„Luther in 3D“

Martin Luther in 3D: Wer ist dieser Mann?

Berlin/Halle (Saale) - Landesarchäologe Meller und die Filmfirma MotionWorks wagen ein Experiment.

Von Günter Kowa 20.04.2017, 12:23

Der Videoclip dauert nur ein paar Sekunden. Ein fülliger Männerkopf von hinten, mit schulterlangem Haar, wendet sich langsam zum Betrachter um. Ist das nicht Martin Luther? Die Musik raunt geheimnisvoll. Er hat die Augen geschlossen, öffnet sie unvermittelt, verharrt einen Augenblick ausdruckslos und verzieht die Miene plötzlich zu einem leichten Grinsen.

Schlagartig ist der Spuk zu Ende, es folgt ein Nachspann mit Dutzenden von Namen, die Anteil haben an diesem Werk wie einst bei den Lutherporträts die Werkstatt Cranachs. Nur heißt sie jetzt MotionWorks, die hallesche Trickfilmschmiede.

Martin Luther in 3D: Hat so der Reformator ausgesehen?

Immerhin, Luther grinst. Das ist für den Ko-Initiator dieses ultimativen Werbegags zum Reformationsjubiläum, den Landesarchäologen Harald Meller, ein Hinweis auf die Ironie in dem Versuch, Luther zum Leben zu erwecken. Scheint der Reformator selbst doch zu sagen: Nehmt es nicht todernst. Doch wie das mit der Ironie so manchmal geht: Nicht jeder versteht sie.

Meller führt das Museum, das die „Fundsache Luther“ verwaltet. MotionWorks-Geschäftsführer Tony Loeser schlug ihm vor, mit den Mitteln der Animationstechnik einen Scan der mehrfach überlieferten Darstellungen von „Luther auf dem Totenbett“ anzufertigen und diesen auf die sogenannte Totenmaske Luthers, die in Halles Marienkirche und in Kopie im Wittenberger Lutherhaus aufbewahrt wird, zu projizieren, um die Übereinstimmung zu prüfen - was angeblich gelungen ist – und daraus eine dreidimensionale Ansicht zu entwickeln.

Historischer Martin Luther nach Totenmaske nachgebaut

Es wurde gesagt und getan, unter Mitwirkung eines Rechtsmediziners sowie viel fachlicher Zuarbeit aus dem Team, das ohnehin schon die von Meller mitbetreute Amerika-Tournee der mitteldeutschen Reformationsschätze vorbereitet.

Doch das Projekt wuchs über einen „Gag“ hinaus. Unterstützt von der Landesmarketinggesellschaft und in Magdeburg auf die politische Bühne gehievt, wurde es nun zu dem, was der Staatsminister und Minister für Kultur, Rainer Robra (CDU), in Berlin der zahlreich versammelten Presse ganz ironiefrei vorstellte.

„So hat Martin Luther gegen Ende seines Lebens wirklich ausgesehen. Es ist der historische Luther, nach der authentischen Totenmaske.“ Er ist sogar noch authentischer als das, wie Meller anmerkte, denn man hat die in Briefen erwähnten, in Cranachs Porträts unterlassenen Altersmerkmale hinzugefügt, den „Grauen Star“ im linken Auge, die Leberflecken, und natürlich die Spuren von Luthers Fettleibigkeit, das Doppelkinn, die fleischigen Partien um die Wangen und Mundwinkel. Robra kann nur staunen: „Unglaublich! Der sieht so echt aus!“

Wer braucht einen „echten Martin Luther“?

Doch wer brauchte einen „echten Luther“? Es gibt eine Zeichnung des Humanisten Johann Reiffenstein, der Luther wenige Wochen vor seinem Tod skizzierte. Das etwas unbeholfene Blatt lässt keinen Zweifel am Zustand des altersmüden Reformators: Tiefe Furchen durchziehen sein fleischiges Gesicht, ein Auge scheint angeschwollen, das Haar wirkt ungepflegt, das Antlitz von Strapazen ausgezehrt.

