1. MZ.de
  2. >
  3. Mitteldeutschland
  4. >
  5. Wirtschaft
  6. >
  7. Produkt aus der DDR: Das Geheimnis von Werder Ketchup

Produkt aus dem Osten Das Geheimnis von Werder Ketchup: Darum überzeugt der DDR-Klassiker bis heute

Werder Ketchup prägte den Alltag vieler Menschen in der DDR und ist bis heute erfolgreich. Trotz starker Konkurrenz bleibt die Marke gefragt und baut ihre Produktion aus. Was hinter dem Erfolg steckt und welche Pläne das Unternehmen verfolgt.

Von Jonas Lohrmann Aktualisiert: 14.01.2026, 13:13
Werder Ketchup gehört zu den wenigen DDR-Marken, die die Wende überdauert haben und bis heute im Handel sind.
Werder Ketchup gehört zu den wenigen DDR-Marken, die die Wende überdauert haben und bis heute im Handel sind. (Foto: Imago/Dreamstime)

Werder. – Es war ein Handgriff, den jeder kannte: Flasche nehmen, kurz schütteln, Deckel auf, Klecks drauf. Werder Ketchup war in der DDR das Ritual zu Bockwurst, Bratwurst oder – wenn vorhanden – Pommes. 

Die Glasflasche stand auf Kantinentischen, in Gartenlauben und auf den wackeligen Klapptischen der Grillabende. Wenn irgendwo eine Bockwurst dampfte, war Werder nicht weit – genauso wie Bautz’ner Senf.

Ostprodukt mit Tradition: Die Ursprünge von Werder im Havelland

Doch die Alltagsikone hat ihre Wurzeln lange vor der DDR. Schon im Jahr 1873 schlossen sich in Werder im Havelland mehrere Obst- und Gemüsebetriebe zusammen. Sie wollten ihre Ernten besser nutzen und daraus haltbare Produkte machen.

Lesen Sie auch: Ost-Klassiker nach der Wende: Diese DDR-Produkte gibt es bis heute im Supermarkt

Hergestellt wurden Saft, Marmelade und Obstwein. Von Ketchup war damals noch keine Rede. Trotzdem wurde hier der Grundstein für eine Marke gelegt, die später Millionen begleiten sollte.

Über viele Jahrzehnte wuchs der Betrieb ruhig und stetig, Frucht für Frucht, Glas für Glas. In einer Region, die für ihre Obstkulturen bekannt ist, entwickelte sich ein Unternehmen, das für zuverlässige Qualität stand.

Bis heute ist der Werder-Tomatenketchup an seiner typischen Glasflasche zu erkennen.
Bis heute ist der Werder-Tomatenketchup an seiner typischen Glasflasche zu erkennen.
Foto: Imago/Eventpress

1958 in der DDR: Der Beginn des Werder Tomatenketchups

Der entscheidende Schritt kam 1958. In diesem Jahr brachte Werder Tomatenketchup auf den Markt. Was zunächst nur eine neue Sorte war, wurde schnell ein großer Erfolg.

In der DDR gab es kaum fertige Ketchups. Und keiner schmeckte so ausgewogen wie der von Werder: tomatig, leicht süß, würzig und ohne Schärfe. Der Geschmack traf genau den Nerv der Zeit. Damit wurde Werder Ketchup zu einem festen Teil des Alltags in der DDR.

Lesen Sie auch: Von Halloren bis Katzenzungen: Diese DDR-Süßigkeiten kennt jeder Ossi

Auch die ikonische Glasflasche trug dazu bei. Sie stand für ein ehrliches Produkt ohne Schnörkel. Werder Ketchup gehörte bald zu fast jeder Mahlzeit, bei der Würstchen oder Pommes auf dem Tisch standen.

Wie Werder Ketchup die Nachwendezeit überstand

Mit der Wiedervereinigung änderte sich vieles. Aus Teilen des früheren VEB Werder Feinkost entstand die "Werdersche Wein & Früchte GmbH".

