Wo einst Pferde stampftenRestaurantkritik: Wo einst Pferde stampften: Zu Gast in der Brasserie Lözius am Steintor in Halle

Halle (Saale) - Wir haben eine Neue. Brasserie. „Brasserie ist ein französischer Begriff für eine bestimmte Art Gaststätte. Sie ist weniger formell und einfacher ausgestattet als ein Restaurant, verfügt jedoch im Gegensatz zu einem Bistro, Bar-Tabac oder Café über eine größere Auswahl an warmen Speisen.“ Heißt es bei ...

Von Anja Herold 05.11.2016, 18:58

Wir haben eine Neue. Brasserie. „Brasserie ist ein französischer Begriff für eine bestimmte Art Gaststätte. Sie ist weniger formell und einfacher ausgestattet als ein Restaurant, verfügt jedoch im Gegensatz zu einem Bistro, Bar-Tabac oder Café über eine größere Auswahl an warmen Speisen.“ Heißt es bei Wikipedia.

Die Neue befindet sich in Halle in der neu eröffneten Steintorpassage, heißt „Lözius“ - die Begrifflichkeit erklären wir später - und gehört zum Steintor-Varieté. Betrieben wird die Brasserie von der event-net GmbH, steht aber nicht nur den Gästen des Varietés vor und nach Veranstaltungen, sondern allen Hungrigen zur Verfügung.

Das „Lözius“ ist sachlich eingerichtet, aber nicht ungemütlich. Man sitzt dort hinter großen Fenstern, es gibt zwei Etagen, an den Wänden finden sich Illustrationen aus alten Programmheften des Walhalla-Theaters, das das Steintor einst war. An der Bar wird selbstgebackener Kuchen und Quiche präsentiert; jede Menge Spirituosen finden sich auch dort.

Sogar Veganes ist dabei

Auf der Karte werden zum einen, adressiert an Mittagesser, einfache Tagesgerichte angeboten, preiswert, so Sachen wie Gemüseeintopf oder Boulette. Haben wir nicht gekostet, aber wenn wir von unserem Essen ausgehen, dann müssten auch diese einfachen Speisen schmecken. Zum anderen sind dann Gerichte im Angebot, die die Auswahl schwer machen; nicht, weil es so übermäßig viele wären, sondern weil sie alle verlockend klingen. Sogar Veganes ist dabei. Haben wir auch nicht gekostet, aber schön, dass es das gibt.

So. Wir starten mit Lillet Berry, einem Cocktail aus einem französischen Aperitif, einer Art herber Limonade und Waldbeeren, und weil der so gut schmeckt, sind wir dabei geblieben. Wir hätten aber schon auch Wein trinken können; Saale-Unstrut, Frankreich, Rheingau - die Auswahl ist gut. Aber die zweitschönste Nebensache der Welt ist das Essen, und dem galt natürlich unsere Aufmerksamkeit.

Zwei große Filets vom Wolfsbarsch

Einer unserer Starter erwies sich dann gleich als umwerfend und die beste Wahl des ganzen Abends: Lözius-Gartensalat mit Rinderfiletspitzen (13,90 Euro). Ein bunter Salat mit gebratenem Speck und Zwiebeln darin und ganz köstlichen Fleischstücken. Serviert mit drei Näpfchen Saucen: eine Fruchtsauce mit kräftiger Orangennote, eine frische Joghurt-Kräuter-Sauce und ein Bratenfond. Dazu Zwiebel-Beeren-Baguette - ganz wunderbar.

Die andere Vorspeise konnte sich aber auch sehen lassen: Carpaccio von Roter und Gelber Bete, Filet vom Roten Knurrhahn und Meerrettich-Limetten-Schaum (8,90 Euro). Diese Bete wird ja gerne unterschätzt, von uns zumindest, aber in der richtigen Kombination ist sie durchaus ansprechend. Nun, hier stimmte die Kombi, der Schaum war das Krönchen der Vorspeise. Deren Größe ist übrigens recht üppig und für den kleinen Hunger schon fast ausreichend.

