„Ich wünsche mir, dass die An- und Nachfragen der Unesco-Kommission an die Wattenmeerstaaten und speziell auch an Niedersachsen endlich mal aufhören – das heißt, dass die Eingriffe und Störungen endlich abgestellt werden“, sagt Wesemüller. Das Motto des Nationalparks „Natur Natur sein lassen“ müsse das oberste Ziel sein.

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ist nach seinem Pendant in Schleswig-Holstein der zweitgrößte Nationalpark Deutschlands. Das Schutzgebiet beginnt vom Deich an, umfasst das Wattenmeer und die Ostfriesischen Inseln (außer die Siedlungsbereiche) und die Meeresgebiete nördlich der Inseln. Die Fläche ist zusammen 3.450 Quadratkilometer groß – das ist etwa fast so groß wie die spanische Mittelmeerinsel Mallorca. 

Welche Fortschritte es gibt

Doch 40 Jahre Nationalpark habe auch einige Erfolge gebracht, betont Wesemüller. „Die Welt sähe hier an der Küste anders aus, wenn der Nationalpark nicht dagewesen wäre – garantiert.“ Mit der Etablierung des Nationalparks sei etwa die Wattenjagd eingestellt worden, erinnert Wesemüller. 

Heute ist der geschützte Nationalpark Lebensraum von mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten. Seehunde und Robben etwa haben gesunde Populationen. 

Außerdem sei ein Rangersystem aufgebaut worden, sagt Wesemüller. „Das ist ein echter Erfolg. Das sollte weiter verstärkt werden und auch auf die Wasserflächen ausgeweitet werden.“ Auch die Umweltbildung sei mit den Nationalparkhäusern gewachsen. Jährlich kommen etwa 20 Millionen Übernachtungs- und Tagesgäste an die Küste, oft um die Natur zu erleben.

WWF-Experte: „Bleibt viel zu tun“

Neben Risiken durch die Energiepolitik sorgt Umweltschützer auch Folgen des Klimawandels für das Wattenmeer. „Die Erhitzung ist schon da, Sommersturmfluten kommen hinzu. Brut- und Rastvogelbestände leiden darunter besonders, etwa wenn Nester und Jungtiere weggespült werden“, teilt Jannes Fröhlich, Programmleiter Wattenmeer beim WWF Deutschland mit. Langfristig müsse das Wattenmeer möglichst gut mit der Nordsee mitwachsen, um sich an den beschleunigten Meeresspiegelanstieg anpassen zu können.

„Auch nach 40 Jahren Nationalpark bleibt viel zu tun“, bilanziert auch Fröhlich. „Wir müssen alles geben, um diesen Schatz der Natur zu erhalten und damit auch unsere Lebensgrundlagen zu schützen.“

Was der Umweltminister sagt

Auch Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) sieht den Nationalpark vor Herausforderungen. „Die Folgen des Klimawandels, der steigende Meeresspiegel, das Verschwinden von Seegrasflächen, die Biodiversitätskrise, die Umweltverschmutzung etwa mit Plastikmüll, der steigende Schiffsverkehr gerade auch von Öl- und LNG-Gastankern aber auch die geplanten Gasförderungen am Rande des Nationalparks bedrohen eine einzigartige Natur“, sagte der Minister kürzlich in einer Mitteilung. 

Meyer gab aber auch zu bedenken, dass die Gründung des Nationalparks vor 40 Jahren keine Selbstverständlichkeit gewesen sei. „Die Natur vor dem Deich entlang der gesamten niedersächsischen Küste umfassend unter Schutz zu stellen, hat sich zu einer besonderen Erfolgsgeschichte entwickelt. Davon profitieren Tiere, Pflanzen und Menschen gleichermaßen“, sagte er weiter.