Uhrenaufzieher

Kirche „St. Sylvester“ Unterfarnstädt: Karl-Ernst Hoeres zieht zur Zeitumstellung zweimal die Uhr auf

Unterfarnstädt - Karl-Ernst Hoeres klettert jede Woche in den Turm der Kirche „St. Sylvester“, um die Uhr aufzuziehen. Das mechanische Uhrwerk ist einmalig.

Von Katrin Löwe

70 Stufen geht es für ihn nach oben. Es sind steile Stufen auf einer engen Treppe im Kirchturm von Unterfarnstädt - aber Karl-Ernst Hoeres ist das gewohnt. „Die Stufen habe ich allerdings noch nie gezählt“, sagt der Rentner, bevor er sich gemeinsam mit der MZ auf den Weg macht. Dabei klettert der 67-Jährige sie schon seit Jahren einmal pro Woche hinauf, um kurz unter der Turmspitze die mechanische Kirchenuhr aufzuziehen.

Wenn an diesem Wochenende auf Winterzeit umgestellt werden muss, wird er den Weg sogar zweimal auf sich nehmen, wenn auch nicht mitten in der Nacht. Es sei besser, die Uhr einfach für eine Stunde anzuhalten und dann neu anzuschieben als gegen ihre Laufrichtung zu drehen, sagt er. Einmal vor dem Frühstück hoch, einmal danach - das ist der Plan. Ordentlich Bewegung wird Hoeres am Sonntag also haben.

Natürlich könnte man das alles auch elektrisch erledigen lassen. „Aber das Uhrwerk ist einmalig, das muss erhalten werden“, sagt Hoeres. „Wir wollten, dass es so bleibt, wie es 100 Jahre war.“ Im Jahr 1916 ist die Uhr von der halleschen Firma May gebaut worden. Ein entsprechender Schriftzug ist auf ihr noch heute zu erkennen.

Schon viel erreicht

Lange allerdings funktionierte der Zeitmesser nicht - auch vor 20 Jahren nicht, als Hoeres in das Dorf zog. Die gesamte Kirche „St. Sylvester“, 1840 bis 1844 im Tudorstil nach schottischem Vorbild erbaut und einmalig in Sachsen-Anhalt, war dem Verfall preisgegeben. Ein Förderverein, dessen stellvertretender Vorsitzender Hoeres ist, engagiert sich seit 2001 für ihre Erhaltung, sammelt Spenden, organisiert unter anderem das Kirchplatzfest.

Einiges ist inzwischen erreicht worden. Ein Teil des Daches ist saniert, der Rest zumindest soweit gesichert, dass es nicht mehr reinregnen kann. Originalgetreue Bleiglasfenster wurden eingesetzt, eine neue Tür. Putz ist erneuert, eine Toilette gebaut worden. Demnächst soll der Bereich um den Altar farblich aufgefrischt werden. Noch stehen auch große Projekte vor den Vereinsmitgliedern. Die Orgel zum Beispiel sei reparierbar, sagt Hoeres. Das würde allerdings rund 200.000 Euro kosten - Geld, das der Verein nicht hat, zumal als erstes noch Mittel in das Dach fließen müssten.

Zumindest die Uhr läuft aber seit Jahren wieder. 2006 konnte sie restauriert werden, Karl Böhme und sein Enkel hätten damals mehrere Wochen da oben gearbeitet, sagt Hoeres. Auch vier neue Ziffernblätter aus Edelstahl wurden angebracht. Lediglich der Impuls, der den Hammer an der Uhren-Glocke auslöst, wird heute elektrisch gegeben.

„Solange ich noch den Turm hochkomme“

Alle halbe und volle Stunde zwischen sechs und 22 Uhr läutet die Glocke. „Ich freue mich selbst, wenn ich im Garten bin und sie höre“, sagt der Unterfarnstädter. Den „Job“ als Uhrenaufzieher habe er jedenfalls von Anfang an gern gemacht - übrigens selbst als Atheist. „Ich finde, so eine Kirche gehört ins Dorf und man kann sie nicht verfallen lassen“, betont der Bauingenieur. Früher konnte er das Ziffernblatt der Turmuhr von seinem Grundstück aus übrigens sogar noch sehen - inzwischen versperrt ihm ein Baum die Sicht.

Eine Woche und rund eine Stunde läuft die Uhr, ohne aufgezogen zu werden. Auch Besucher dürfen ab und an den Job übernehmen, insbesondere bei Festen. Sie bekommen dann eine Urkunde und einen Schluck hochprozentiges „Uhrenöl“. Und, ja, es ist schon passiert, dass Hoeres nicht pünktlich genug oben war. „Es dauert aber nicht lange, da rufen die Leute an und sagen, die Uhr steht“, erzählt er. So ganz genau übrigens geht der Zeitmesser nicht: zwei bis drei Minuten pro Woche muss er korrigiert werden, bei starkem Wind können es auch fünf sein.

Stellen will Hoeres die Uhr übrigens auch weiter. „Solange ich noch den Turm hochkomme.“

(mz)