Die Cranachsche Bildpropaganda mit dem typisierten Lutherporträt ist da deutlich einer realistischen Sicht gewichen, die das Retorten-Bild von Luther nun ebenso für sich in Anspruch nimmt und für die Gegenwart als „ideologiefreies“ Porträt anbietet.

Die Sinnfrage stellt sich jedoch eigentlich schon am Ausgangspunkt der „Rekonstruktion“, nämlich der „Totenmaske“ oder was seit Jahrhunderten dafür gehalten wird.

Dass der halleschen Mariengemeinde, die das Objekt Luthertouristen zur Schau stellt, neuerdings leise Zweifel aufkommen, ist in der vor einigen Jahren umgestalteten Ausstellung aufmerksamen Besuchern ersichtlich: Die Abnahme einer Totenmaske noch in der Todesnacht oder am Tag danach wird mit „vielleicht“ und „wahrscheinlich“ relativiert (nicht aber auf der Webseite).

Wurde Totenmaske von Martin Luther in Halle abgenommen?

Aber schon 2011 hat der damalige Kurator der neuen Ausstellung im Eisleber Luther-Sterbehaus, der jetzige Direktor des Eisenacher Lutherhauses, Jochen Birkenmeier, in einem Aufsatz im „Luther-Jahrbuch“ auf den Umstand hingewiesen, dass in den ausführlichen Berichten von der Sterbenacht zwar der hallesche Künstler Lucas Furtenagel erwähnt wird, der vom Kopf des aufgebahrten Leichnams eine Zeichnung anfertigte, von einer Totenmaske aber keine Rede ist.

Die Berichte, die so großen Wert auf Detailgenauigkeit legten, um Luthergegnern das „gottgefällige“ Hinscheiden des Reformators zu beweisen, schweigen ausgerechnet über eine Totenmaske, die man doch effektvoll hätte vorzeigen können?

Als unhaltbar muss auch die hallesche Lokaltradition gelten, wonach die Totenmaske in Halle abgenommen wurde, als Luther auf dem Weg nach Wittenberg dort aufgebahrt war: Der Sarg war, wie wiederum die Berichte ausdrücklich feststellen, verlötet.

Nun hat die Berliner Kunsthistorikerin und Expertin in historischen Wachsfiguren, Uta Kornmeier, in einer früheren Studie von Furtenagel gesagt, dass der Künstler in seiner Heimatstadt Augsburg „mit Totenmasken in Kontakt gekommen sein wird“, und dass Justus Jonas, seinem Auftraggeber in der Sterbenacht, als Humanist „die antike Praxis der Totenmasken bekannt gewesen sein“ dürfte, daher die Abnahme einer solchen bei Luther „denkbar“ sei.

Die Abwesenheit irgendwelcher zeitgenössischen Belege nimmt auch sie zur Kenntnis, aber nur in einer Zeile. Stattdessen baut sie ihre Vermutungen zu Furtenagel und Jonas zu Hypothesen über eine vielleicht (noch in der Todesnacht?) geplanten „Schaufigur“ oder „Grabmalfigur“ aus, oder gar einem „öffentlich zugänglichen Sitzdenkmal Luthers“. Das ist zwar für die Mitte des 16. Jahrhunderts kaum vorstellbar, macht ihr aber die Hände plausibel, die in Schreibstellung abgeformt gleichfalls vorliegen.

Bekannt ist, dass spätestens 1693 Wachsmaske und Hände in eine aus Holz konstruierten „Sitzfigur“ eingefügt wurden, wie sie noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts gezeigt wurde. Halles sogenannte Totenmaske ist bestenfalls eine „Luther-Memoria“, und ihre „3D-Version“ die moderne Variante davon - nicht mehr, nicht weniger. (mz)