Verqualmte Bilanz

Verqualmte Bilanz: Sachsen-Anhalt sucht neue Wege zum Schutz der Nichtraucher

halle - Verbote halten viele Menschen nicht vom Rauchen ab - auch weil kaum kontrolliert wird. Das Land sucht neue Wege zum Schutz der Nichtraucher.

Von Ralf Böhme
Aschenbecher und Nichtraucherschild
Aschenbecher und Nichtraucherschild imago stock&people

Zehn Jahre Nichtraucherschutzgesetz - und in Sachsen-Anhalt qualmt es weiter wie sonst nirgendwo in Deutschland. Alarmierenden Zahlen will das Land nun ein neues Konzept gegen das Rauchen entgegensetzen. Bereits bis Ende August soll die Landesstelle für Suchtfragen einen ersten Entwurf vorlegen. Grund dafür seien die aus dem Ufer laufenden medizinischen Folgekosten der Sucht.

Kontrollen, die bislang ausschließlich den Gemeinden und Landkreisen obliegen, haben keinen Durchbruch gebracht. Selbst eine große Stadt wie Halle ahndet pro Jahr nicht mehr als 16 Verstöße. Das macht unterm Strich lediglich eine Bußgeld-Einnahme von 3.335 Euro. Dennoch will die Kommune nun auch das Rauchen auf Spielplätzen und in öffentlichen Anlagen verbieten.

Der Verzicht auf Tabakwerbung und ein Rauchverbot an Haltestellen ist nach Auskunft von Stadtsprecher Drago Bock ebenfalls in der Diskussion. Rauchverbote in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden, damals Auslöser hitziger Diskussionen, gelten landesweit seit 2007. Sie sollen Nichtraucher vor dem gesundheitsschädlichen Passivrauchen schützen, Raucher in ihrem Verhalten bremsen.

Immer mehr schwangere Frauen greifen zur Zigarette

Die aktuelle Bestandsausnahme fällt ernüchternd aus. Obwohl die Belästigung durch Rauch in Gaststätten, Schulen, Jugend- und Gesundheitseinrichtungen eingedämmt worden sei, spricht Ute Albersmann, Sprecherin des Gesundheitsministeriums, von insgesamt „besorgniserregenden“ Untersuchungsergebnissen. Ein Beispiel: „Der Anteil der schwangeren Frauen, die zu Zigaretten greifen, ist deutlich angestiegen.“ In Zahlen: Von sechs Prozent im Jahr 2000 auf inzwischen fast 17 Prozent.

Auch die Abkehr junger Leute vom Tabak ist weitestgehend ein frommer Wunsch geblieben. 36 Prozent der männlichen Jugendliche rauchen, 30 Prozent der weiblichen auch. Das sind bundesdeutsche Spitzenwerte, wie das Land bestätigt. Doch nicht nur das: Gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern streiten die Männer hierzulande wieder um Platz eins beim Tabak-Konsum.

Zudem gleicht sich im Vergleich zu 2005 das Rauchverhalten der Frauen in Sachsen-Anhalt dem der Männer an, mit fatalen Folgen. So ist die Zahl lebensgefährlicher Lungenerkrankungen weiblicher Patienten nach Angaben des Landesamtes für Verbraucherschutz angestiegen. Häufig sind damit kostenintensive Rehabilitation und Frühverrentungen verbunden. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Landesstelle für Suchtfragen fordert „erheblich mehr präventive Aufmerksamkeit“

Daher verlangt Helga Meeßen-Hühne von der Landesstelle für Suchtfragen „erheblich mehr präventive Aufmerksamkeit“. Um die Wende weg vom Rauchen zu erreichen, sollte ihren Worten zufolge an vielen Punkten angepackt werden. So müsste Sachsen-Anhalt seinen Einfluss im Bund geltend machen, um Tabakerzeugnisse über Steuern und Abgaben teurer zu machen.

Auch ein generelles Werbeverbot für Zigaretten wäre hilfreich. Zudem sollten Wege gefunden werden, um den Zugriff für Jugendliche einzuschränken. Schulen könnten zur Teilnahme an Nichtraucher-Wettbewerben verpflichtet werden.

Die Koalitionsfraktionen in Magdeburg sähen angesichts der verqualmten Bilanz dringenden Handlungsbedarf, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Eine Verschärfung gesetzlicher Regelungen stehe momentan jedoch nicht zur Debatte. (mz)