Botschaften von 1908

Welche Dokumente im Turm der Stiftskirche Frose gefunden wurden

Gemeindekirchenrat wertet die Unterlagen aus, die im Turmknopf gefunden wurden. Die älteste Nachricht stammt von 1756.

Von Regine Lotzmann
Botschaften aus der Vergangenheit - in altdeutscher Schrift.
Botschaften aus der Vergangenheit - in altdeutscher Schrift. (Foto: Frank Gehrmann)

Frose - Die Wetterfahne war gefühlt wohl immer hin. „Wahrscheinlich war das nur ein Vorwand, um in den Turmknopf hineinschauen zu können, um zu sehen, was da drinnen ist“, unkt Rüdiger Kempe mit einem schalkhaften Lachen. Denn in den Unterlagen, die bei der aktuellen Sanierung des Turmhelms der Froser Stiftskirche zutage kamen, war die Reparatur der Fahne fast in jedem Schriftstück aufgeführt. Zu allen Zeiten.

Kempe sitzt in seinem Pfarrhaus und wertet die geborgenen Dokumente gemeinsam mit seinem Gemeindekirchenrat in angeregter Runde aus. Zur Sicherheit wurde bereits alles eingescannt. Was auch den Vorteil hat, dass man entsprechende Stellen, die schwer zu entziffern sind, am Computer einfach vergrößern kann. Denn viele Dokumente sind in altdeutscher Schreibschrift, in Sütterlin verfasst. Und Ursula Petrak und ihr Mann Karl-Heinz können viel davon lesen. Nur ab und an beginnt das Rätselraten.

Ursula und Karl-Heinz Petrak helfen beim Lesen von Sütterlin-Dokumenten

Die ältesten Informationen, die die Christen da vor sich liegen haben, stammen vom 4. Oktober 1756 - da wurde erklärt, dass Frose eine glaubenslutherische Gemeinschaft ist. „Pastor Paul Meißner“, sagt Kempe, der der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates ist, „hat die alten Dokumente am 11. Mai 1908 übertragen.“ Damit sie auch für kommende Generationen im Turmknopf verwahrt werden können.

Seine Notizen besagen ebenfalls, dass 1834 Friedrich Weise der neue Pastor war, 1841 die Türme mit Schiefer neu eingedeckt wurden und es im August 1900 sogar einen Blitzableiter für die Kirche gab. Ein Schreiben des Herzoglichen Hof-Klempnermeisters Carl Schmidt, der damals die „Blitz- und Schutzanlage“ und natürlich eine neue Wetterfahne installiert hatte, wurde beigefügt.

Unter den Münzen befand sich ein alter Pfennig und eine Gedenkmünze  für die Anhaltischen Kohlewerke Frose.
Unter den Münzen befand sich ein alter Pfennig und eine Gedenkmünze für die Anhaltischen Kohlewerke Frose.
Fotos (4): Frank Gehrmann

Fahnenstange, Kugel und Wetterfahne hätten eine neue „Kupferstülpung“ erhalten, schreibt Schmidt in seinen Zeilen „der Nachwelt zur Kenntniss“. Ausgeführt wurden die Arbeiten vom Monteur Theodor Schrader, geboren 1869 in Russland, Jalta, vom Froser Dachdeckermeister Franz Römer sowie dem Ascherslebener Schieferdecker Christian Hohmann.

Hof-Klempnermeister Carl Schmidt installierte eine Blitz- und Schutzanlage am Turm

Im Jahr 1907/08, als Pfarrer Meißner die vorherigen historischen Vorkommnisse auf ein Neues im Knopf hinterlassen hatte, wurden die Bauarbeiten an der Kirche hart erkämpft. Denn die Finanzen waren knapp. 1.250 Reichsmark sollten die Arbeiten kosten. Von der Kirche erhofften sich die Froser einen Zuschuss von 400 Reichsmark. Dinge, die damals nicht in Ordnung waren: Schiefereindeckung, Dachgehölz und wiederum die Wetterfahne.

