Märzwinter

Märzwinter: Freude und Frust liegen nah beieinander

Das Winterwetter hatte Sachsen-Anhalt am Wochenende fest im Griff.

Von Ralf Böhme 18.03.2018, 18:23

Tamo aus Bernburg macht einen Engel im Schnee. Dem neunjährigen Kind auf dem Foto scheint es dabei ziemlich egal zu sein, dass es zum Frühlingsanfang bitterkalt ist. Endlich Winter, ruft es aus - auch wenn der Osterhase demnächst womöglich eisige Pfoten bekommt.

Anders als Kinder kommen viele Erwachsene nicht so gut zurecht mit dem aktuellen Wetter. Das Auto springt nicht an. Die Bahn kommt zu spät. Sie frieren und sorgen sich. Ob das gar der gefürchtete Jahrhundert-Winter ist, der Sachsen-Anhalt jetzt in hohen Schneewehen untergehen lässt? Immerhin, die Brockenbahn, die Wernigerode und den Harzgipfel verbindet, hat am Wochenende schon eine kurze Zwangspause einlegen müssen... Inzwischen schnaufen dort die Dampfloks aber wieder.

Leute, die vom Wetter viel Ahnung haben, sehen das Ganze noch ziemlich gelassen. Florian Engelmann vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig zum Beispiel, der zwar vor beinahe landesweiten Schneeverwehungen warnt, weiß natürlich: Märzwinter sind gewiss eine Ausnahme von der Regel, aber trotzdem keine Seltenheit und schon gar nicht ein Jahrhundert-Winter.

Der Kälteeinbruch Mitte März, so vermitteln Wetteraufzeichnungen über Jahrzehnte, kommt häufig dann, wenn die vorangegangenen Monate eher mild gewesen sind. So kann Engelmann an das Jahr 1958 erinnern: Wernigerode meldet damals knapp 60 Zentimeter Schnee. Aber es genügt auch ein kurzer Rückblick auf 2013 mit Minusrekorden nach dem 8. März und einem winterlichen Osterwetter.

Auch dieses Mal liegt es an arktischen Luftmassen, die ein starker Ostwind nach Sachsen-Anhalt treibt. Ein klassisches Kräftemessen zwischen einem kräftigen Hochdruckgebiet über dem Nordmeer und einem nicht weniger starken Tiefdruckgebiet über Italien läuft ab. Der Temperaturunterschied beträgt gut 40 Grad Celsius - auf Spitzbergen geht es runter auf 20 Grad unter null, auf Sizilien liegt diese Zahl im Plusbereich. Der Vorteil hierzulande: Wem sich die Möglichkeit bietet, der kann in der kommenden Woche ein Kaiserwetter so richtig genießen. Sonne pur und strahlend blauer Himmel sind im Anmarsch. Der Frost soll nur sehr allmählich nachlassen.

Tagesgästen und Urlaubern beschert der Märzwinter einen weißen Wintertraum zum Saisonabschluss. Allein im Harz sind nach Auskunft des Harzer Tourismusverbands knapp 20 Abfahrten präpariert und noch einmal so viele Loipen. Auch sieben Rodelbahnen laden zur Abfahrt ein. Schierke präsentiert sich mit einer Schneehöhe von 87 Zentimetern als wahre Zuckerbäcker-Landschaft mit neuer Eisarena. Einheimische raten jedoch zur Vorsicht bei ausgiebigen Wanderungen. Infolge der Schneelast können Äste herabbrechen, zumal nach dem Januar-Sturm „Friederike“ in den Wäldern noch nicht alle Schäden beseitigt sind. Gleiches gilt freilich auch für viele Stadtforste im südlichen Sachsen-Anhalt, so auch in der Heide in Halle.

Selbst viele Landwirte kommen mit dem Kälte-Kick ganz gut zurecht. Obwohl die Frühjahrsbestellung bevorsteht, gehen beispielsweise die Spargelbauern in Jessen (Landkreis Wittenberg) davon aus: Den Pflanzen schadet es nicht, im Gegenteil. Das lässt auf eine vielleicht etwas verspätete, aber umso bessere Spargelernte hoffen.

Halle: S-Bahnen fallen reihenweise aus

Das Prinzip Hoffnung ist anderswo freilich bereits an seine Grenzen gelangt. Fallen zu Wochenbeginn wie am Samstag reihenweise die S-Bahnen rund um Halle aus, sackt das Stimmungsbarometer auf den Bahnsteigen rasch in den Keller. Dass nicht wenige Autoren und Besucher der Leipziger Buchmesse im Irgendwo stecken geblieben sind, sorgt bei den Betroffenen auch im Nachhinein für viel Unmut und ist kaum mit dem berühmten Hinweis auf höherer Gewalt aus der Welt zu schaffen.

Bahn-Kunden sehen das Unternehmen, das seit Jahren auf Hightech setzt, in der Pflicht. Zumindest Petrus hat ein Einsehen: Der starke Wind, der jetzt noch Schnee in die Gleise weht, soll in den nächsten Tagen nachlassen. Wetterbeobachter Marc Kinkeldeyan auf dem Brocken signalisiert bereits: „Der Wind hat es auf 115 Kilometer pro Stunde gebracht, Windstärke zwölf also und fast Orkan. Aber damit ist es bald vorbei.“