Abgründe am Oberhof

Harzkrimi-Autor Helmut Exner bringt Lilly Höschen und zwei weitere Schriftsteller mit

Wie der Gaterslebener Oberhof in ein gefährliches Gelände verwandelt wird.

Von Regine Lotzmann 27.09.2021, 14:00
Helmut Exner (in Rot) hat seine Krimi-Kollegen Reinhard Lehmann und Gabriela Bock nach Gatersleben mitgebracht.
Helmut Exner (in Rot) hat seine Krimi-Kollegen Reinhard Lehmann und Gabriela Bock nach Gatersleben mitgebracht. Foto: Frank Gehrmann

Gatersleben/MZ - Die Idylle trügt. All die spätsommerlichen Rosen, die sich verträumt am Bruchstein emporranken. Die Kerzen, die auf der Treppe flackern. Der kühle Sekt, der in den Gläsern perlt.

Auf dem Gaterslebener Oberhof tun sich trotzdem Abgründe auf. Skurrile Morde. Entführungen. Nahtoderfahrungen. Denn die Gaterslebener Bibliothek hat wieder zu ihrer beliebten Harzkrimi-Lesung eingeladen.

Und wie immer ist Helmut Exner - der nun schon zum zehnten Mal in den beschaulichen Seelandort kommt - nicht allein. Der Verleger, der selbst ein Krimiautor ist, hat Reinhard Lehmann und Gabriela Bock mitgebracht. Und alle drei lassen die Zuhörer in die Welt der Verbrechen abgleiten, die nicht nur Gänsehaut macht, sondern durch den Wortwitz der Autoren auch vergnüglich ist.

„Hier verbinden sich Wahrheit und Fixion“

„Vorsicht! Die Auszüge enthalten Schimpfwörter, Gewalt, Grausamkeiten, Tötung“, warnt Lehmann die Leute vor, bevor er aus seinem ersten regionalen Krimi „Zinnobertod“ liest. Der Thalenser - Jahrgang ’51 -, der in seinem Berufsleben Metallurge und Ingenieur gewesen ist, hat nun im Rentenalter genügend Zeit für sein blutrünstiges Hobby. In seinem Buch lässt er Benno Lorenz ermitteln, einen Kriminaloberkommissar aus dem LKA Magdeburg. Auch andere Orte sind real - der blankgewienerte Po der Hexenfigur auf dem Hexentanzplatz beispielsweise. Ein ungemütlicher Ort für Fesselspiele. Aber auch wahre Vorkommnisse fließen in die Geschichte mit ein. So soll im Eisenhüttenwerk in Thale ein Mann in eine Gießpfanne voll flüssigem Stahl gesprungen sein. „Dieser Sprung ist tatsächlich passiert. Hier verbinden sich Wahrheit und Fixion“, meint Lehmann.

Anschauliche Beschreibungen

Erfahrungen aus ihrem Leben lugen spitzbübisch auch immer wieder aus Gabriela Bocks Geschichte „Die schwebende Hausfrau“ hervor. Die Autorin - ebenfalls Jahrgang ’51, Heilpraktikerin, vom südwestlichen Harzrand und in Gatersleben keine Unbekannte mehr - besitzt eine große Familie. Genau wie Suse Maibaum, die Heldin des Buches, die nach neuen Herausforderungen sucht. Und sie letztlich auch findet, als viele ältere Menschen aus ihrer Umgebung auf seltsame Weise ums Leben kommen. Bock gibt ihrer Hauptfigur dabei nicht nur einen liebenswert-chaotischen Charakter, sondern versteht es auch, die handelnden Personen und die Szenen so anschaulich und mit einem Blick fürs Detail zu beschreiben, dass man sich mittendrin in der Geschichte befindet. Und herzlich mitlacht, wenn Suse beim Schwur nicht auf den sauberen Klinikboden spucken möchte, sondern panisch nach einer Alternative sucht.

Lachen können die Zuhörer auch wieder bei den Abenteuern der schrulligen, aber schlagfertigen Lilly Höschen - mit Sch wie in Schule und nicht der kurzen Hose -, die inzwischen schon auf die 90 zugeht. Helmut Exner, dessen neuer Harzkrimi noch nicht fertig ist, hat deshalb die Kurzgeschichte „Lilly und die Kidnapper“ mitgebracht. Hier schaffen es Lilly und ihre Freundin, zwei dreiste Entführer lahmzulegen. Wobei Exner die Miss Marple des Harzes in hoher fistelnder Stimme sprechen lässt.

„Erst 2010 hab ich das erste Mal selbst ein Buch geschrieben“

„Ich bin ein Spätberufener“, gibt der Duderstädter zu, der einen Buchverlag besitzt und zuerst nur Werke über Elektronik auf den Weg gebracht hatte. „Erst 2010 hab ich das erste Mal selbst ein Buch geschrieben.“ Als er sich auf die Suche nach einem Verlag für seinen Roman machen wollte, meinte sein Sohn: „Quatsch, das können wir doch selbst verlegen.“

Daraus haben sich nun die Harzkrimis entwickelt. „Mit 50 bis 60 Krimis im Bestand und 13 Autoren.“ Er selbst arbeitet gerade an seinem 20. Buch. „Wann ich das gemacht habe, weiß ich selber nicht“, sagt der 67-Jährige und lacht. Seine ersten Lesungen nach der Corona-Pause genießt er. „Man merkt, dass die Leute wieder so richtig Lust darauf haben.“

„Wir finden, dass Lesen wichtig ist“

Auch der Einladung nach Gatersleben ist er gern gefolgt. „Ich finde es wunderbar hier und komme immer so gern. Das ist so eine Idylle“, schaut er auf den Hof vor der Bibliothek, über den gerade der Duft von Grillwürstchen zieht. Denn der Verein ExLibris-Bücherfreunde unterstützt die Bibliothek, sodass die Lesung für die Besucher nicht nur kostenfrei ist, sondern sie auch mit Würstchen und Sekt versorgt werden.

„Wir finden, dass Lesen wichtig ist“, begründet Vereinschefin Martina Ballin das Engagement ihrer Mitstreiter, die gern solche Höhepunkte schaffen. Bibliotheksleiterin Martina Ruppert weiß das zu schätzen. „Es ist schön, dass wir wieder etwas machen können“, denkt auch sie an die vergangenen Monate, in denen das öffentliche Leben durch Corona eingeschränkt war. Und sie weiß, dass Exner einer der Lieblingsautoren ihrer Leser ist. „Die Bücher sind immer gleich weg.“