Doch der Betrieb musste sich plötzlich im freien Markt behaupten. Westliche Marken kamen in die Läden, alte Verkaufswege brachen weg. Die Zahl der Beschäftigten sank von mehr als 130 auf nur noch 26. Viele glaubten, dass die Geschichte von Werder damit zu Ende sei.

Außerdem interessant: Von der ersten Flasche bis zum Marktführer: Wie Rotkäppchen zum Verkaufsschlager wurde

Auch der Zustand des Werks ließ kaum Hoffnung: Es befand sich in einem katastrophalen Zustand, die Gebäude waren baufällig, die Technik veraltet. Die Alteigentümerin, an die die Treuhand den Betrieb eigentlich zurückgeben wollte, war bereits zu alt, um sich noch einmal auf das unternehmerische Abenteuer einzulassen.

Abrisspläne nach der Wende: Wie Arbeiter den Werder Ketchup retteten

Schließlich übernahm der bayerische Architekt Heinrich Geiger das Werk. Eigentlich wollte er das Fabrikgelände abreißen, doch vor Ort traf er auf rund 20 Beschäftigte, die unbeirrt weiter Ketchup produzierten. Ihr Einsatz überzeugte ihn, die Fabrik doch weiterzuführen.

Ausgerechnet der Geschmack hielt die Marke am Leben. Die Nachfrage nach dem Original blieb hoch, das Sortiment wurde fortgeführt und behutsam erweitert. Gleichzeitig investierte Geiger Millionen in die Sanierung der Gebäude und neue Maschinen.

Später ging das Unternehmen in den Besitz westdeutscher Eigentümer über, die es bis heute führen. Seit 2003 trägt es den Namen Werder Feinkost GmbH. Die Marke wurde modernisiert, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Heute reicht das Angebot von klassischem Ketchup über Bio- und Curry-Varianten bis hin zu zuckerfreien Sorten sowie BBQ- und Grillsaucen.

Blick in die Flaschenabfüllung der Produktion Anfang der 2000er Jahre.
Blick in die Flaschenabfüllung der Produktion Anfang der 2000er Jahre.
Foto: Werder Feinkost

ZDF-Test "Besseresser": DDR-Ketchup schlägt Westmarken

Dass diese Treue zum Geschmack keine bloße Ost-Nostalgie ist, zeigte sich auch im Test. In der ZDF-Sendung "Besseresser" traten bekannte Marken wie Heinz, Hela und Alnatura gegen Werder an: verkostet mit Pommes, analysiert im Labor, bewertet von Koch Tim Armann und Verbraucherschützerin Britta Schautz.

Das Ergebnis überraschte viele, aber nicht die, die Werder kannten: Der Geschmackssieger kam aus Brandenburg. Werder landete auf Platz eins. Tomatig, ausgewogen, mit feiner Currynote und als einzige Probe neben Hela sogar frei von Schimmelpilzgiften. In den anderen drei Marken wurden diese in geringen, aber unbedenklichen Mengen nachgewiesen.

Umzug: Neues Kapitel für den DDR-Klassiker Werder

Heute ist Werder der meistverkaufte Ketchup im Glas in Deutschland und Marktführer in Ostdeutschland. Und auch räumlich schlägt die Marke ein neues Kapitel auf: Seit Ende 2025 verlässt das Unternehmen nach mehr als 150 Jahren den historischen Standort nahe dem Bahnhof. Zu wenig Platz, enge Zufahrten und der zunehmende Verkehr hatten die Produktion dort an ihre Grenzen gebracht.

Lesen Sie auch: Nur echte Ossis wissen, was diese DDR-Wörter bedeuten

Mit dem Umzug an den Rand der Havelstadt hat das Unternehmen jetzt mehr Platz, bessere Verkehrswege und mehr Möglichkeiten, weiter zu wachsen. Denn vor allem im Westen Deutschlands sieht Werder noch viele neue Kunden.