Unfallschwerpunkt Autobahn

Autobahn: Autofahrer ignorieren Überholverbote in Baustellen

Bad Dürrenberg/Weißenfels - Viele Autofahrer ignorieren die Verkehrsschilder an den Baustellen, doch gerade dort kracht es besonders häufig.

Von Klaus-Dieter Kunick und Michael Bertram 17.04.2017, 10:00

Das Verkehrszeichen auf der A 9 nahe Osterfeld (Burgenlandkreis) an einer Baustelle in Richtung Berlin ist eindeutig: Es zeigt einen Pkw, der nicht überholen darf, wenn er breiter als 2,10 Meter ist. Ähnlich ist es an der neuesten Autobahnbaustelle in Höhe Günthersdorf. Hier dürfen nur Autos mit einer maximalen Breite von 2,20 Meter die linke Spur befahren.

Doch dass scheint nahezu keinen Kraftfahrer zu interessieren - und wenn es noch so eng ist, die meisten überholen gnadenlos den Brummi vor ihnen. Ein Auto nach dem anderen drängelt sich an demn Lastwagen vorbei. Es geht beim Vorbeifahren dabei nur um einige Zentimeter, die links zur Leitplanke beziehungsweise rechts zum Lkw bleiben.

Autobahnpolizei: „Die Baustellen sind ein Unfallschwerpunkt.“

In jedem Fall sollte der Fahrer wissen, wie breit sein Auto ist. Warum ist das so wichtig? Es gibt drei verschiedene Verkehrsschilder, die im Baustellenbereich aufgestellt werden, so Daniel Pförtsch. Und zwar: zwei Meter, 2,10 Meter und 2,20 Meter. „Das Zwei-Meter-Schild stellen wir allerdings nur im Notfall auf. Ansonsten kann man fest davon ausgehen, dass es dort besonders oft kracht“, ergänzt der stellvertretende Leiter der Autobahnmeisterei Weißenfels.

„Unsere Erfahrungen bestätigen das“, erklärt Veit Raczek: Entweder kommt es zu seitlichen Berührungen beim Überholen oder zu Auffahrunfällen, so der Sprecher der Autobahnpolizei. „Die Baustellen sind mittlerweile ein Unfallschwerpunkt“, erklärt der Polizist.

Auch auf der A9-Baustelle bei Großkugel wird es eng

Daniel Pförtsch bittet schon jetzt alle Fahrer, sich gedanklich auf die Baustelle auf der A9 ab der Anschlussstelle Großkugel in Richtung München bis Ende Juli einzurichten sowie auf die Baustelle im gleichen Monat ab der Anschlussstelle Bad Dürrenberg in Richtung Berlin. „Auf den schmalen Fahrstreifen geht es immer eng zu, jeder Fahrer muss sich 100-prozentig konzentrieren“, berichtet Veit Raczek. Gretchenfrage: Wissen die Fahrer, wie breit ihr Auto ist? Nein, viele wissen das nicht.

Zumindest belegt das eine kleine Umfrage bei Kraftfahrern, die auf dem Parkplatz der Raststätte Osterfeld einen Pausenstopp einlegten. Eine Frau aus Leipzig ebenso wenig wie ein Fahrer aus Stuttgart. Auch Franz Heidrich aus Neustadt (Dosse) wusste es nicht. „Ich schätze mal 1,80 Meter“, sagt er. Doch beim Nachmessen ergeben sich 2,10 Meter. Franz Heidrich hätte in der Baustelle nahe Osterfeld Glück gehabt.

Baustellen-Schilder missachtet: So teuer kann es für ignorante Autofahrer werden

Doch Obacht: Wer das im Baustellenbereich aufgestellte Verkehrsschild missachtet und in eine Kontrolle gerät, darf mit einem Bußgeld von 70 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Dass kontrolliert wird, bestätigt Veit Raczek. In der Regel beginnen die Fahrzeughalter dann die Diskussion, dass ihr Auto doch laut den Fahrzeugpapieren nicht so breit ist. So ist beispielsweise der Ford S-Max laut den Herstellerangaben 1 884 Millimeter breit und dürfte deshalb problemlos die linke Baustellenspur befahren.

Rechtsprechung: Notfalls müssen Autofahrer selbst nachmessen

Die Rechtsprechung rechnet jedoch anders: Für sie gilt die tatsächliche Breite eines Autos – und die beträgt beim Ford S-Max nicht 1 884, sondern mehr - 2 154 Millimeter. In den Fahrzeugpapieren wird der Wert ohne Außenspiegel angegeben. Doch der gehört zur Pflichtausstattung des Autos. Die Angabe im Kfz-Schein ist nicht maßgebend, jeder Autobesitzer ist verpflichtet, sich über die tatsächliche Breite seines Wagens zu informieren. Notfalls müssen Autobesitzer selbst nachmessen oder sich beim Autohersteller erkundigen, so Veit Raczek.

Überholen in der Baustelle: Viele Autofahrer sind sich des Risikos nicht bewusst

„Mehr als die Hälfte aller Autos in Deutschland ist breiter als zwei Meter“, sagt Christine Rettig, Sprecherin des ADAC. Denen ist es verboten, in Baustellen am Lkw vorbeizufahren, wenn das Verkehrsschild zwei Meter anzeigt. „Das ist ein klarer Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung“, erklärt auch Veit Raczek.

Der Polizist sieht das größere Übel darin, dass sich viele Fahrer des Risikos nicht bewusst sind. Die Schuldfrage im Falle einer Kollision zu klären, gestaltet sich schwierig. Schließlich steht die Aussage des Pkw-Fahrers der Aussage des Lkw-Fahrers gegenüber. (mz)