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Brockensturm im HarzSpaziergänger im Sperrgebiet - Der Kreuzweg des Grenzsoldaten

Vor 35 Jahren sollte Dietmar Schultke die Westgrenze der DDR mit der Waffe in der Hand verteidigen. Heute wandert der ehemalige Grenzsoldat mit Interessierten auf den Spuren der Geschichte.

Von Steffen Könau Aktualisiert: 09.12.2023, 17:14
Dietmar Schultke auf seinem Kreuzweg hinauf zum Brocken. Die Zeit, die er hier in Uniform verbringen musste, lässt den früheren Grenzsoldaten nicht los.
Dietmar Schultke auf seinem Kreuzweg hinauf zum Brocken. Die Zeit, die er hier in Uniform verbringen musste, lässt den früheren Grenzsoldaten nicht los. Foto: Steffen Könau

Schierke/MZ. - Kurz hinter der Knochenbrecherkurve hält Dietmar Schultke noch einmal an. „Dort drüben war damals natürlich keine Rasthütte“, winkt er mit dem Arm auf ein kleines Holzhäuschen. Dort stand vielmehr der letzte Posten, die letzte Barriere vor dem Brockengipfel. „Wer keinen Passierschein hatte“, erklärt Schultke, „für den war spätestens hier Sendeschluss.“

Keinen Schritt weiter kam ein Normalsterblicher heran ans Gipfelplateau des Brocken. „Auch mich haben sie damals nicht weiter rangelassen“, sagt Dietmar Schultke.

Kathrin Mayer und Christian Stuy waren schon dabei, als Demonstranten Anfang Dezember vor 34 Jahren die Öffnung des Brockens erzwangen.Foto: Steffen Könau
Kathrin Mayer und Christian Stuy waren schon dabei, als Demonstranten Anfang Dezember vor 34 Jahren die Öffnung des Brockens erzwangen.Foto: Steffen Könau
Foto: Steffen Könau

Er wurde 1967 in Brandenburg geboren und lernte dann Zerspanungsfacharbeiter. 1987 wurde Schultke zum Dienst an der Grenze eingezogen.

Im Video: Ehemaliger Grenzer erinnern an Teilung Deutschlands

 
Archiv 09.11.2023: Im "Grenzerkreis Abbenrode" engagieren sich ehemalige Grenzer und klären über die innerdeutsche Grenze auf. (Bericht: Anna Lena Giesert)

Zuvor hatte er mehrere Möglichkeiten erwogen, die DDR zu verlassen, doch alle Pläne scheiterten. Als Grenzer wurde er später wegen eines Dienstvergehens degradiert, 1989 ging er in die Bundesrepublik. Später holte er sein Abitur nach und studierte Politikwissenschaften, arbeitete bei der UNO und hielt Vorträge in Taiwan, Israel und Japan. Sein Buch „Keiner kommt durch“ (atb-Verlag, 13,40 Euro) schildert seine Grenzerlebnisse, eingebettet in die historische Entwicklung des Grenzregimes.

Vom Spreewald in den Harz

Damals, das war vor 35 Jahren, als die DDR den gerade 19-Jährigen aus dem Spreewald als Grenzsoldaten zur Armee eingezogen hatte. Warum, wieso, weshalb?

Schultke, der Ende der 80er eine rege Brieffreundschaft mit einer US-Amerikanerin pflegt, weiß es bis heute nicht. „Ich wurde nach der Einberufung nach Mecklenburg gebracht, dann ging es nach Eisenach, und nach einer Ausbildung zum Hundeführer landete ich hier.“ II. Grenzbataillon, 8. Grenzkompanie. „Ich habe vom Paradies geträumt, von einer Flucht in die USA und der großen Freiheit“, sagt er, „und gelandet bin ich in Elend.“

Es ist die Hölle für den jungen Mann, der sich als Führer seiner Hündin Nena plötzlich gefangen sieht zwischen Grenzzaun und Kompaniebetrieb. „Es gab sieben Sicherheitsstufen, in die alle eingeteilt waren“, sagt er, „ich hatte nur die zweite und durfte niemals allein irgendwohin und nie weiter an die Grenze als bis vor den zweiten Zaun.“ Dahinter erst kommt der Sicherungsstreifen, danach der zweite Metallgitterzaun.

Immer selbst bewacht

Bei jedem Postengang ist ein zweiter Soldat dabei. Immer muss Schultke vorn gehen, „damit der mich im Auge behalten konnte“. Dietmar Schultke, der sich so sehr danach sehnt, frei zu sein, ist so nah am Westen wie nie zuvor. Und so weit entfernt von der Freiheit wie der Mond über dem höchsten Berg Norddeutschlands von der Erde.

„Man hat hier in Nächten draußen gefroren, unter seiner Plane gekauert“, erinnert er sich, „und man hatte immer Angst, dass was passiert, das einen vor schlimme Entscheidungen stellt.“

In seinen zwölf Monaten Grenzdienst hat Schultke nie schießen müssen, es blieb ihm auch erspart, einen sogenannten Grenzdurchbruch zu verhindern oder seine Nena auf einen verzweifelten Flüchtling zu hetzen.

