Ein Stück Kindheit zurückerobern

Belleben - ein Dorf, in dem nur Kinder wohnen

Belleben - Das Familienleben läuft nicht immer rund - diese Erfahrung hast du bestimmt schon einmal gemacht. Manchmal gibt es Streit oder Konflikte. Aber egal, worum es geht: Letztlich kommt es darauf an, dass ihr euch als Familie vertrauen könnt und dass Meinungsverschiedenheiten friedlich gelöst werden - ohne Gewalt an Körper oder ...

Von Sophie Hellriegel 25.06.2020, 10:02

Das Familienleben läuft nicht immer rund - diese Erfahrung hast du bestimmt schon einmal gemacht. Manchmal gibt es Streit oder Konflikte. Aber egal, worum es geht: Letztlich kommt es darauf an, dass ihr euch als Familie vertrauen könnt und dass Meinungsverschiedenheiten friedlich gelöst werden - ohne Gewalt an Körper oder Seele.

Nicht in jeder Familie ist dies selbstverständlich. Es gibt Kinder, um die sich zu Hause niemand kümmert. Sie sind die meiste Zeit sich selbst überlassen. Es gibt Familien, in denen Kinder geschlagen werden - oder schlimmeres. Mit diesen Erfahrungen müssen sie dann ihr Leben lang umgehen. Allein und ohne Unterstützung schaffen sie das aber gar nicht.

Kinder, die solche Dinge oder ähnlich Traumatisches erlebt haben, können deshalb nicht mehr zu Hause bleiben. Sie kommen dann meist für eine gewisse Zeit in Pflegefamilien unter, oder sie leben in anderen Einrichtungen.

Einige von ihnen sind im Kinder- und Jugenddorf Belleben in Sachsen-Anhalt untergebracht. Die Straße dort heißt „Insel“. Das passt ganz gut, denn das Kinderdorf ist eine eigene, kleine Welt für sich - und ein ungemein wichtiger Schutzort.

Beliebter Mini-Streichelzoo

Auf dem großen Gelände des Kinder- und Jugenddorfes ist viel Platz zum Toben. Ein paar Kinder sausen zum Mini-Streichelzoo. Dort gibt es Kaninchen und Meerschweinchen. „Die Kinder tauen richtig auf, wenn es um die Tiere geht,“ sagt Susanne Acosta. Sie ist Psychologin und zeigt uns das Kinderdorf.

63 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren leben hier, aber natürlich nicht allein. Damit es kein riesiges Tohuwabohu, also ein großes Durcheinander, gibt, arbeiten hier allerhand Erwachsene - darunter sind Therapeuten und Erzieher. Sie sind für die Kinder da - 24 Stunden am Stück, Tag für Tag. In dieser Zeit machen sich die Erwachsenen viele Gedanken über die Entwicklung jedes einzelnen Kindes: Wie geht es ihm gerade? Wo gibt es Probleme? Was tut ihm gut? Dafür setzen sie sich dann oft zusammen und tauschen sich aus.

Das Familienleben kann manchmal schwierig sein und voller Trubel. Und trotzdem ist es gut, dass es Familie gibt. Denn wenn Mama und Papa für dich da sind, Opa ein Eis spendiert und Oma bei den Hausaufgaben hilft, ist das Leben schon ganz schön toll! Weil Bindung, Nähe und Halt für Kinder ganz wichtig ist, gibt es nicht nur Einrichtungen wie das Kinderdorf in Belleben. Es gibt auch Familien, die fremde Kinder für eine bestimmte Zeit bei sich aufnehmen. Diese Familien nennt man Pflegefamilien. Sie kümmern sich um Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Die Pflegeeltern stehen in engem Kontakt mit dem Jugendamt. Das ist eine Behörde, die ganz viele Belange von Familien regelt - mit dem Ziel, Kinder zu schützen.

Und natürlich sprechen sie auch mit jedem Kind selbst - schließlich geht es ja um sein Leben, seine Bedürfnisse und darum, wie es weitergehen kann.

Die Welt steht Kopf!