Den gibt es bei uns nun nicht, den kleinen Hunger, deshalb machten wir weiter. Mit Lavendelschmorbraten, Rosmarin-Gnocchi und Waldchampignons (15,90 Euro). Das zarte Fleisch und die Sauce hatten einen deutlichen Lavendelhauch, die angebratenen Gnocchi erwiesen sich als perfekte Saucenträger, und die Pilze waren mit Chili und manch anderem gebraten und durch die überraschend scharfe Note sehr interessant.

Adresse:
Am Steintor 9, 06120 Halle

Kontakt:
Telefon: 0345/209 34 70

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 11 bis 22 Uhr

Angebote:
Hauptgerichte von 6,66 (Tagesgericht) bis 24 Euro, offener Wein ab 2,90 Euro (Hauswein)

Bei Hauptgericht Nummer zwei erwies sich vor allem das Weiße-Bohnen-Pürree als überaus schmackhaft, das zwei großen Filets vom Wolfsbarsch mit Zitronenbutter und glasierten Möhren (17,90 Euro) beigelegt war. Einzig die Möhren waren etwas geschmacksarm - aber ganz ehrlich, schmackhafte, fruchtige Karotten zu bekommen, scheint uns heutzutage ein schwieriges Unterfangen zu sein, es gelingt uns jedenfalls selten.

Desserts in perfekter Vollendung

Nachtisch musste natürlich dann auch noch sein. Zweierlei Crème Brûlée mit Tonka-Bohnen und Fenchelsamen und karamellisierten Calvados-Orangen-Scheiben (5,90 Euro) - großartig! Und die Schokoladen-Trilogie: Vollmilch-Blaubeer-Törtchen, ein weißes Schokoladenparfait mit Pistazien und eine Zartbitterganache, letzteres ist eine Art Sahnecreme (5,90 Euro). Die Desserts waren die perfekte Vollendung, und weil sie so gut schmeckten, passten sie dann eben doch noch recht mühelos in uns hinein.

Fazit also: Schön, dass es die Brasserie gibt. Es geht stetig aufwärts mit Halles Gastronomie, und sicher wird sich das „Lözius“ aufgrund seines Angebotes und der guten Lage - wenn denn die Bauarbeiten beendet sein werden - über mangelnden Zulauf nicht beschweren können. Im Sommer ist noch ein Biergarten geplant, die Einschlaghülsen für die Sonnenschirme sind schon im Boden versenkt.

Lange habe man überlegt, erzählte uns die für die Gastronomie zuständige Geschäftsführerin der event-net GmbH, Victoria Keilwerth, ob man die neu entstandenen Räume in der Steintorpassage nun verpachten oder selbst nutzen solle. Die Entscheidung fiel dann zugunsten des Selbst. „Wir bieten gute, bürgerliche, aber individuelle Küche an. Von der Gemüsebrühe bis zur Quiche ist bei uns alles selbstgemacht.“ Zwei Köche, die bereits Erfahrungen gesammelt hätten in guten Häusern, würden für gute Qualität sorgen, sagt Victoria Keilwerth.

Pferdegroßhändler aus Halle

Und nun zu Lözius. Karl Emil Friedrich Lözius war ein Pferdegroßhändler aus Halle, der 1868 eine Reithalle eröffnete. Die diente erst als Rennbahn, aber schon ab 1884 als Interims-Stadttheater. 1889 dann wurde das „Walhalla“-Theater daraus, auf dessen Spielplan damals schon traditionelles Varieté stand, auch „Spezialitäten- und Nummern-Programme“ genannt. Anfang der 1920er Jahre wurde das „Walhalla“ als Kino und Ringkampfarena und erst 1925 wieder als Varietébühne genutzt. Und ab 1945 wurde es dann das Steintor-Varieté.

Das Varieté-Theater am Steintor öffnete also 1889. Das reicht, um als ältestes Varieté Deutschlands zu gelten. Mindestens. Es öffnete schließlich noch vor dem weltberühmten „Moulin Rouge“ in Paris.  (mz)