„Nena war ein viel zu lieber Hund“, sagt er, „wenn wir trainierten, wie Grenzverletzer gestoppt werden, ist sie nie auf den Mann gegangen, sondern um den ,Flüchtling’ herumgetänzelt.“ Dietmar Schultke war froh über das fehlende Talent seiner Hündin. „Wäre was passiert, wäre sie meine Ausrede gewesen.“

Alle wollen nur noch vergessen

So wurde an der Grenze im Harz vor dem Weitergehen gewarnt.
So wurde an der Grenze im Harz vor dem Weitergehen gewarnt.
Foto: Steffen Könau

So weit kam es nie. Doch der Gedanke, was hätte sein können und was er dann womöglich hätte tun müssen, hat den gebürtigen Brandenburger nie losgelassen. „Es ist schon wieder alles vergessen“, schimpft er, „die meisten Beteiligten reden nicht, und viele Jüngere wissen nicht mehr, dass es das alles gab.“

Junge Männer wie er, von einem alles beherrschenden Staat gezwungen, ihre Mitbürger an der Flucht zu hindern. Menschen als Rädchen in einem System, in dem jeder jeden bewachte und alle allen misstrauten. „Ich will an all das erinnern, damit es nicht noch einmal so weit kommt.“

Dietmar Schultke hat zwei Bücher über seine Zeit an der Grenze geschrieben, Abrechnungen, die wie sein Bestseller „Keiner kommt durch“ aufklären sollen. „Ich denke, dass es das Unwissen über die DDR-Diktatur ist, das heute so viele in die Arme der Rechten treibt.“

Der SED-Staat werde idealisiert, seine finsteren Seiten verblassen. „Hier wurden Milliarden verbaut, Schicksale zerstört und Menschen nur aus dem Grund ermordet, dass sie woanders leben wollten.“ Schultke nennt die grundlegende Funktionsweise der DDR das umgekehrte „Igel-Prinzip“: Der richtige Igel trage seine Stacheln außen, um sich vor Feinden zu schützen. „Die DDR hatte ihre innen, um ihre Bürger in Schach zu halten.“

Dietmar Schultke als Grenzsoldar mit seiner Hündin Nena vom Brockenblick.
Dietmar Schultke als Grenzsoldar mit seiner Hündin Nena vom Brockenblick.
Foto: Dietmar Schultke

Seit Jahren schon kehrt der Mittfünfziger immer wieder zurück an die Orte, die sich ihm eingebrannt haben. Elend, Schierke, die Brockenstraße und der Eckerlochstieg, die Stangenklippe und die Wegkurve, an der zu seiner Zeit noch die Ilsenburger Skihütte Gäste empfing. „Bis hierher durften Urlauber, wenn sie einen Passierschein hatten“, erzählt er, „weiter oben war dann Schluss, da saßen der sowjetische Geheimdienst und die Staatssicherheit.“

Schultkes Kreuzweg

Schultke kommt manchmal allein, um die Plätze zu besuchen, deren Schatten er nicht los werden kann. Meist aber lädt er zu „Grenzerwanderungen“, Spaziergängen, bei denen er von seinen Erlebnissen erzählt und Geschichte vermittelt, wie er sie erinnert.

Es kommen Alte und Jüngere, Männer, die hier Dienst machen mussten, Ausreiser, Westdeutsche und Ex-DDR-Bürger, die nie das Privileg hatten, im streng abgeriegelten Schierke Urlaub machen zu dürfen. Dass die ganz Jungen nur selten dabei sind und Schulen, die er immer eigens anschreibt, nicht einmal antworten, ärgert Schultke mächtig. „Denn da ist es doch so, dass die die Römer behandeln, dann die Nazi-Zeit und schon sind Abi-Prüfungen.“

Anfang Dezember vor 34 Jahren belagerten Deomnstranten den Brockengipfel, bis die DDR-Staatsmacht die Tore öffnete.
Anfang Dezember vor 34 Jahren belagerten Deomnstranten den Brockengipfel, bis die DDR-Staatsmacht die Tore öffnete.
Foto: dpa

Kathrin Mayer und Christian Stuy aus Quedlinburg gehen Schultkes Kreuzweg diesmal mit, eigentlich nur aus Interesse an der Sichtweise des früheren Grenzers. Erst auf halbem Wege bemerken die beiden, dass sie heute ein Jubiläum feiern.

„Auf den Tag vor 34 Jahren waren wir dabei, als Leute aus der Gegend sich zum ersten Mal hoch auf den Brocken getraut haben, um zu verlangen, dass die Sperrzone verschwindet“, sagt Kathrin Mayer.

„Macht die Brockenmauer auf, wir fordern den ersten Brockenlauf“, hätten sie gerufen, ohne Hoffnung. Aber mit Erfolg: „Nach einer Weile kam ein Offizier und verkündete, sie würden Leute schubweise reinlassen.“

Schon mit dem ersten Schwung brachen alle Dämme. „Alles strömte rein und wir hatten unseren Brocken wieder“, freut sich Christian Stuy heute noch.