Auch Susanne Acosta hört genau hin. Das ist eine ihrer Aufgaben als Psychologin: Sie begleitet die Kinder und gibt ihren Problemen und Ängsten - aber auch ihrer Wut, den nötigen Raum.

„Die Kinder, die wir hier betreuen, sind wurzellos. Sie haben Ängste, fühlen sich nicht gehalten - und das bereits von klein auf. Später ecken sie überall an und stoßen wiederum in der Gesellschaft auf wenig Verständnis“, erzählt Susanne Acosta.

Anders gesagt: Mit ihrem auffälligen Verhalten bringen jene Kinder die Erwachsenenwelt mächtig zum Wanken, sie scheinen nirgends so richtig reinzupassen - ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Auch ihr sind Regeln schnuppe. Und die Schule? Findet Pippi überflüssig. Sie macht, was sie will. Keiner kann sie aufhalten. Schließlich hat sie eine Tasche voller Goldmünzen!

Doch leider haben die Kinder in Belleben kein bisschen Gold im Gepäck. Sie tragen vielmehr die Last ihrer Erfahrungen mit sich. Das heißt, sie haben vieles erlebt, das mit einer unbeschwerten Kindheit rein gar nichts zu tun hat.

Wie bloß den Alltag meistern?

Das Kinderdorf Belleben ist deshalb eine Chance. Es bietet eine Möglichkeit, angstfrei zu leben und Vertrauen zu fassen.

Die Kinder und Jugendlichen leben in unterschiedlich großen Wohngruppen, zusammen mit ihren Betreuerinnen und Betreuern. Auch Ralf Hilpert arbeitet dort. Er ist pädagogischer Mitarbeiter. „Den Alltag zu meistern, das ist die größte Herausforderung für die Kinder“, sagt er. „Und wir helfen ihnen dabei.“

Das funktioniert aber nur mit Struktur, sagt er. Wichtig sind deshalb geregelte Abläufe: etwa das morgendliche Aufstehen und Bereitmachen für den Tag, der Schulunterricht sowie das Abendessen und Schlafengehen. Das kommt euch sicherlich bekannt vor. Klar, denn solch ein Fahrplan für den Tag gibt den meisten von uns Halt und Orientierung.

Und gibt es eigentlich Kontakt nach Hause? „Aber ja - der ist sehr wichtig“, sagt Susanne Acosta. Die Eltern seien schließlich immer noch die Eltern, erklärt sie. Am Wochenende können die Kinder meist zu ihren (Pflege-) Familien fahren, oder sie werden von ihren Eltern besucht. Wieder andere fahren beispielsweise zu Ostern oder Weihnachten nach Hause - je nachdem, wie es die familiäre Situation zulässt.

Kulleraugen und Riesenrüssel

Gleich um die Ecke der Kinderdorf-Insel liegt die Förderschule. Hier wird gebüffelt. Allerdings etwas anders, als ihr es vermutlich aus eurer Schule kennt. Die Klassen sind zum Beispiel sehr viel kleiner.

René Nowak ist seit 22 Jahren Schulleiter. „Wir haben Klassen mit maximal acht Kindern. In manchen Klassen sind es sogar deutlich weniger“, sagt er. Er weiß: Nur in solch kleinen Gruppen ist es möglich, auf die jungen Lernenden einzugehen.

Das Lernen in der Förderschule funktioniert langsamer. Neben Rechnen, Schreiben und Lesen geht es im Unterricht darum, Bindung und Vertrauen aufzubauen. „Wir fragen uns täglich: Was können wir den Kindern Gutes tun?“, erzählt René Nowak.

Gerade ist in einer Schulklasse ein bunter Zoo aus Pompon-Tieren mit lustigen Kulleraugen und Riesenrüsseln entstanden. Beim Basteln der weichen Tierfiguren war Feingefühl gefragt, Geduld und Konzentration.

Wie ihr seht, das Kinder- und Jugenddorf Belleben ist ein besonderer Ort. Denn dort gibt es Menschen, die Gutes im Leben der Kinder bewirken wollen. Gemeinsam erobern sie vielleicht auch ein Stück Kindheit zurück. Wir sind uns sicher, das würde Pippi Langstrumpf gefallen. (mz)