Der Musikalien-Krimi

Der Musikalien-Krimi: Der vergessene Schatz des Carl Loewe

Köln/Löbejün - Der Sarg mit der teuren Toten ist abtransportiert. Zurück bleiben die berühmten vier Wände, voll gestopft mit Erinnerungen. Dazu gehören einmalige Musikalien, die auf unerfindlichen Wegen in ihren Besitz gelangt sind. Ihr Wert: Unbezahlbar, so die Internationale Carl-Loewe-Gesellschaft mit Sitz in Löbejün (Saalekreis). Ob Hedwig Schlüter gewusst hat, welchen kostbaren Schatz sie offenbar über Jahrzehnte ...

Von Ralf Böhme

Der Sarg mit der teuren Toten ist abtransportiert. Zurück bleiben die berühmten vier Wände, voll gestopft mit Erinnerungen. Dazu gehören einmalige Musikalien, die auf unerfindlichen Wegen in ihren Besitz gelangt sind. Ihr Wert: Unbezahlbar, so die Internationale Carl-Loewe-Gesellschaft mit Sitz in Löbejün (Saalekreis). Ob Hedwig Schlüter gewusst hat, welchen kostbaren Schatz sie offenbar über Jahrzehnte aufbewahrte?

So viel steht fest: Nachdem die allein lebende Dame in Köln an Heiligabend 2013 im Alter von 97 Jahren starb, wurde ihr Nachlass ein Fall für die städtischen Behörden. Da man kein Testament fand und über Verwandte und Erben nichts in Erfahrung zu bringen war, verfügte ein Gericht die Haushaltsauflösung. Danach erhielt eine Entrümplungsfirma den Auftrag. Einzige Maßgabe: Verkäufliches sollte möglichst zu Geld gemacht werden, um wenigstens die Kosten des Verfahrens decken zu können. Vermeintlich Wertloses müsse, so die gängige Praxis, auf den Müll.

Nachbarn wussten: Die alte Dame hatte einen Bücher-Tick. Dass sich in ihrer Sammlung einmalige Dokumente der Musikgeschichte finden, die manche Forscher längst als Verluste des Zweiten Weltkrieges abgebucht haben, ahnte niemand. Papier gab es jede Menge in der Schlüter-Wohnung, eine große, aber weitgehend ungeordnete Privatbibliothek. Ein vergleichsweises kleines Bündel vergilbter Notenblätter und abgegriffener Musikalienhefte, darunter ein Lehrbuch von 1795, ging in der Fülle des übrigen Materials unter.

Dass in den Papieren der Name Carl Loewe immer wieder auftauchte, ließ - zunächst jedenfalls - niemanden aufmerken. Und so schien der Entsorgungsweg vorgezeichnet. Doch ein glücklicher Zufall kam dazwischen. Der Altpapier-Behälter war an diesem Tag bereits übervoll. Diesem Umstand war es letztlich zu verdanken, dass der unscheinbare Schatz jetzt nach mehr als zwei Jahren über viele Umwege im Löbejüner Museum für Carl Loewe (1796-1869) eintraf.

Das glückliche Ende war allerdings schon kein Zufall mehr. Denn die Gedenk- und Forschungsstätte im Saalekreis bei Halle avancierte in den vergangenen Jahren zur weltweit führenden Institution für die Erbepflege des neben Franz Schubert (1797-1828) wichtigsten romantischen Komponisten, der hier in der Kleinstadt das Licht der Welt erblickte.

Was die Musikfreunde im südlichen Sachsen-Anhalt beim Auspacken insgeheim hofften, bestätigte sich. Der Fund stellte sich als ungemein wertvoll heraus, schlug in Fachkreisen ein wie eine Bombe. Inzwischen bescheinigten international anerkannte Experten wie der Pianist und Dirigent Cord Garben, der sämtliche bislang bekannten Loewe-Werke einspielte und dafür vielfach ausgezeichnet wurde, die Echtheit. Sein erstes Urteil in dieser Sache: „Das ist eine Sensation“, so der umtriebige Künstler und Musikhistoriker aus Hannover.

Das Altpapier-Paket aus Köln enthielt neben historischen Drucken aus dem 18. Jahrhundert und verschiedenen Handschriften auch die Musikalien-Überraschung 2016: die Noten eines seit langem verschollenen Meisterwerkes - die Ouvertüre zur Loewe-Oper „Malekhadel“. Tonsätze für 14 Instrumente auf 30 Seiten auf handgeschöpften Büttenpapier, musikalisch inspiriert von Mozart und Beethoven, erstmals aufgeführt 1833 in Stettin. Und das Thema ist ein Dauerbrenner: Wie sollen sich ein Moslem und eine Christin lieben? Schauplatz des Dramas - Syrien, während eines Kreuzzuges im zwölften Jahrhundert.

