BildungLehrermangel in Sachsen-Anhalt: Schulmisere spitzt sich zu

Magdeburg - Hunderte neue Pädagogen sollten den Unterrichtsausfall in Sachsen-Anhalt stoppen. Doch eine Prognose weckt Zweifel.

Von Jan Schumann 29.07.2017, 07:00
In Sachsen-Anhalt fehlen Lehrer.
In Sachsen-Anhalt fehlen Lehrer. dpa

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) wird sein selbstgestecktes Ziel, die Schulen ab dem Sommer mit neuen Lehrern zu entlasten, voraussichtlich nicht erreichen. Stattdessen gehen Experten von einer Verschärfung der Lage aus. Nach MZ-Recherchen weisen interne Zahlen aus dem Ministerium derzeit eine Unterrichtsversorgung von knapp 100 Prozent aus.

Das heißt, schon jetzt könnte nicht jede Schulstunde ordnungsgemäß erteilt werden.

Etwa 100 Lehrstellen noch unbesetzt

So würde das Ressort bestenfalls das kritische Niveau des Vorjahres halten. Doch Experten gehen intern sogar von noch schlechteren Zahlen bis zum Schuljahresstart aus. Denn bis Ferienende würden sich erfahrungsgemäß viele Neulehrer kurzfristig umentscheiden: Sie seien jetzt zwar eingerechnet, fielen aber zum Schulstart weg. Nach MZ-Informationen blieben im laufenden Jahr 2017 etwa 100 der bisher 390 ausgeschriebenen Lehrerstellen unbesetzt.

Dabei hatte Bildungsminister Tullner noch im Juni deutliche Besserung angekündigt und eine Quote von 101,9 Prozent prognostiziert. Langfristiges Ziel der Koalition aus CDU, SPD und Grünen: 103 Prozent. So könnten Krankheiten, Schwangerschaften und andere Ausfälle im Lehrerkollegium problemlos abgefangen werden. Um dies zu erreichen, will Tullner nun jährlich 650 neue Lehrer einstellen.

SPD-Chef Lischka reagiert erschüttert

Doch auf die nun bekannt gewordenen Zahlen reagierte SPD-Landeschef Burkhard Lischka „erschüttert“. Die Landesregierung entferne sich von ihrem selbstgesteckten Ziel. „Es bewahrheitet sich, dass durch die Rechentricks des Bildungsministers keine Stunde zusätzlich unterrichtet wird und dass es ein Fehler war, zahlreiche Sprachlehrer wieder aus dem Schuldienst zu entlassen.“

Rechentricks moniert auch die Bildungsgewerkschaft GEW. Gemeint ist Tullners Entschluss aus dem Frühjahr, die Stundenzuweisung an den Schulen zu kürzen: Ab sofort steht pro Schüler weniger Lehrerarbeitszeit zur Verfügung. Die Aufgaben verändern sich zwar nicht. Doch auf dem Papier wird weniger Personal benötigt. Auch die Koalitionspartner sahen dies mit Argwohn.

Lehrermangel trift Sekundar- und Gemeinschaftsschulen am härtesten

Der Lehrermangel grassiert bundesweit, in Sachsen-Anhalt hatte er sich unter der CDU-SPD-Regierung von 2011 bis 2016 verschärft. Nach MZ-Recherchen soll aktuell rund ein Viertel der 450 Grundschulen nicht jede Stunde abdecken können. Am härtesten trifft der Lehrermangel jedoch Sekundar- und Gemeinschaftsschulen.

Sie haben zugleich starke Schülerzuwächse. Im vergangenen Schuljahr konnte in Sachsen-Anhalt insgesamt jede siebte Stunde nicht regulär erteilt werden.

Das Bildungsministerium äußerte sich auf Anfrage nicht zu konkreten Zahlen. „Valide Aussagen“ könne es noch nicht geben, hieß es in einem gemeinsamen Statement mit dem Landesschulamt. Anders als zuletzt soll es diesmal vor Schuljahresbeginn keine Pressekonferenz zur Unterrichtsversorgung geben. Sie solle nach Schulbeginn „mit verlässlichen Zahlen“ folgen, so ein Sprecher. (mz)