Auch in den 1880er Jahre sollte schon einmal gebaut worden sein. „Dafür haben wir nun die Nachweise, dass dies tatsächlich geschah“, sagt Rüdiger Kempe. Eine Abschrift der Festschrift von 1892 liegt dabei und eine Bauordnung aus dem Jahr 1890.

Äußerst spannend finden die Froser auch die beigelegten Zeitungen. Im Kirchblatt gibt es eine Abhandlung zur Geschichte der Froser Stiftskirche. Hier wird vermutet, dass der Tod von Geros Sohn 948 den Anlass zur Klostergründung gab. Beim Blick in die Anhaltische Harz-Zeitung vom 10. Mai 1908 staunen die Froser über Meldungen, in denen von Überfällen, Straftaten und Selbstmorden berichtet wurde, aber auch, dass eine Prinzessin zur mehrwöchigen Kur aufbrechen würde und im Herzoglichen Hoftheater in Ballenstedt am 12. Mai 1908 „Doktor Klaus“ aufgeführt wird - ein Lustspiel in fünf Aufzügen.

Anhaltische Harz-Zeitung berichtet 1908 über ein Theaterstück in Ballenstedt

Besonders berührt ist Ina Lankotsch, die als Gast in der kleinen Runde sitzt, aber von einem handschriftlichen Zettel. Hier berichtet ihr Großvater Paul Neliba 1950 von den Zuständen in Frose. Der geschickte Handwerker war Gemeindearbeiter und reparierte damals alles im Dorf, was kaputt war - von Fußwegen über die Schule bis hin zur Kirche.

Spannende Meldung gibt es in der Anhaltischen Harz-Zeitung von 1908.
Spannende Meldung gibt es in der Anhaltischen Harz-Zeitung von 1908.
(Foto: Frank Gehrmann)

Hier sei eine Neueindeckung des Kirchturms notwendig gewesen, heißt es in den Unterlagen. Und auch die Wetterfahne wurde heruntergenommen, weil sie nicht mehr „gangbar“ war. Im geöffneten Knopf fanden sich Schriftstücke mit Durchschüssen. Eine alte Tradition. Froser, die heil aus dem Krieg zurückgekommen waren, schossen auf die Turmbekrönung.

„Paul Neliba hat damals versucht, mit Nichts das Dach zu reparieren“, sagt Kempe und zollt dem Handwerker Hochachtung. Denn die Zeiten, bestätigt der inzwischen Verstorbene in seinem Brief von 1950, waren alles andere als leicht.

„Paul Neliba hat damals versucht, mit Nichts das Dach zu reparieren.“

Rüdiger Kempe, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates in Frose

Die Jahre ab 1945 seien zum Verzweifeln gewesen. Viele Menschen seien verhungert. Inzwischen gehe es wieder bergauf. Doch die Leute würden schon wieder reden, schrieb er und hoffte, dass die „Friedensstifter“ Erfolg haben würden, damit es für die Nachkommen bessere Zeiten gebe.

Alle Dokumente waren in Kartuschen verschweißt.
Alle Dokumente waren in Kartuschen verschweißt.
(Foto: Frank Gehrmann)

Was mit all diesen Dokumenten nun geschehen soll, darüber ist sich der Kirchengemeinderat noch nicht einig. „Wir haben auf alle Fälle Kopien angefertigt“, erklärt Kempe. Ob dann die Originale wieder hoch in den Knopf kommen, weiß er noch nicht. Auf alle Fälle werden die Schriften durch Aktuelles ergänzt.

„Da kommen neue Zeitzeugen mit rein, unsere neue Chronik, der Seeland-Bote, ein Gemeindebrief.“ Und es soll noch einen Infotag geben, wo die Schätze vorgestellt werden, die dann in einem digitalen Info-Punkt verewigt sind. (mz)