Die ganze abenteuerliche Geschichte, wie mit dem Kölner Nachlass eine Lücke in der Musikgeschichte geschlossen werden konnte, erfuhr die MZ vom Präsidenten der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft, dem Kardiologen Andreas Porsche aus der Lutherstadt Eisleben. Der Mediziner mit einem Hang zur detaillierten Dokumentation ordnete das wechselvolle Geschehen für sich in sechs kleine Kapitel, beginnend mit einem ganz gewöhnlichen Telefonat.

Erster Schritt: Ein Anruf aus Köln. Wer war eigentlich dieser Carl Loewe? Solche Fragen erreichen die Mitarbeiter des Loewe-Museums nicht selten. In diesem Falle wollte es die Firma wissen, die sich um den Nachlass von Hedwig Schlüter kümmerte. Porsche: „Da konnten wir natürlich helfen.“ Aber niemand habe nur im Traum daran gedacht, um welche wertvollen Papiere es sich handeln könnte.

Zweiter Schritt: Eine überraschende Nachricht aus München. Ein Wissenschaftler aus Bayern, zu dessen Leidenschaften das Sammeln historischer Dokumente gehört, machte die Carl-Loewe-Gesellschaft auf eine geplante Versteigerung aufmerksam. Auch Unterlagen, die man ihrem Namenspatron zuschreiben könne, würden angeboten. Das machte die Enthusiasten in Sachsen-Anhalt hellhörig, ließ sie für alle Fälle ihre finanziellen Möglichkeiten überschlagen. Von 1 500 Euro, die zur Verfügung stehen, war anfangs die Rede.

Dritter Schritt: Ein Auktionshaus aus dem Rheinland meldet sich. Um sicher zu gehen, holen Versteigerer manchmal Erkundigungen ein, bevor sie die erwarteten Mindestgebote in ihren Angebotskatalogen ausweisen. Expertisen können die Preise purzeln oder in die Höhe schnellen lassen. „Aus der Ferne ist so etwas jedoch kaum seriös machbar“, reagierte Porsche damals vorsichtig.

Vierter Schritt: Ein weiteres Auktionshaus sucht um Hilfe nach. „Offenkundig hatte man das Loewe-Paket von Hedwig Schlüter geteilt, um es besser vermarkten zu können“, so Porsche. Jedoch können die Mitglieder der Loewe-Gesellschaft kein Gutachten abgeben, auch weil sie allesamt ehrenamtlich arbeiten und keine Möglichkeit haben, die Dokumente vor Ort zu prüfen. So legen die Auktionatoren die Angebotspreise nach ihren bisherigen Erfahrungen mit Musikalien fest.

Fünfter Schritt: Eine unerwartete Chance bahnt sich an. Nach Sichtung der Kataloge dürfen Porsche und Co. hoffen, ihren Bestand an Loewe-Erinnerungen ergänzen zu können. Die Versteigerungswerte fallen niedriger aus als gedacht. Das lässt darauf schließen, dass es sich möglicherweise „nur“ um Kopien handelt. Doch auch solche Stücke gehören seit jeher zu den Quellen wissenschaftlicher Arbeit. Briefe, Lehrbücher, Noten - da schlägt das Herz der Loewe-Freunde höher.

Sechster Schritt: Alles oder nichts. Bieter-Marathon per Telefon, für Porsche war jedes Gebot eine Premiere. „Ich musste mich zwingen, kühlen Kopf zu bewahren“. Sonst endet, glaubte er, „der Wettbewerb in einem Bieterrausch.“ Dabei hatte sich Porsche abgesichert und zusätzlichen finanziellen Spielraum organisiert. Sollte das Budget nicht ausreichen, würden mehrere Mitglieder in ihre Privatschatulle greifen. So kam es auch, denn unterm Strich musste am Ende ein bedeutender vierstelliger Betrag überwiesen werden.

Der Versteigerungserfolg löste eine Euphorie aus. Nach und nach wurde den Musikfreunden in Löbejün klar: „Jeder Schriftzug ist ein Original, jede Note, jede Korrektur“, ist Porsche überzeugt. Dafür würden graphologische Eigenarten sprechen, aber auch die typische Loewe-Unterschrift, die Übereinstimmung mit schon bekannten Daten, der Abgleich mit seinen jeweiligen Lebensverhältnissen.

Ins Schwärmen gerät Porsche noch immer angesichts eines heute mindestens 2 500 Euro teuren Briefes. Loewe schickte ihn von Dresden aus seiner spätere Frau Julie. Vier Seiten, datiert 1821, wenige Tage vor seiner Hochzeit mit der Tochter des Kanzlers der halleschen Universität. Mit jeder Geste, mit jedem Wort jubelt Porsche, wenn es um das nächste Projekt der Loewe-Gesellschaft geht: die Aufführung der vom Müll geretteten Ouvertüre zu „Malekhadel“. Die erste Aufführung seit bald 200 Jahren bestreiten das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode unter Christian Fitzer und die Hallenser Madrigalisten.

Während der diesjährigen Loewe-Festtage vom 22. bis 24. April in Löbejün soll das alte, neue Stück erklingen. Selbstverständlich nach den Original-Noten aus der Hand des Meisters. (mz)